Wirtschaft
11.05.2018

Die Oldtimer-Szene ist quicklebendig

Nachfrage, Angebot und Preise steigen, Schnäppchen gibt es aber immer noch. Mechaniker jedoch werden seltener.

Roland Singer ist nicht einer jener, die ihre alten Autos streicheln. Der Oldtimer-Liebhaber jagt seine historischen Untersätze lieber über unwegige Pisten und geht das Thema pragmatisch an: „Ein altes Auto muss nach dem Winter wieder anspringen. Und wenn ich eine weite Strecke fahre, will ich ohne Panne wieder nach Hause kommen“, sagt der Eigentümer des Schädlingsbekämpfungsunternehmens ASSA. Andere Oldtimer-Besitzer würden mit ihren edlen Stücken oft nicht im Regen, ja manche sogar gar nicht fahren.

Derartige Berührungsängste kennt Singer nicht. Er ist auf Oldtimer-Langstrecken- und Ausdauer-Rallys, wie 2013 von Peking nach Paris, unterwegs. Auf 13.500 Kilometern ging es mit einem Saab 96 über Stock und Stein durch die Mongolei, Sibirien, die Ukraine, Slowenien, Österreich, die Schweiz bis Frankreich. Die Fahrzeit: Ein Monat. Einmal ging die Benzinpumpe ein, einmal rieb sich der Ventilator in den Kühler, dennoch erreichte er Paris. Das nächste Rennen ist schon geplant, es soll von Neu-Delhi über den Himalaya nach Kathmandu gehen.

Warum fährt jemand mit einem historischen Fahrzeug, das nicht über die Bequemlichkeit eines modernen Wagens verfügt? Wahrscheinlich gerade deshalb. Es gibt aber noch mehrere Gründe, wie das straßennahe Fahrgefühl, der unterschiedliche Charakter jeder einzelnen Marke, der Stil vergangener Tage und die oft erstaunlich ausgereifte Technik. „Oldtimer darf man so fahren, wie sie zugelassen sind“, sagt Singer. Einen alten Wagen ohne Gurten darf man auch heute noch ohne Gurten fahren. Wenn er keine Warnblinkanlage hat, dann hat er eben keine. Das Rütteln und Vibrieren, das Motorgeräusch und der Geruch von Kunstledersitzen an heißen Sommertagen tun ihr übriges.

So vielfältig die Beweggründe sind, einen Oldtimer zu fahren, so bunt ist auch die Community. „Ein Oldtimer hängt nicht unbedingt vom Vermögen ab“, sagt Singer. Nicht jeder kann seinen Oldtimer auch selbst reparieren. Freilich sei auch oft viel Geld im Spiel. Gefragt sind große Namen wie Ferrari, Mercedes, Aston Martin oder Porsche, je PS-stärker und rarer umso besser. Auch Hersteller sind auf den Geschmack gekommen. Mercedes bietet unter „Mercedes Classic“ top-restaurierte Edelkarossen aus dem eigenen Hause an. Das lukrative Geschäft ist auch in Österreich angekommen, so verkauft zum Beispiel Toyota Frey unter Frey Classic ebenfalls Chromjuwelen.

Das Gros der Szene ist jedoch kleinstrukturiert. „Das reicht vom Gärtner, der eine Hebebühne hat, bis hin zum Hauptschullehrer, der sich bei Rolls Royce einschulen lassen hat und heute als Kapazität gilt“, erzählt Singer. Händler, Ersatzteil-Tandler und Mechaniker sind eher Einzelkämpfer, letztere oft nur über private Beziehungen oder Clubs zu finden. „Werkstätten sind zu teuer“, meint Singer. Das Reparieren eines Oldtimers braucht oft viel Zeit, in offiziellen Werkstätten wäre das für die meisten unbezahlbar.

Eine Spezies ist allerdings akut vom Aussterben bedroht, sagt Singer. Während man bei Alpenfahrten zum Beispiel Sportwagen-Klassiker wie einen Jaguar E-Type nach dem anderen sieht, tauchen historische Alltagsautos, wie ein VW-Käfer, kaum noch auf. Die seien entweder weggerostet oder in der Schrottpresse gelandet. „Das Restaurieren zahlt sich oft nicht aus.“ Kein Mensch stecke 30.000 Euro in ein Fahrzeug, dessen Marktwert bei maximal 10.000 Euro liegt. Vor allem in den vergangenen fünf Jahren sind viele von diesen Massen-Autos, die früher zu Tausenden auf den Straßen fuhren, von der Bildfläche verschwunden.

