Der Spur des Geldes folgen: "Fossil Divestment" nach dem Pariser Klimagipfel

FILES-US-OIL-PRODUCTION-MARKET
Foto: APA/AFP/KAREN BLEIER Geht das Zeitalter des Öls zu Ende?

Das Pariser Klimaabkommen wird in New York unterzeichnet. Energieexperte Georg Günsberg in einem Gastbeitrag über den Ausstieg aus fossiler Energie.

Rund fünf Monate nach dem Paris Weltklimagipfel wird am Freitag am Sitz der UNO in New York das erste global verpflichtende Klimaabkommen unterzeichnet. Energieexperte Georg Günsberg schreibt in einem Gastbeitrag für den KURIER über das angepeilte Zwei-Grad-Ziel und den Ausstieg aus fossiler Energie.

Im Vorfeld der Klimakonferenz in Paris sendeten viele Investoren ein starkes Zeichen an die Staatengemeinschaft: Sie kündigten an, milliardenschwere Vermögen aus Veranlagungen in fossile Energieressourcen abzuziehen. Der niedrige Ölpreis lässt den Börsenwert von Öl-, Kohle- und Gasunternehmen zudem stark schrumpfen. Jetzt geht es um entsprechende Weichenstellungen in Politik und Markt.

Vor wenigen Wochen war mit Prof. Hans Joachim Schellnhuber einer der renommiertesten Klimaforscher der Welt zu Gast in Wien. In seinem Vortrag bei der österreichischen Windkrafttagung bekräftigte er auf Basis aktueller Forschungsergebnisse die Notwendigkeit, aus der Nutzung von Kohle, Erdöl und Erdgas konsequent auszusteigen. Ohne rasche Abkehr vom fossilen Zeitalter werde die Begrenzung der globalen Erderwärmung auf zwei Grad (bzw. 1,5 °C, wie im Pariser Klimaschutzabkommen angestrebt) nicht erreichbar sein. Eine der größten Hoffnungen sei der Trend zum Divestment aus fossiler Energie, also dem Abzug von Vermögen aus Investitionen, die auf der klimaschädigenden Ausbeutung von fossilen Energieressourcen basieren. Divestment sei eine der wichtigsten Bewegungen des 21. Jahrhunderts, so Schellnhuber. Immer mehr öffentliche und private Investoren, wie etwa Pensionsfonds, Kapitalanlagegesellschaften und Versicherungen, würden der Spur ihres Geldes folgen und keine klimaschädlichen Aktivitäten mit eigenem Vermögen unterstützen wollen.

Leben in der "Carbon Bubble"?

Tatsächlich erlebt der Öl- und Gasmarkt schon derzeit massive Verwerfungen. Die fossile Energiewirtschaft ist gegenwärtig im Umbruch. Der Rückgang des Ölpreises um 65-70 Prozent seit Mitte 2014 bleibt nicht ohne Konsequenzen. Massive Verluste, hohe Abschreibungen, Sparprogramme und Kündigungen auch infolge von Stranded Investments stehen an der Tagesordnung. Laut Analyse von Reuters-Experte John Kemp sind zwischen September 2014 und Jänner 2016 über 100.000 Jobs im US Öl- und Gassektor verloren gegangen.

In this March 29, 2013 photo, a worker uses a head… Foto: AP/Brennan Linsley In den USA gingen viele Jobs in der Branche verloren Informationen in der Financial Times (22.03.2016) zufolge haben Investoren seit Mitte 2014 mit Anleihen im Bereich Öl und Gas einen Verlust von zumindest 150 Mrd. US-Dollar erlitten. Der Aktienwert der 300 größten börsennotierten Öl- und Gasunternehmen ist im selben Zeitraum um knapp 40 Prozent gesunken, was einem Wertverlust von über 2.000 Mrd. US-Dollar entspricht.

Klar ist dieser Rückgang keine unmittelbare Folge der Klimaschutzpolitik, sondern in Zusammenhang mit dem niedrigen Ölpreis (und ebenso gesunkenem Gas- und Kohleimportpreis) zu sehen. Der niedrige Ölpreis ist dadurch erklärbar, dass in den vergangenen Quartalen mehr Öl produziert als nachgefragt wurde. Die Lager sind voll, der Markt ist außer Balance. Aufgrund der hohen Abhängigkeit von Einnahmen aus dem Ölgeschäft sind viele Staaten derzeit kaum bereit, ihre Produktion herunterzufahren. In den USA, wo u.a. dank Schieferöl ein wesentlicher Teil des zusätzlichen Ölangebots der letzten Jahre herkommt, wurde überinvestiert. Die Erwartungen der Investoren werden durch mangelnde Profitabilität enttäuscht; aber wer bereits investiert hat, sehnt einen Preisanstieg herbei und kann aktuell kaum aussteigen. Die Beruhigungspille, dass die aktuelle Preiskurve zyklisch sei und der Markt durch entsprechend steigende Nachfrage wieder in Balance geraten werde, wirkt nur bedingt. Oder wie es ein Vertreter der Branche formulierte: "People keep calling it a cycle. I call it pure hell." (Quelle: Financial Times)

Aber klar ist auch: Worauf der fossile Markt spekuliert, ist mit den Klimaschutzszenarien und dem Zwei-Grad-Ziel weitgehend nicht vereinbar.

