Geschätzte 170 Millionen Euro kassierten Tilo Berlin und seine Investoren mit dem Verkauf ihrer Hypo-Anteile an die Bayern. Heute müssen die Steuerzahler Milliarden in die Bank buttern

© Reuters/HEINZ-PETER BADER

Wirtschaft von Innen
11/17/2013

Der charmante Herr Tilo

Der Wahlkärntner und Hypo-Profiteur steht ab Montag vor Gericht.

von Andrea Hodoschek

Unheimlich charmant konnte er sein, wenn er etwas wollte, erinnern sich ehemalige Hypo-Geschäftspartner. Sehr umgänglich und überzeugend, smart und von gewinnendem Auftreten. Ein Blitzgneißer, der anderen das Gefühl gibt, ihnen immer einen Schritt voraus zu sein. Doch der Ex-Banker und Vermögensberater Tilo Berlin kann auch anders. „Knallhart und sehr selbstbezogen“ reagiere er, wenn etwas nicht nach seinem Willen funktioniert.

Überzeugungskraft wird der Wahlkärntner demnächst wieder brauchen. Am Montag, einen Tag nach seinem 55. Geburtstag, wird Tilo Berlin im Klagenfurter Schwurgerichtssaal auf der Anklagebank sitzen. Er muss sich wegen des Vorwurfs der Untreue verantworten. Gemeinsam mit den ehemaligen Hypo-ChefsWolfgang KultererundSiegfried Grigg, dem Ex-Leasing-VorstandJosef Kirchnerund derFlick-Stiftung (Beitragstäterin). Ihnen allen wird vorgeworfen, die notverstaatliche Bank um Millionen geschädigt zu haben.

Die Hypo brauchte Eigenkapital und gab an Industrielle und reiche Promis Vorzugsaktien aus. In einer geheimen Nebenvereinbarung wurde den Investoren garantiert, dass die Bank die Papiere wieder zurückkaufen würde. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Der Deal jedoch, über den Tilo Berlin mit der Hypo große Kasse machte, kommt vor dem Schöffengericht nicht zur Sprache. Das ist nämlich eine ganz andere Geschichte. Berlin und eine von ihm aufgestellte Investorengruppe sackte ein Vermögen von geschätzten 170 Millionen Euro (brutto, inklusive Kosten) ein. Mit einer Bank wohlgemerkt, die heute als Damokles-Schwert über dem österreichischen Staatshaushalt hängt und die Steuerzahler Milliarden kostet.

Berlin gelang der Husarenritt, von der Grazer Wechselseitigen, der Mitarbeiterstiftung und über eine Kapitalerhöhung 2006 insgesamt 25,09 Prozent an der Hausbank des verstorbenen Kärntner LandeshauptmannesJörg Haider zu erwerben und binnen weniger Monate 2007 mit fettem Gewinn an die BayernLB weiterzuverkaufen. Die Münchner übernahmen dann von der Kärntner Landesholding weitere Anteile, Berlin wurde zum Kurzfrist-Chef der Hypo. 2009 wurde die Bank, an der Kippe zur Pleite, notverstaatlicht.

Wie kam ein Hamburger Vermögensverwalter (Berlin & Co) überhaupt zu einer Kärntner Provinzbank mit Expansionswut am Balkan? Über seine Tätigkeit als Manager bei der Deutschen Bank und der Landesbank Baden-Württemberg lernte der gebürtige Hannoveraner Kulterer den späteren BayernLB-Chef Werner Schmidt kennen. Verheiratet mit einer Tochter aus der Adelsfamilie Goess fand Berlin in Kärnten seine zweite Heimat. Goess gehört der Ulrichsberg, viele Jahre lang die Begegnungsstätte von Alt- und Jungnazis. Am Ulrichsberg gibt Berlin den Biobauern, züchtet Wildschweine, Hochlandrinder und empfängt hohe Tiere. In der feinen Gesellschaft am Wörthersee traf man sich mit Haider, auch mit dem damaligen Finanzminister Karl-Heinz Grasser.

