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Wirtschaft Digitales Österreich
09/02/2019

Wie das Handy zum Schlüssel wurde

EVVA entwickelte die Technologie firmenintern. Digitalisierung sichert den Produktionsstandort mitten in Wien.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Das Prinzip ist seit 4.000 Jahren fast unverändert. Stifte, die einen Balken blockieren und mit einem Schlüssel entriegelt werden: Das kannte man schon im Alten Ägypten. Seither wurde die Technologie aber beträchtlich verfeinert.

Wesentlich beigetragen hat dazu EVVA Sicherheitstechnologie mit Sitz in Wien-Meidling. Erfindungsreichtum gehöre schon seit der Gründung 1919 zur „Unternehmens-DNA“, sagt EVVA-Chef und Eigentümer Stefan Ehrlich-Adám zum KURIER.

Und die Innovation sei auch lebensnotwendig, denn Patente laufen längstens 20 Jahre. Dann muss der nächste Entwicklungsschritt erfolgen. Ende des Vorjahres hatte der Familienbetrieb weltweit 280 Patente angemeldet, dazu liefen 55 Anmeldeverfahren.

Schlüssel per SMS

So manche Technologie erweist sich noch viele Jahre später als Glücksgriff: Mit 3D-Druckern lässt sich heutzutage fast jede Schlüsselform nachformen. Am Magnet-Code-System von EVVA scheitern alle Kopierversuche, weil kleine Rundmagneten jeden Schlüssel einzigartig machen.

Womit die alten Ägypter auch definitiv nicht dienen konnten, ist das Smartphone als Schlüssel. Dass EVVA recht früh ein konkurrenzfähiges System auf den Markt bringen konnte, ist der innovativen Belegschaft zu verdanken. Ein Mitarbeiter hatte die Idee und durfte mit einem Projektteam, quasi als „Start-up“ im Betrieb, diese über mehrere Jahre entwickeln.

Seit 2014 ist AirKey weltweit im Einsatz. Benötigt wird ein NFC-fähiges Smartphone. „Meine AirKey-App ist der Schlüsselbund“, führt Produktmanager Hanspeter Seiss vor. Auf die richtige Schließanlage getippt, Surren: Das Schloss springt auf. Die Tür wird geschlossen: Der elektronische Motorzylinder sperrt automatisch wieder zu.

So sicher wie eBanking

Da EVVA auf Schließanlagen mit komplexen Zutrittsberechtigungen spezialisiert ist, ist Flexibilität ein großer Vorteil. „Bei manuellen Systemen müssen Sie vorher wissen, welcher Schlüssel darf was sperren“, sagt Seiss.

Heute ergebe sich die Nutzung aber oft erst im Laufe der Zeit – etwa bei Airbnb oder Gemeinschaftsbüros. Mit dem Handy-Schließsystem lassen sich Zutrittsberechtigungen jederzeit erteilen oder entziehen.

Neue Schlüssel werden einfach ans Smartphone des Nutzers verschickt. Die Verschlüsselung und Software seien dabei so sicher wie bei eBanking, versichert Seiss.

Digital in der Produktion

Dass Industriebetriebe in der Großstadt produzieren, ist selten geworden. EVVA hält dem Standort am Wienerberg die Treue. 480 von 750 Mitarbeitern der EVVA-Gruppe arbeiten hier und produzieren fünf Millionen Schlüssel oder vier Millionen Kerne pro Jahr, mit denen europaweit zehn Niederlassungen beliefert werden. Die Komplexität ist enorm: 600 Millionen Kleinteile pro Jahr sind nötig.

Auf die Produktion mitten in Wien sei er stolz, sagt Ehrlich-Adám. Der Standort wäre aber in einem Hochlohnland wie Österreich ohne Automatisierung kaum aufrecht zu erhalten.

Was das konkret heißt, zeigt uns Automatisierungschef Andreas Graf. In der neuen Zylinderkern-Füllmaschine flitzt ein Robotergreifarm zwischen einer Unzahl gelber, grauer und blauer Plättchen hin und her. Er pickt sich rasend schnell winzige Kleinteile heraus.

Aus 160 mit unterschiedlichen Sperrstiften befüllten Behältern werden die passenden Teile gewählt und in den Zylinder des Schlosses befüllt. Und das zu hundert Prozent korrekt. „Das ist früher von Hand passiert und war relativ fehleranfällig.“

Hallo, Kollege Roboter

Ein weiteres Projekt, bei dem Roboter und Mensch Hand in Hand arbeiten, soll ab Jahresende starten.