Improvisationstalent

Wer sich einen Oldtimer zulegt, sollte darauf achten, dass er in gutem Zustand ist, sagt Stefan Lurf, Eigentümer der Old- und Youngtimer-Werkstatt Lurf & Miller. „Ich rate davon ab, einen günstigen Oldtimer zu kaufen und reparieren zu wollen, das kann ins Uferlose gehen. Wichtig ist vor dem Kauf eine kompetente Fahrzeugdurchsicht.“ Lurf betreibt laut eigenen Angaben Österreichs einzige professionelle Citroën-2CV-Werkstätte. Gute Mechaniker zu finden, die sich mit der alten Technik auskennen, ist schwierig, so Lurf. Viele Lehrlinge wüssten nicht mehr, was ein Vergaser sei.

Auch wenn alte Autos mit den neuen technisch nicht mithalten können, haben sie in einem Punkt die Nase vorne: „Man kann improvisieren“, sagt Lurf. Früher konnte man eine Strumpfhose als Keilriemen verwenden, so etwas gehe heute nicht mehr. Dennoch waren viele der alten Karossen für ihre Zeit fortschrittlich. Der Citroën Traction Avant, der zwischen 1934 und 1957 gebaut wurde, ging als „Gangsterlimousine“ in die Geschichte ein. Wegen seiner extrem guten Straßenlage eignete er sich ideal als Fluchtauto, so die Legende.

Die Nachfrage nach alten Autos wird mehr, Mundpropaganda sei dabei sehr hilfreich, so Lurch. Die Kundengruppe sei sehr heterogen. Auch stünden noch genug Fahrzeuge in Scheunen herum, die darauf warten, wachgeküsst zu werden.

Nachwuchssorgen auf Kundenseite kennt die Branche keine. „Da mache ich mir keine Sorgen“, sagt Harald Büchler vom Oldtimer-Händler Jüly Oldie-Point. Einmal pro Monat veranstalte er einen Tag der offenen Türe. Jüngst seien 150 Menschen gekommen, um sich die 50 zum Verkauf stehenden Fahrzeuge anzusehen. Das Alter der Interessenten reichte von 30 bis 80 Jahre. „Die Jungen interessieren sich oft für das, Auto das der Vater hatte“, sagt Büchler. Das sei nicht nur heute so, sondern immer schon so gewesen.

Eines hat sich allerdings in den vergangenen Jahren drastisch geändert. „Vor zehn oder 15 Jahren hat der Kunde den Händler noch nach Informationen über ein bestimmtes Fahrzeug gefragt“, sagt Büchler. Heute würden sich Kunden oft besser als Händler auskennen. Durch das Internet seien sie bei jenen Modellen, für die sie sich interessieren, zu richtigen Experten geworden. Und noch etwas ist anders als früher – die Preise. Ein alter Porsche 911 habe früher 20.000 Euro gekostet, heute liege er bei 100.000 und mehr. Doch es gebe noch genügend leistbare Fahrzeuge, wie Ford, Opel oder Youngtimer aus den 90er-Jahren.

Wert von historischen Fahrzeugen steigt nur noch langsam an

BMW-Modelle im Vorjahr mit größtem Zuwachs, im Langzeitvergleich liegt der VW-Bus ganz vorne, Ford Mustang am begehrtestenJährlich erhebt der Verband der Automobilindustrie (VDA) mit Sitz in Berlin den Oldtimer-Index. Gab es demnach in den Jahren nach der Finanzkrise noch jährliche Wertsteigerungen von fünf bis sechs Prozent bei alten Fahrzeugen, so hat sich der Anstieg in den vergangenen zwei Jahren abgeflacht. 2017 waren es nur noch plus 1,4 Prozent und damit weniger als die Inflation.

Bei der Wertentwicklung einzelner Fahrzeuge treten zwei BMW-Modelle aus den 1970er Jahren hervor. Der BMW 320 mit 6-Zylindermotor verzeichnete im vergangenen Jahr den stärksten Wertzuwachs. Mit dem E21, so die Werksbezeichnung der ersten 3er-Generation, begründete BMW die bis heute erfolgreiche Baureihe. Auf Platz 2 folgt der BMW 6er als 635 CSi, der schon seit einigen Jahren immer beliebter wird. Darüber hinaus fällt besonders auf, dass mit dem Triumph TR6 und dem MGB Mark III erstmals seit längerer Zeit wieder zwei englische Fahrzeuge in den Top-10 vertreten sind.

