VW muss 363.000 Autos in Österreich zurückrufen

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Foto: APA/EPA/JULIAN STRATENSCHULTE Die mit der Betrugssoftware ausgestatteten Fahrzeuge sollen in Ordnung gebracht werden.

Betroffene Fahrzeuge müssen ab Anfang 2016 in die Werkstatt. Mit Umfrage: Ist der Diesel out?

Die österreichische Politik agiert in der Causa VW weiterhin im Windschatten der deutschen Kollegen. Das deutsche Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hatte Donnerstagmorgen den Rückruf von 2,4 Millionen Fahrzeugen angeordnet. Die von VW vorgeschlagene freiwillige Reparatur lehnt die Zulassungsbehörde ab.

In den 28 Ländern der Europäischen Union holt Volkswagen rund 8,5 Millionen Diesel-Fahrzeuge in die Werkstätten, wie der Konzern am Donnerstag in Wolfsburg mitteilte.

Gegen Mittag gab Verkehrsminister Stöger bekannt, dass auch Österreich diesen Schritt setze. Hierzulande sind 363.000 Autos betroffen: 180.500 VW-Pkw, 24.400 VW-Nutzfahrzeuge, 72.500 Audi, 54.300 Skoda und 31.700 Seat. Die betroffenen Autofahrer müssten von Porsche Austria verständigt werden.

"Unsere rechtliche Prüfung hat ergeben, dass die Anordnung des KBA auch für jene Autos gilt, die in Österreich unterwegs sind", erklärte Stöger das synchrone Vorgehen. Auch beim Zeitplan orientiere man sich daher an Deutschland. Demnach würde der behördlich angeordnete Weg in die Werkstatt Anfang 2016 beginnen, wie der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt bekannt gab.

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Software-Update reicht nicht

Bis wann alle Autos dann wieder den Regeln entsprächen, sei noch offen. Bei VW-Diesel-Fahrzeugen mit 1,6-Liter-Motoren wird nach derzeitigem Stand ein größerer Eingriff nötig. Die Aktualisierung der Software reiche laut Dobrindt nicht aus. Das nötige Bauteil für die Motoren stehe laut VW erst in knapp einem Jahr zur Verfügung. Anders sei dies bei Fahrzeugen mit Zwei-Liter-Motoren. Hier wird es mit der nachgebesserten Software getan sein. Diese müsse laut KBA bis Ende Oktober vorgestellt werden.

VW das einzige schwarze Schaf?

Wie stark der Ruf der gesamten Automobil-Branche durch den VW-Skandal ramponiert wurde, zeigt eine am Donnerstag veröffentlichte Umfrage des Linzer market-Instituts. Die Hälfte der Befragten glaubt, dass auch zumindest ein paar andere Hersteller tricksten.

Dass die Labortests weit von den wirklichen Emissionen abweichen, liegt aber auch an den Testmethoden. In der EU soll deswegen ab 2017 ein neues Testregime eingeführt werden, dessen Details derzeit diskutiert werden.

Autobauer zittern vor Anti-Diesel-Front

Mit dem Skandal um manipulierte Abgaswerte bei Volkswagen wuchs auch die generelle Kritik an der Diesel-Technologie. Die steuerliche Bevorzugung für Diesel wankt derzeit stärker als je zuvor. Frankreich kündigte heute als eines der ersten EU-Länder einen konkreten Kurswechsel an: Die Abgaben auf Diesel sollen im kommenden Jahr um einen Cent pro Liter steigen. Parallel dazu sollen die Steuern auf Benzin sinken. Derzeit hat Diesel dort einen Vorteil von 20 Cent pro Liter gegenüber Benzin. Angesichts des höheren Anschaffungspreises von Dieselfahrzeugen, werden die Verbraucher anfangen zu rechnen.

Sogar im Land der großen Autobauer denken Politiker laut über ähnliche Maßnahmen nach. Mit dem eingesparten Geld könnte man den Einsatz von Elektro-Fahrzeugen stärker fördern, sagte Deutschlands Umweltministerin Barbara Hendricks am Donnerstag dem ZDF-Morgenmagazin. Kurz darauf ruderte die SPD-Politikerin aber zurück und sprach von einem Missverständnis: "Eine Anhebung der Steuersätze für Dieselfahrzeuge steht für mich nicht auf der politischen Agenda."

CO2-Strafen in Milliardenhöhe drohen

Für die Autobauer hätte das weitreichende Konsequenzen. Sie können nur durch den hohen Anteil an Dieselfahrzeugen in ihrer Flotte die CO2-Vorgaben der EU erfüllen. Würde etwa der Absatz der Dieselmodelle um 20 Prozent sinken, drohen den Herstellern in Europa Strafen in Höhe von 3,15 Milliarden Euro, rechnete das Center of Automotive Research (CAR) für das Handelsblatt aus.

Ist der Diesel out?

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Kommentar

1:0 für die USA

Rund 363.000 österreichische VW-Diesel-Fahrer müssen mit ihrem Auto in die Werkstatt. Das ist unangenehm – und ein fortgesetztes PR-Desaster für Volkswagen. Die deutsche Behörde riss dem Konzern mit einer Rückrufaktion das Gesetz des Handelns aus der Hand. Österreich hatte gar keine andere Wahl, als hinterherzufahren. Diese harte Tour ermöglicht es hoffentlich, den Skandal rasch zu bereinigen. Das ist wichtig für Europas Industrie und auch für den Wirtschaftsstandort Österreich mit seiner starken Autozulieferindustrie.