Als die deutsche Justiz wegen des Hypo-Kaufs ermittelte, fand sich bei einer Hausdurchsuchung ein von Berlin verfasstes 33-seitiges Dossier, aus dem profil im Sommer 2010 zitierte. Unter dem bezeichnenden Titel „Der Deal“ schildert der Wahlkärntner blumig bis peinlich, wie er das lukrative Geschäft durchzog. „Unmögliches wurde möglich und Träume fanden ihre Erfüllung. Höchste Risken, die den Nachtschlaf plagten, wurden schlafwandlerisch umschifft“, beginnt Berlin. Er ist endlich dort, wo er immer geglaubt hat, hinzugehören – an der Spitze. Als Generaldirektor der Hypo, „Mittelpunkt meiner Lebensinteressen ist der Ulrichsberg, mit Blick auf Gehalt und Spesen bin ich wieder ein richtiger Banker, der im Hypo-Jet die Wachstumsmärkte Südosteuropas bereist, in vernünftigen Hotels verkehrt, den Dienstwagen von der Bank erhält“. Weil der Waffenindustrielle Gaston Glock doch nicht einsteigt, wäre der Deal beinahe geplatzt. Als einen der „theatralischen Höhepunkte“ beschreibt Berlin den Besuch bei den Investoren Ronny Pecik und Georg Stumpf im obersten Stock des Millenium-Towers: „Alles vom Feinsten bis hin zu maßgeschneidertem Anzug und Schuhen von Herrn Pecik, alles zwischen Esthetik (sic), Größenwahn und lächerlich“. Pecik und Stumpf machen nicht mit, dafür unter anderen Ex-Mayr-Melnhof-Chef Michael Gröller und Industrie-Präsident Veit Sorger. Als noch 400 Millionen zur Finanzierung fehlten, wurde Berlin sehr nervös. Er schreibt über hektische Gespräche und wie er auf Einladung von Sorger zur Hasenjagd „permanent auf den endlosen Äckern zwischen Gewehr und Handy“ abwechseln musste.

Auch Brisantes ist zu lesen. Als die Subprime-Krise aufpoppt, wackelt der Weiterverkauf der Anteile an die Bayern. Hätte sich die BayernLB zwischen Signing (Unterzeichnung) und Closing (Abschluss) verabschiedet, „wäre die Hypo nicht zu retten gewesen“. Die Bank „hätte das Jahr 2007 weder wirtschaftlich noch politisch überstanden“. Berlin stellt dabei die Frage: „Welche Risken stecken in dieser Bank, die offensichtlich allen verborgen geblieben sind bzw. vielleicht auch verschwiegen wurden? Meine Sorgen stießen auf ein sehr stilles Umfeld“.

Darf daraus geschlossen werden, dass Berlin der BayernLB ganz bewusst eine damals schon kaputte Bank andrehte? Berlins Anwalt, sein Bruder Malte Berlin, war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Die Bayern-Banker hat das Hypo-Desaster mittlerweile eingeholt, Schmidt und Ex-Kollegen sind in München wegen des Vorwurfs der Untreue und Bestechung eines Amtsträgers (Jörg Haider) angeklagt.

Im Gourmet-Restaurant „Hanner“ wurde in großer Runde dann die Finalisierung des Deals gefeiert. Für die Investmentbanker „war die Tatsache, dass es uns in einem schwierigen Bankenjahr gelungen war, eine Bank, deren Kaufpreis wir bei weitem noch nicht vollständig bezahlt hatten, innerhalb von wenigen Monaten um mehr als EUR 1 Milliarde teurer zu verkaufen, die größte Freude“. In Österreich dürfte Berlin offenbar noch einiges vorgehabt haben: „Was aus diesem schönen Land zu machen ist, werden die nächsten Jahre zeigen“.

Kulterer wurde bereits im Vorjahr in einem ähnlichen Verfahren verurteilt. Sein Verteidiger Dieter Böhmdorfer argumentiert, dass die Vorzugsaktien trotz der Nebenvereinbarungen dem Eigenkapital der Hypo zuzurechnen seien und daher die Bank nicht geschädigt wurde. Der Sachverständige der Staatsanwaltschaft, Karl Hengstberger, habe die Eigenkapital-Frage gar nicht beantwortet. Böhmdorfer kritisiert, dass „der umstrittene Gutachter trotz des Widerstands der Angeklagten für die Hauptverhandlung bestellt wurde“. Heißt, der Gutachter des Anklägers mutiert zum Sachverständigen des Gerichtes. Sogar der Präsident des Obersten Gerichtshof, so Böhmdorfer, habe ein solches Vorgehen als verfassungswidrig bezeichnet.

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