Im Langzeitvergleich steht ein Volkswagen-Modell auf dem ersten Platz: Der beliebte „Bulli“, der Volkswagen Bus Typ 2, verzeichnete in den vergangenen zehn Jahren den mit Abstand höchsten Wertzuwachs. Die zunehmende Beliebtheit von Oldtimer aus München wird jedoch auch hier deutlich. Hinter dem VW Bus rangieren auf den Plätzen 2, 4, 7 und 9 vier Modelle von BMW. Allerdings resultieren einige der Preissprünge aus einem niedrigen Ausgangswert in 2008.

Auf der Plattform AutoScout24 ist der beliebteste Oldtimer das Ford Mustang Coupé. Auf Rang zwei folgt der Ford Mustang Cabrio und dahinter der VW Käfer. Die Reihung ergibt sich aus den Seitenaufrufen. Die Auswertung zeigt eine enorme Preisspanne der beliebtesten Oldtimer: Sie reicht von rund 7000 bis zu 140.000 Euro.


Porsche 911 am teuersten

Die erstplatzierten Mustangs liegen im preislichen Mittelfeld und kosten durchschnittlich 46.300 Euro für das Coupé und 46.500 Euro für das Cabrio. Der Käfer  ist mit 9100 Euro am unteren Ende der Preisskala angesiedelt. Am teuersten ist der Porsche 911, der als Coupé (Platz 10) für durchschnittlich 140.600 Euro angeboten wird. Das sehr hohe Preisniveau der frühen Elfer liegt laut Markus Dejmek, Country Manager AutoScout24 in Österreich, an der heute so begehrten und seltenen Sportversion, etwa dem Porsche Carrera 2.7 RS.

Mercedes ist sogar gleich dreimal vertreten. Auf Platz fünf landet der Mercedes Benz 280  – quasi die erste S-Klasse der Stuttgarter. Mit 14.000 Euro kostet er rund doppelt so viel wie  der Mercedes Benz 200  auf Platz sieben, der für durchschnittlich 7200 Euro angeboten wird. Der mit Abstand teuerste Wagen mit Stern ist der Mercedes Benz 230 auf Platz acht, der in den 60ern hergestellt wurde. Er kostet im Schnitt 32.100 Euro.

Tiefer in die Tasche greifen müssen Liebhaber, die auf amerikanische Sportwagen setzen: Die Corvette C2 (Platz sechs) wird für rund 77.000 Euro angeboten.     „Die Kunden suchen auch im Autobereich das Authentische und Wertbeständige“, fasst Dejmek zusammen.

Richtige Versicherung

In Österreich sind historische Fahrzeuge im Wert von fast vier Milliarden Euro unterwegs. „ Da ist es verständlich, dass gerade für diese Fahrzeuge eine richtige Absicherung essenziell ist“, sagt Peter Schernthaner, Vorstand der EFM Versicherungsmakler. Eine entsprechende Kaskoversicherung sei daher sinnvoll.

„Überlegenswert ist sie deshalb, weil diese Fahrzeuge ein kleines Vermögen darstellen und das Risiko nicht vom Eigentümer getragen werden muss“, so der Experte. Es gibt sowohl Voll- als auch Teilkaskoversicherungen und diese basieren üblicherweise auf einem Gutachten eines Sachverständigen. Vom Schaden kann ein stehendes Fahrzeug auch betroffen sein (Diebstahl, Vandalismus), weshalb die geringe Kilometerleistung laut Schernthaler kein Argument gegen eine Kasko ist.

Bei der VAV Versicherung etwa  gibt es einen Vertrag für Oldtimer (mind. 30 Jahre), Youngtimer (mind. 20 Jahre) und moderne Liebhaber-Fahrzeuge unter 20 Jahren sowie für klassische Motorräder (mind. 30 Jahre), Lkw bis 3,5t Gesamtgewicht (mind. 30 Jahre) und Traktoren (mind. 30 Jahre). Bis zu einem Fahrzeugwert von 50.000 Euro benötigt die VAV  kein Gutachten.
BeispieleBei einem  Ferrari Testarossa (Baujahr 1985, 390 PS, bis zu 3000 km Jahresfahrleistung, Wert von  167.000 Euro) betragen die Jahresprämien für Haftpflicht  122,40 Euro, für  Teilkasko (Selbstbehalt 500 Euro) 474,30 und für Vollkasko (1000 Euro Selbstbehalt) 1267,20 Euro.

Bei einem BMW 850 CSi (Baujahr 1993, 381 PS,  bis zu 7000 km Jahresfahrleistung, Wert 50.000 Euro) macht die Haftpflicht 240 Euro, die Teilkasko 3 (Selbstbehalt 300 Euro)  364 Euro und die Vollkasko (Selbstbehalt 500 Euro) 1025 Euro aus.