Der Rubel rollt vom Schnee ins Sacher

A cup with caviar is prepared for the competition
Foto: Reuters/MAXIM SHEMETOV Kaviar (Symbolbild)

Skigebiete und die Wiener Innenstadt werden von russischen Touristen gestürmt.

In Österreich sind die Russen los. Seit letztem Samstag bringen Hunderte Sondermaschinen russische Urlauber nach Österreich. Die freien Tage rund um das orthodoxe Weihnachtsfest vom 6. auf 7. Jänner werden gerne für einen Winterurlaub in den heimischen Skigebieten genutzt. Aber auch nach Wien machen russische Touristen gerne einen Abstecher.

„Die Russen lieben die imperiale Atmosphäre und das kulturelle Angebot der Stadt. Denn sie sind sehr geschichte- und kulturinteressiert“, weiß Ekaterina Agaltsova. Als russischsprachige Fremdenführerin hat sie in diesen Tagen alle Hände voll zu tun. Freitagvormittag holt sie eine Familie aus Ischewsk, nahe dem Uralgebirge, im Hotel Sacher zur City-Führung ab.

„Wir sind selbst überrascht, wie viele Russen gerade in Wien sind“, sagt Natascha Schischkina. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern macht sie auf dem Weg in den Skiurlaub eine Station in Wien. „Als wir vor neun Jahren hier waren, hat uns Wien ganz toll gefallen. Jetzt möchten wir die Stadt den Kindern zeigen“, sagt die Unidozentin.

In den ersten elf Monaten 2012 verzeichnete man in Wien 221.000 Ankünfte aus Russland. „Der Jänner ist dabei der reisestärkste Monat bei den Russen“, weiß Vera Schweder, Sprecherin von Wien Tourismus. Allein im ersten Monat des Jahres übernachteten russische Gäste 75.000-mal in Wien. Zum Vergleich: Im November 2011 gingen 47.000 Nächtigungen auf das russische Konto. Im letzten Jahr stieg die Zahl der russischen Nächtigungen um 21 Prozent. „Somit haben die Russen den stärksten Zuwachs von den fünf stärksten Nächtigungsnationen“, sagt Schweder.

Diesen Anstieg kann Agaltsova erklären. Entgegen dem verbreiteten Klischee, „kommen nicht nur reiche Russen nach Wien“. Die russische Mittelschicht sei zwar nicht besonders ausgeprägt, aber „viele sparen hart und reisen dann nach Europa“.

Shopping-Paradies

Sehr beliebt sind bei den russischen Touristen die Wiener Einkaufsmeilen. „Dabei neigen sie zum Luxus“, sagt Schweder. So trifft man auf der Kärntner Straße und am Kohlmarkt viele aus der ehemaligen Sowjetunion. So auch Julia Morozova aus Rostow, im Südwesten von Russland. Sie kaufte Donnerstagabend Schmuck bei Tiffany & Co.: „Die Preise sind hier nicht so hoch wie in Paris oder London“, weiß die Studentin.

Auch Aleksej Petrov aus Moskau macht mit seinen Arbeitskollegen eine Einkaufstour in Wien: „Bei uns in Moskau ist alles mindestens doppelt so teuer. Und die Qualität in Europa ist besser und vertrauenswürdiger“, sagt er und verschwindet bei Gucci.

„Jetzt reist auch Russlands Mittelschicht“

Wodka-Gelage und Protzer-Gehabe gehören angeblich der Vergangenheit an.

200.000 Gäste aus Russland und der Ukraine reisen jedes Jahr ins Salzburger Land, 80 Prozent davon im Winter. Der vergangene Mittwoch war wieder so ein Tag, an dem Hochbetrieb auf dem Salzburger Flughafen herrschte; insgesamt landeten 23 Maschinen aus Russland und der Ukraine, darunter auch eine Boeing 747-400 der russischen Airline Transaero, mit knapp 500 Sitzplätzen die zweitgrößte Passagiermaschine der Welt.

Andrea Stifter vom Reisebüro Vorderegger in Zell am See holt jährlich Tausende Russen nach Salzburg. Sie organisiert die Flüge und füllt knapp 100 Häuser in den Ski-Top-Destinationen Zell am See, Kaprun, Gastein und Saalbach-Hinterglemm.

Klischees

„Das Publikum hat sich in den vergangenen Jahren geändert“, sagt Stifter. Früher hätten die Russen nur 4- und 5-Sterne-Hotels verlangt; nun seien auch Pensionen und Appartements gefragt. Stifter: „Jetzt hat auch die russische Mittelschicht angefangen zu reisen.“

Das zeigt sich auch beim Umgang mit dem Geld. Vorbei sind die Zeiten von teuren Wodka-Gelagen und überheblichem Protzer-Gehabe. In der Baum-Bar in Kaprun, in der Russen gerne feiern, erzählt man: „Das Klischee von den gestopften und besoffenen Russen stimmt nicht mehr. Sie sind Gäste wie alle anderen.“ Für Stifter liegt das an der wachsenden Mobilität der Russen. „Sie reisen mehr und erkennen, dass es internationale Standards gibt, an die sie sich halten müssen – sonst sind sie nicht gerne gesehen.“

In Saalbach-Hinterglemm macht Hotelier Hannes Schulnigg im Saalbacher Hof alles, um dem Gast aus dem Osten den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen: mitRussisch sprechendem Per­sonal, einem russischen TV-Sender und russischen Speisekarten. Das Essen bleibt aber österreichisch; Schnitzel statt Borschtsch.

Vier Mal mehr Gäste und deutlich mehr Shopping-Geld

In Russland steht Österreich im Ranking der beliebtesten Wintersportdestinationen unangefochten an erster Stelle.

Die Zahl der Nächte, die russische Gäste in heimischen Beherbergungsbetrieben verbringen, hat sich im Zeitraum 2002 bis 2011 vervierfacht. 2011 reisten 400.000 Russen an und verbrachten insgesamt 1,5 Millionen Nächte in Österreich. Für 2012 wird ein Plus von einem knappen Fünftel erwartet (endgültige Zahlen liegen noch nicht vor).

„Fast ein Drittel der Nächtigungen fallen in den Jänner, die Hälfte ins erste Quartal“, sagt Peter Laimer, Tourismusexperte der Statistik Austria. „Jeder zweite Winterurlauber aus Russland fährt nach Tirol. Besonders beliebt sind Mayrhofen, Sölden und Ischgl.“ Jeder dritte checkt in einem Vier- oder Fünfsternhotel ein – und lässt sich den Urlaub verhältnismäßig viel kosten. Laut dem Mehrwertsteuerrückvergüter Global Blue sind Russen bei den Shoppingausgaben ungeschlagen. In Wien geben sie durchschnittlich 513 Euro pro Einkauf aus – vor allem für Mode, Schmuck und Uhren. Im Dezember 2012 saß der Rubel offensichtlich besonders locker. Im Vergleich zum Vorjahresmonat haben sich russische Touristen ihre Shoppingtour um 35 Prozent mehr kosten lassen.

Im Vorjahr haben russische Gäste laut Statistik Austria 300 Millionen Euro in Österreich ausgegeben. Unterm Strich sind sie dennoch keine große Gästenation für den heimischen Tourismus. Bis 2011 lag der russische Anteil an den Nächtigungen unter einem Prozent, derzeit bei rund 1,5 Prozent. Wichtigste ausländische Herkunftsländer bleiben Deutschland und die Niederlande.

(Kurier) Erstellt am
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