Transformation statt Weiter-wie-bisher

Der Erfolg der Klimapolitik hängt sehr unmittelbar von der Entwicklung der Nachfrage nach fossiler Energie ab. Wird es so sein, wie es Ali al-Naimi, Saudi-Arabiens einflussreicher Ölminister beschreibt: "I have no concerns about demand." Oder flacht die Kurve ab und geht idealerweise wieder nach unten, wie es die Klimaszenarien vorsehen?

Saudi Arabia's Oil Minister al-Naimi gestures as h Foto: REUTERS/Naseem Zeitoon Saudi-Arabiens einflussreicher Ölminister Ali al-Naimi In ihrem jährlich erscheinenden, über 700 Seiten starken World Energy Outlook analysiert die Internationale Energie Agentur aktuelle Entwicklungen und Szenarien. Neben dem Business-as-usual-Szenario gibt es auch in der aktuellen Ausgabe 2015 ein Hauptszenario, das aktuelle politische Entwicklungen berücksichtigt, und eines, das sich an der Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels orientiert. Es wird dabei offensichtlich, wie sehr der bisherige Weg in der Energieversorgung von jenem Pfad abweicht, der notwendig wäre, um die Klimaschutzvorgaben zu erreichen. Obwohl die IEA und viele andere Institutionen anerkennen, dass sich die erneuerbaren Energien insbesondere bei der Stromversorgung ihren Platz erkämpfen, ist die globale Energieversorgung von einer Dekarbonisierung noch weit entfernt. Der weltweite Primärenergiebedarf würde nach dem Hauptszenario bei allen Energieträgern weiter steigen. Obwohl erneuerbaren Energieträgern das größte Wachstum zugesprochen wird (+34 %), zeigen neben Erdgas (+31 %) und Nuklearenergie (+13 %) auch Öl (+12 %) und Kohle (+10 %) einen Anstieg. Dies ist sehr konventionell gedacht: Große Brüche, etwa Gamechanger-Technologien, bleiben dabei zu wenig berücksichtigt. Klar ist aber: Mit einem Weiter-wie-bisher Ansatz ist die Klimaschutz-Transformation nicht zu schaffen.

fossildivestment.PNG Foto: World Energy Outlook

COP 21 als Meilenstein

Das Klimaabkommen von Paris ist nicht das Ende eines Weges, aber auch nicht erst der Anfang. Denn schon im Vorfeld haben viele Teile der Klimaschutzbewegung auf Erfolg hingearbeitet, ob in der Zivilgesellschaft, in Städten und Regionen, in einigen Regierungen oder eben auch im Business- und Kapitalmarktbereich. Die COP 21 ist ein Meilenstein am Weg zur Dekarbonisierung. Die kommenden Jahre werden entscheiden, ob wir nicht nur die richtige Richtung einschlagen, sondern auch ob wir schnell genug unterwegs sind. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Der Öl- und Gassektor setzt verzweifelt alles daran, die in Szenarien global wachsende Wirtschaft in Abhängigkeit von fossiler Energie zu belassen und damit steigenden Absatz zu gewährleisten. Dies ist jedoch insbesondere im Bereich Kohle und Öl nicht mit dem 2°C- oder gar mit dem 1,5°C-Klimaziel kompatibel. Die notwendige Dekarbonisierung in Industriestaaten geht damit einher, sich von fossiler Infrastruktur schrittweise zu verabschieden. Daher braucht es insbesondere jetzt in der niedrigen Ölpreisphase ambitionierte Schritte der Politik, die Weichen in Richtung Low Carbon Economy zu stellen. Dazu gehören eine ambitionierte Klima- und Energiestrategie, ein Ende der fossilen Beihilfen der öffentlichen Hand – für Österreich hat das WIFO kürzlich zwischen jährlich rund vier Milliarden Euro kalkuliert - und ein angemessener Preis für CO2 im Steuersystem. Und es braucht Transparenz in den Kapitalmärkten, damit mehr private wie öffentliche Investoren Verantwortung und Leadership für zukünftige Generationen wahrnehmen und somit auch ihr eigenes Finanzrisiko minimieren.

Zur Person

Georg Günsberg ist Politik- und Strategieberater mit Schwerpunkt Energie und Klimaschutz. Er ist Co-Autor der ersten österreichischen Marktuntersuchung zu Divestment und hatte kürzlich gemeinsam mit Steffen Bukold (Energycomment) und Andreas Veigl eine Analyse zum World Energy Outlook 2015 veröffentlicht.

Zur Website von Georg Günsberg

(KURIER / Georg Günsberg, sho) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?