Wirtschaft
09.08.2018

Die drei Krupp-Milliardäre kämpfen um ihr Vermächtnis

Zwist zwischen den Aktionären über die künftige Strategie könnte in Zerschlagung enden

Dass ein Börsegang viele Jahre später zu Problemen führen kann, bekommen nun der deutsche Industriekonzern ThyssenKrupp und vor allem die Nachkommen von Firmengründer Friedrich Krupp zu spüren. Nicht nur zwischen den Aktionären sprühen seit geraumer Zeit die Funken, sondern auch zwischen Familie und jenem erlauchten Kreis, der ihre Interessen im Konzern vertreten soll. Mittlerweile haben sowohl Vorstands- als auch Aufsichtsratschef entnervt das Handtuch geworfen. Die Krise mündet zudem in schlechten Zahlen (der Verlust betrug von März bis Juni 131 Millionen Euro). Und es droht die Zerschlagung des Konzerns.

Konkret gibt es zwei Bruchlinien. Die eine zwischen den beiden Finanzinvestoren Cevian und Elliot, die zusammen rund 20 Prozent der Anteile halten, und den anderen Aktionären. Die Fonds wollen bessere Zahlen sehen und machen enormen Druck. Der ausgeschiedene Aufsichtsratschef Ulrich Lehner sprach sogar von „Psychoterror“. Die beiden Fonds drängen auf einen großen Konzernumbau, der in einer Zerschlagung münden könnte. Möglichkeiten dazu gebe es, ist der Konzern doch längst nicht nur im Stahlbereich tätig, sondern sehr breit aufgestellt (siehe unten). So böte sich etwa die lukrative Aufzugssparte für eine Abspaltung an. Konkrete Pläne legten die Fonds aber noch nicht vor. Sowohl Lehner als auch Ex-Vorstandschef Heinrich Hiesinger hatten eine Zerschlagung stets abgelehnt.

„Mit mir nicht“

Auch der größte Aktionär, die Krupp-Stiftung, will keine Unternehmensteile abspalten. „Mit mir nicht“, sagte vor kurzem deren Vorsitzende Ursula Gather. Sie steht aber selbst unter Beschuss – und zwar von der Familie Krupp, womit sich die zweite Bruchlinie auftut.

Während die Familie Thyssen selbst keine nennenswerten Anteile mehr am gemeinsamen Konzern hält, sind es bei der Stiftung 21 Prozent. Der Anteil verringerte sich seit dem Börsegang von Krupp 1992 sukzessive von 100 auf nunmehr 21 Prozent. Und somit ging auch der Einfluss laufend zurück.

Die Krupp-Familie hält der Stiftung vor, zu wenig ihre Interessen zu vertreten. In einem Interview mit dem Handelsblatt hat sich der aus drei Mitgliedern bestehende Familienrat nun erstmals zu den Vorgängen geäußert. „Die Stiftung ist für uns eine Blackbox“, sagt Friedrich von Bohlen und Halbach. Kontakt zu Ursula Gather bestehe nicht. Die Stiftung agiere im Gegensatz zu den Finanzinvestoren („sie haben eine glasklare Strategie“) defensiv und komme ihrem unternehmerischen Auftrag nicht nach.

Konstruktionsfehler

Problematisch an der Stiftung ist ein Konstruktionsfehler bei der Gründung durch den 1967 verstorbenen Alfried Krupp. In seinem Testament verfügte er, dass die Familie in der Stiftung kein Mitspracherecht habe und somit auch nicht im Unternehmen. Ein jahrelanger Rechtsstreit dagegen ging verloren. Das Kuratorium der Stiftung ist prominent besetzt, unter anderen mit dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, oder dem Journalisten Fritz Pleitgen. Alle hochrangig, aber kein Unternehmer, bekrittelt Eckbert von Bohlen und Halbach. „Wie kann eine solche Gemeinschaft hochkomplexe unternehmerische Entscheidungen beurteilen?“

Die Familienvertreter fordern nun ein Mitspracherecht. Gegen eine Neuaufstellung von ThyssenKrupp stellen sie sich aber nicht grundsätzlich. „Es kann Sinn machen, einzelne Sparten zu verkaufen“, sagt Friedrich von Bohlen und Halbach. Das müsse aber einer klaren Strategie folgen. „Die Einheit des Unternehmens bedeutet für uns nicht, bis zum Sankt Nimmerleinstag Stahl oder Aufzüge zu produzieren“, ergänzt Eckbert von Bohlen und Halbach. Denn sonst laufe man Gefahr, ein veraltetes Geschäftsmodell zu verfolgen.

Zwei deutsche Traditionskonzerne: Thyssen und Krupp

Die Anfänge der Firma Krupp reichen bis 1811 zurück. Damals gründete Friedrich Krupp mit zwei Partnern eine Firma zur Produktion von Gussstahl. Erste Produkte waren Walzmaschinen, gefolgt von Eisenbahnschienen und Geschützrohren. 50 Jahre später wurden Eisenerzminen erworben, um von Lieferanten unabhängig zu sein. Ungefähr zur selben Zeit gründete August Thyssen eine gleichnamige Firma zur Produktion von Stahlerzeugnissen. 1906 begann Thyssen mit der Internationalisierung des Geschäfts.

Die beiden Firmen entwickelten sich parallel zu Großkonzernen,  zurückgeworfen von beiden Weltkriegen. 1997 wollte Krupp Thyssen mehrheitlich erwerben. Dagegen gab es massiven Widerstand, sodass beide Konzerne eine Fusion auf Augenhöhe erarbeiteten. ThyssenKrupp ist heute mit 155.000 Mitarbeitern in 80 Ländern in zwölf Bereichen tätig  (u. a. Auto, Bau,  Bergbau, Haushaltsgeräte, Luftfahrt, Maschinen- und Anlagenbau, Schiffbau).