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Manager-Debatte
09/12/2019

Der Kampf gegen die Landflucht

Nur das Zusammenspiel der Kommunen mit der Wirtschaft sichert die ländlichen Regionen.

von Wolfgang Unterhuber

Zwei Drittel der Österreicherinnen und Österreicher leben im suburbanen oder ländlichen Raum. Glaubt man diversen Prognosen, werden bis 2030 mindestens zehn Prozent dieser Menschen das Land Richtung Stadt verlassen haben. Für Tanja Spennlingwimmer, Managerin bei der oberösterreichischen Standortagentur „Business Upper Austria“, ist daher der Ausbau moderner Infrastruktur ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Zukunft ländlicher Regionen.

„Ohne die richtige Infrastruktur gibt es auch nicht die richtigen Fachkräfte“, so Spennlingwimmer bei den „Kommunalen Sommergesprächen 2019“, die diese Woche in Bad Aussee stattfinden.

Kirchturmdenken

Als Beispiel nennt sie den Ausbau der Mühlviertler Schnellstraße S10 Richtung Tschechien. Davon habe eine vormals nicht so wirtschaftsstarke Region stark profitiert. Für das dortige Projekt „Inkoba Region Freistadt“ ist der Ausbau der S10 laut Spennlingwimmer ein positiver Impuls gewesen. Inkoba steht für Interkommunale Betriebsansiedlung, bei der mehrere Gemeinden gemeinsam einen Wirtschaftspark errichten. „Der Vorteil liegt darin, dass das Kirchturmdenken einzelner Gemeinden überwunden wird“, sagt Spennlingwimmer gegenüber dem KURIER. Die Inkoba Region Freistadt besteht aus allen 27 Gemeinden des Bezirks Freistadt. Angesiedelt sind 24 Unternehmen mit derzeit 700 Arbeitsplätzen. Insgesamt gibt es in Oberösterreich 30 Inkoba-Projekte. Zwei weitere sind derzeit in Planung.

Für Helmut Miernicki, Geschäftsführer der niederösterreichischen Wirtschaftsagentur „ecoplus“, sind Gewerbe- und Wirtschaftsparks und die damit verbundene Kooperation einzelner Gemeinden nach wie vor wesentliche Standort-Motoren für den ländlichen Raum. Miernicki unterlegt das gegenüber dem KURIER mit Zahlen. „Alleine in den ersten acht Monaten des heurigen Jahres wurden von ecoplus 79 Betriebsansiedlungen und Standorterweiterungen im ganzen Bundesland durchgeführt.“

Auslastung steigt

Mehr als die Hälfte davon fanden laut Miernicki in einem der 18 Wirtschaftsparks statt, die „ecoplus“ gehören oder betreibt. Auch die Auslastung sei zufriedenstellend. Der Wirtschaftspark Ennsdorf im Bezirk Amstetten etwa ist laut Miernicki zu 89 Prozent oder der Park „nova city“ in Wiener Neustadt zu mehr als 76 Prozent ausgelastet. Und der größte heimische Wirtschaftspark, das „IZ Niederösterreich-Süd“ südlich von Wien, sei fast zu 100 Prozent voll.

Verödete Ortszentren?

Den Vorwurf, dass Wirtschaftsparks mit verantwortlich für die Verödung von Ortszentren seien, weisen Miernicki und Spennlingwimmer zurück. Produktionsbetriebe, die noch dazu viel Verkehr verursachen würden, seien nicht in einem Ortskern, sondern besser am Rand aufgehoben. Zudem würden auch nicht an jedem Ortsrand Wirtschaftsparks entstehen, sondern dort, wo sie strategisch Sinn machen würden.

„Rundumversorgung“

Marcel Haraszti, Vorstand der österreichischen Rewe International AG (u.a. Billa, Bipa, Merkur), sieht nicht nur die Politik, sondern auch die Unternehmen in der Verantwortung für die Zukunft ländlicher und suburbaner Regionen. Der Lebensmittelkonzern mit in Österreich insgesamt 2.550 Standorten, 8,6 Milliarden Euro Umsatz und 44.100 Beschäftigten ist, wie Marcel Haraszti sagt, „als Nahversorger, Arbeitgeber, Investor und Großabnehmer regionaler Produkte wirtschaftlich eng mit den Kommunen verbunden“.

Rewe will sich daher vom Nahversorger zum Rundumversorger entwickeln. In der Praxis bedeutet das, dass rund um die Rewe-Standorte weitere Einrichtungen integriert werden können. Die Palette reicht von E-Ladestationen, Restaurants, Abholservice und Co-Workspace-Arealen bis hin zu Wohnungen und Kinderbetreuung, so Haraszti zum KURIER.

Bedürfnisse vor Ort

Die Herausforderung besteht laut dem Rewe-Chef darin, dass „in Absprache mit den Kommunen individuell auf die jeweiligen Bedürfnisse der Bevölkerung vor Ort“ eingegangen werden müsse, wobei er auf konkrete Beispiele der Umsetzung verweist. So wurde etwa die Billa-Filiale in Bad Kleinkirchheim (Kärnten) mit Ferienwohnungen überbaut. In Schladming (Steiermark) wurde der Raum über einer dortigen Billa-Filiale zur Hotelnutzung zur Verfügung gestellt und rund um die Billa-Filiale in Vösendorf (Niederösterreich) wurde ein Bistro samt Spielplatz und E-Bike-Ladestation errichtet.

Technologietreiber

Und welche Rolle spielen städtische Kommunen in ländlichen Großregionen?

Erwin Smole, Vorstand bei der Stadtwerke Klagenfurt AG, sieht die Städte in Kooperation mit den umliegenden Kommunen der Region als Technologie-Innovatoren. Das gelte auch für ihn selbst und sein Unternehmen. „Wir testen etwa laufend neue Technologien der Datenübertragung und -verarbeitung in Verbindung mit der sich in Ausrollung befindlichen Smart Meter Infrastruktur.“

Die Stadtwerke Klagenfurt haben laut Smole auch wesentlichen Anteil an der Smart-City-Strategie Klagenfurts. Das Ziel dabei: Der gesamte öffentliche Verkehr soll auf -freie Busse umgestellt werden. In diesem Zusammenhang testen laut Smole die Stadtwerke ständig neue Technologien wie Geothermie, Wasserstofftechnologie oder Energieumwandlungssysteme.

Chance Klimawandel

Den Kampf gegen den Klimawandel sehen Erwin Smole, Marcel Haraszti, Helmut Miernicki und Tanja Spennlingwimmer unisono als Chance. Auch für den ländlichen Raum. Der erforderliche Ausbau des öffentlichen Verkehrs, aber auch der Breitband- und 5G-Technologie seien sowohl Maßnahmen im Kampf gegen die Erderwärmung als auch wichtige Standortfaktoren für ländliche Regionen. Denn moderne Infrastrukturtechnologie bringe Wertschöpfung und Arbeitsplätze in die Regionen und die Menschen müssten nicht auspendeln.

Arbeitsplätze vor Ort statt des täglichen Massenverkehrs in die Städte; auch das sei eine aktive Form von Klimaschutz.