Vieles ist nach wie vor unbeantwortet: Warum haben die Behörden so lange geschlafen, obwohl man über manipulierte Abgaswerte offenbar Bescheid wusste? Und kann es sein, dass so ein Skandal typisch ist für starr hierarchische Firmen? Möglicherweise hat es nämlich einfach niemand dem Vorstand zu sagen gewagt, dass die strengen US-Abgaswerte mit dem vorgegebenen Budget und dem Zeitrahmen nicht zu schaffen sind. Überbringer schlechter Nachrichten werden oft "geköpft". Mit etwas mehr Aufwand wäre das Ziel auch im Normalbetrieb erreichbar gewesen.

Ist übrigens irgendjemandem aufgefallen, dass das (nicht nur in Sachen TTIP) viel geschmähte Amerika deutlich strengere Standards hat als der Umweltschutzkaiser Europa und diese auch prüft? Gut möglich, dass das Ganze auch Teil eines Wirtschaftskriegs zwischen Amerika und Europa ist. Es steht vorerst leider 1:0 für die USA.

Kommentar

Mit dem Diesel leben

Wasserstoff- und Elektro-Autos sind die Zukunft. Die Gegenwart wird bei uns trotz aller aktueller Aufregung weiter durch den Diesel bestimmt.

Die Versuchung ist groß. Jetzt, da der Dieselmotor durch den Normverbrauchs-Betrug von VW in den USA in Verruf gekommen ist, glänzen die erhofften Alternativen heller denn je.

Das Elektroauto wird den einstigen Retter des Weltklimas (wegen seiner CO2-Effizienz gegenüber dem Otto-Motor) dank stark verbesserter Batterie-Technologie und immens verstärkter Ladetechnik demnächst ablösen, trommeln die Stromerzeuger.

Der Wasserstoff-Antrieb wird jetzt endlich in Schwung kommen und dank des Ausbaus der Tank-Infrastruktur den Diesel auch dort ersetzen, wo er (wie zuletzt in Japan) aus der Verbannung geholt wurde, um die CO2-Bilanz  zu retten, hoffen die um ihr Tankstellennetz bangenden Energiekonzerne.

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Die nüchterne Realität ist aber, dass wir auf absehbare Zeit weiterhin mit dem Diesel leben werden. Seine Vorteile im Hinblick auf Gesamtenergiebilanz und Massentauglichkeit sind durch den Test-Betrug nicht kleiner geworden und den beiden Hoffnungsträgern Batterie und Brennstoffzelle hat er weiterhin seine universelle Einsetzbarkeit voraus.

Was im Zuge der aufgeheizten Debatte derzeit wie ein Horrorszenario wirken mag, ist aber kein Grund für Panik. Das Gute an der VW-Affäre ist nämlich, dass sie jetzt auch den kleinen Diesel-Motoren aus Imagegründen schneller die aufwendige Abgas-Reinigungstechnologie bringen wird, die bisher nur bei Großen zwangsläufig eingesetzt wurde.

Ermittlungen

VW drohen weitere Strafen in Italien und USA

Nach dem US-Justizministerium und der Umweltschutzbehörde EPA nehmen nun auch die amerikanischen Wettbewerbshüter Ermittlungen gegen Volkswagen im Abgasskandal auf. Die Federal Trade Commission (FTC) wird unter anderem bei dem Verdacht auf irreführende Werbung aktiv und ist darüber hinaus für den Verbraucherschutz zuständig.

Doping-Staatsanwalt ermittelt in VW-Causa

Auch die italienische Justiz ermittelt weiter: Am Donnerstag wurde der Sitz von VW in Verona durchsucht. Die Ermittlungen laufen gegen sechs Manager, darunter den CEO Massimo Nordio und den Verwaltungsratspräsidenten Luca De Meo, und lauten auf Betrug. Durchsuchungen gab es außerdem am Sitz der VW-Tochter Lamborghini in Bologna. In der Causa ermittelt bereits seit einigen Tagen die Staatsanwaltschaft von Turin. Die Ermittlungen führt Staatsanwalt Raffaele Guariniello, der bei den Olympischen Winterspielen in Turin 2006 das Anti-Doping-Verfahren gegen aktuelle und frühere Mitglieder des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) in die Wege geleitet hatte.

Chronologie

Rückrufe in der Autobranche

Datum Hersteller Fahrzeuge Ursache
       
Oktober 2015 VW 11 Millionen Abgas-Manipulation
September 2015 Fiat Chrysler 1,7 Millionen Lenkrad und Airbag
August 2015 VW 420.000 Lenkrad und Airbag
Juli 2015 Chrysler 1,4 Millionen Software-Sicherheitslücke
Mai 2015 Takata (Zulieferer) 19,2 Millionen Airbag
April 2015 Suzuki 2 Millionen Zündschloss
März 2014 General Motors 2,6 Millionen Zündschloss
November 2013 VW 2,6 Millionen Qualitätsmängel
Juni 2013 Chrysler 2,7 Millionen Tank
Oktober 2012 Toyota 7,5 Millionen Fensterheber
(apa, rts) Erstellt am
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