Wirtschaft
18.01.2015

Der Konzern Caritas

13.500 Mitarbeiter, 700 Millionen Budget – so funktioniert das Großunternehmen der Nächstenliebe.

Die Bezeichnung "Konzern" hört Bernd Wachter, Generalsekretär der Österreichischen Caritaszentrale, gar nicht gerne. "Wir sehen uns nicht als Konzern, sondern sind eine Hilfsorganisation und Teil der Kirche. Oder würden Sie einem Konzern spenden?"

Stimmt schon. Trotzdem, nach wirtschaftlichen Maßstäben würde es die Caritas locker unter die Top 50 der größten Unternehmen des Landes schaffen. Die Firma Caritas hat eine Größenordnung, dass der Titel "Konzern" – pardon – nicht übertrieben ist. Allerdings nicht auf Gewinn ausgerichtet, sondern im Dienste der Barmherzigkeit.

Österreichweit beschäftigt das Großunternehmen der Nächstenliebe insgesamt fast 13.500 angestellte Mitarbeiter. Rechnet man die Teilzeitkräfte auf Vollzeit-Jobs um, kommt man auf 7000 bis 8000 Arbeitsplätze. In etwa gleich viele wie die Siemens AG Österreich. Das Budget ist mit rund 700 Millionen Euro freilich nicht vergleichbar, weil wesentlich bescheidener.

Die neun Caritas-Diözesen sind selbstständig, oben drüber ist die Caritas Österreich. Als quasi Dachverband, der beispielsweise Rechnungswesen, Projektmanagement oder die Kommunikation für alle Diözesen managt.

Firmenrechtlich besteht die Organisation hauptsächlich aus Körperschaften öffentlichen Rechts, Vereinen und gemeinnützigen GmbHs. Das Geschäftsmodell steht auf zwei Beinen. Einerseits die Spenden und die Nothilfe, andererseits der personalintensive Betrieb von Dienstleistungen.

Die Caritas ist die größte Pflege-Organisation der Republik und betreibt 46 Senioren- und Pflegehäuser. Mehr als 5600 Mitarbeiter pflegen stationär und mobil, betreuen Hospize und Tageszentren. 247 Millionen Euro fließen aus dem Gesamtbudget in diesen Bereich. Soziale Arbeit muss professionell sein, erklärt Wachter. "Wir brauchen professionelle Pfleger, aber wir sind heilfroh, wenn freiwillige Helfer am Nachmittag mit den Leuten spazieren gehen."

3400 Mitarbeiter kümmern sich um Menschen mit Behinderung, Kostenpunkt rund 164 Millionen Euro im Jahr. Ein weiterer Schwerpunkt ist die chronisch unterdotierte Flüchtlingshilfe. Rund 770 Caritas-Mitarbeiter sind für 3100 Asylanten stationär und weitere 8000 Betroffene mobil im Einsatz.

Darüber hinaus führt die Caritas 16 Schulstandorte für Sozialberufe, etliche Kindergärten, Obdachlosenhäuser, Sozialberatungsstellen, Lerncafés, Mutter-Kind-Heime und kümmert sich um Langzeitarbeitslose und Suchtkranke.

Insgesamt 1658 Projekte stehen im Dienst am Nächsten. Auch unkonventionelle Ideen werden umgesetzt. Die Wiener Caritas etwa eröffnet im Februar am Prater das "magdas Hotel". Eine Low-Budget-Herberge, in der 30 junge, nach Österreich geflüchtete Menschen gemeinsam mit Hotelprofis und Freiwilligen arbeiten werden.

Rund zehn Prozent des "Gesamtumsatzes" kommen aus Spenden. Um die 70 Millionen Euro, die genauen Daten für 2014 liegen noch nicht vor. Dabei hat die Caritas inzwischen das Rote Kreuz überholt und liegt jetzt auf Platz eins.

Das Rekrutieren von Spenden kostet natürlich. Während die Mitbewerber Aufwendungen von 30 Prozent und mehr haben, kommt die Caritas auf unschlagbar kostengünstige sieben bis zehn Prozent. "Niemand kann so günstig fundraisen wie wir über die Pfarrgemeinden", erklärt Wachter. Passieren Katastrophen, geben die Kirchengeher sofort. Immerhin besuchen noch eine Million Katholiken in Österreich den Gottesdienst.

"Die Caritas hat eine sehr hohe Glaubwürdigkeit, wesentlich besser als jeder Sozialpolitiker." Politologe Peter Filzmaier

Während die Caritas in Deutschland veritable Finanzierungskrisen hinter sich hat, ist Österreich "robust aufgestellt. Wir wirtschaften sehr sparsam und arbeiten effizient" (Wachter). Gespart wird auch ganz oben. Caritas-PräsidentMichael Landau(Bild) ist eine "Leihgabe" der Erzdiözese Wien. Er ist dort als Priester angestellt und arbeitet ehrenamtlich für die Caritas. In einem Konzern wäre er mit dem Vorsitzenden des Aufsichtsrates vergleichbar.

Sorgen macht Wachter allerdings die Sparsamkeit der öffentlichen Hand. Die Tagsätze für Flüchtlinge beispielsweise wurden seit 2004 erst einmal erhöht, andererseits laufen die Kosten davon. Und das Sponsoring ist noch ausbaufähig.

Neben ihrer sozialen und wirtschaftlichen Bedeutung ist die Caritas auch ein politischer Faktor. Nicht im Sinne von Parteipolitik. Landau oder sein Vorgänger Franz Küberl, der im Stiftungsrat des ORF sitzt, reden der Nation und der Politik immer wieder wortgewaltig ins Gewissen. "Die Caritas hat eine sehr hohe Glaubwürdigkeit, wesentlich besser als jeder Sozialpolitiker. Ihre Stärke liegt in der Themensetzung. Im Unterschied zu Politikern wird der Caritas geglaubt, dass sie keine Eigeninteressen verfolgt", attestiert der Politologe Peter Filzmaier. Er lobt, "wie die Caritas das Verhältnis zur Kirche zwischen Nähe und Distanz bei kritischen Themen gut ausbalanciert".