„Wir setzen kollaborative Roboter dort ein, wo es Sinn macht. Etwa weil ich eine ’dritte Hand’ brauche. Oder für ganz einfache, für den Menschen zu monotone Tätigkeiten“, erklärt Graf. Das ist ungefährlich, denn der Roboter „spürt“, wenn ihm ein Mensch nahekommt.

Bei EVVA fielen durch die Automatisierung keine Arbeitsplätze weg, weil die Mitarbeiter für neue Projekte gebraucht werden: Jedes Schlüssel-System, das neu anläuft, wird anfangs in Handarbeit produziert. Somit sichert Innovation nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit, sondern indirekt auch die Jobs.

Nachgefragt: Ein Wettrennen mit Einbrechern und Hackern

KURIER: Statistisch müsste so gut wie jeder Österreicher EVVA-Schlüssel in der Tasche haben. Stimmt das?

Stefan Ehrlich-Adám: Ich glaube schon. Aber es gibt EVVA-Produkte nicht nur in Österreich. Wir haben das Google-Headquarter in Asien, das Juventus-Stadion in Turin oder das Kreuzfahrtschiff "Queen Mary" ausgestattet; viele Projekte zeigen, dass wir international gut aufgestellt sind.

Welche Rolle spielt Elektronik?

Die Welt, aus der wir kommen, ist die Mechanik. Seit ungefähr 25 Jahren hält Elektronik vermehrt Eingang in unsere Welt der Schlösser. Wir arbeiten mit am Markt erhältlichen Chips und Prozessoren und entwickeln daraus Schließsysteme. Unser Auftrag ist es,  Mechanik und Elektronik so kreativ zu kombinieren, dass es dem Kunden den größten Nutzen bringt.

Bei digitalen Systemen gibt es Sorgen, dass Hacker eindringen könnten. Zu Recht?

Sobald Software ins Spiel kommt, ist man Angriffen ausgesetzt. Das ist in der Mechanik genauso, auch dort müssen wir up-to-date sein, ein ständiges Wettrennen  mit Einbrechern. In der Elektronik muss man besonders Acht geben, dass die Software so sicher wie möglich ist. Unser System AirKey – wo das Handy als Schlüssel fungiert – ist in unseren Augen das sicherste von der Verschlüsselung und Softwaretechnologie.

Welche Rolle spielt Digitalisierung in der Produktion?

Digitalisierung muss eine Rolle spielen –  nicht erst seit ein paar Jahren, sondern seit Längerem. Wenn wir ein neues System auf den Markt bringen, erfolgt die Produktion meistens die ersten Jahre in reiner Handarbeit. Wenn das System etabliert ist, automatisieren wir einzelne Produktionsschritte.

Was bringt die Zukunft?

Sie denken vielleicht an Biometrie,  die in unserer Industrie als Identifikationsmerkmal präsent ist. Fingerprint, Irisscan, Handvenen oder Gesichtsgeometrie, all das ist möglich. Solche Lösungen haben einen Sinn, wo Objekte besonders gesichert und Zutritte protokolliert werden müssen. Bei einem Gebäude, wo 3.000 Mitarbeiter ein- und ausgehen, wäre biometrische  Kontrolle zu aufwändig. Diese Rechenleistung, sodass das schnell geht,  ist heute noch nicht machbar.

100 Jahre "Erfinden und Verwerten"

EVVA wurde 1919 von drei Ingenieuren gegründet als „Erfindungs-Versuchs-Verwertungs-Anstalt“. Erstes Patent war 1936 ein Hangschloss.

1977 ließ EVVA erstmals die Schlüssel-Kombinatorik für Schließanlagen durch Computer berechnen.

Weitere  Meilensteine waren unter anderem das GPI-System 1977, bei dem das gesamte Schlüsselprofil gezackt ist (nicht nur die Unterseite).

1979 folgte das Magnet-Code-System, 1992 der elektronische Motorzylinder EMZY und 1993 das 3KS-Kurvensystem mit Wende-
schlüssel und federlosen, besonders haltbaren Zylindern.

Seit 2014 sind die Elektroniksysteme AirKey und Xesar auf dem Markt.