Big Data mit Hilfe neuer Technologien: Je besser der Informationsstand über Tierhaltung und Ackerbau, desto zielgerichteter kann der Landwirt arbeiten.

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Smarte Landwirtschaft
07/06/2015

Der Bauer als Daten-Millionär

Agrar-Experte Gronauer erklärt, warum neue Technologien die Erträge um 25 Prozent steigern.

von Andreas Anzenberger

Wegen der weltweit wachsenden Bevölkerungszahl steigt die Nachfrage nach Lebensmitteln. Dazu kommen höhere Rohstoffkosten, die sich ebenfalls auf die Lebensmittelpreise auswirken. Professor Andreas Gronauer von der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien hat bei einer Veranstaltung des Ökosozialen Forums erläutert, wie höhere Erträge ohne zusätzliche Belastungen für die Umwelt möglich sind.

KURIER: Welche Konsequenzen haben höhere Preise für Lebensmittel?

Andreas Gronauer: Der Landwirt wird sein Produkt dorthin verkaufen, wo er einen guten Preis dafür bekommt. Das Volk bleibt ruhig, solange es Brot und Spiele gibt. So hieß schon die Devise im alten Rom. In Internet gibt es Spiele ohne Ende. Beim Brot ist es nicht so einfach. Wenn man sich die Flüchtlingszahlen ansieht, dann hat bereits eine Entwicklung begonnen, bei der es um Ressourcen wie Boden oder Wasser geht, also auch um die Produktion von Lebensmitteln. Wer sich die Lebensmittelpreise nicht mehr leisten kann, der steigt ins Boot oder geht auf Wanderschaft.

Ist es möglich, die Lebensmittelproduktion zu steigern, ohne die Umwelt zu schädigen?

Es ist nicht zwingend so, dass durch eine Intensivierung der Landwirtschaft die Umwelt geschädigt wird. Selbst auf einem Acker sind die Erträge nicht überall gleich hoch. Man nennt das Inhomogenität der Ertragsfähigkeit eines Standorts. Die Frage lautet daher: Schöpfen wird die Ertragspotenziale aus? Wie präzise bewirtschaften wir die Felder?

Wie lauten Ihre Antworten auf diese Fragen?

Wir schöpfen die Ertragspotenziale nicht aus. Es gibt eine wissenschaftliche Arbeit über Ertragslücken beim Weizenanbau entlang der Donau. In Moldawien wäre mehr als eine Verdoppelung der Getreideerträge möglich. In Süddeutschland ist lediglich eine Ertragssteigerung um weniger als ein Prozent möglich. Länder wie Österreich, Ungarn und auch Tschechien haben ein Steigerungspotenzial von 25 Prozent.

In welchen Regionen sind in Österreich Ertragssteigerungen möglich?

Man muss da sehr genau unterscheiden. Es gibt Felder, bei denen sollte man, etwa aus Rücksicht auf den Grundwasserschutz , den Ertrag zurücknehmen. Auf anderen Standorten könnten die Erträge gesteigert werden.

Welche Bedeutung haben dabei technische Hilfsmittel?

Es beginnt bereits beim richtigen Einsatz der Technik. Experten für Bodenbearbeitung schätzen, dass etwa 90 Prozent der in Österreich eingesetzten Pflüge nicht optimal eingestellt sind. Die Qualität des Geräteeinsatzes kann verbessert werden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Ziel einer möglichst gleichmäßigen Bearbeitung und Bewirtschaftung der Fläche. Das bedeutet auch eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Düngemittel.

Macht diese Methode Sinn?

Nein, denn die Äcker haben keine homogen-gleichmäßige Nährstoffverteilung. Sie werden auch nicht homogen-gleichmäßig durchwurzelt und bringen auch keinen homogen-gleichmäßigen Ertrag. Wir mussten also Dünger gezielt ungleich verteilen. Doch auf der Grundlage welcher Daten soll die ungleiche Verteilung erfolgen? Der Landwirt müsste seinen Standort auf dem Feld genau kennen und er müsste wissen, wie es dort im Boden exakt aussieht.

Bodenproben wären doch eine Möglichkeit.

Eine derart engmaschiges Netz an Bodenproben, wie es wünschenswert wäre, kann sich kein Landwirt leisten. Wir brauchen also neue Technologien. Die Mechatronik beschäftigt sich interdisziplinär mit dem Zusammenwirken mechanischer, elektronischer und informationstechnischer Elemente und Module. Aus den Sensordaten werden Informationen gewonnen, die dann Mensch, Maschine und Gerät dabei unterstützen, effizienter und ressourcenschonender zu wirtschaften. Das betrifft sowohl den Pflanzenbau als auch die Tierhaltung.

Sind die Voraussetzungen dafür vorhanden?

Wir sind erst am Anfang einer sehr rasanten Entwicklung. Die Menge der gesammelten Informationen wird deutlich steigen. Den Traktor der Zukunft kann man sich als Zentrale für Datenmanagement und Informationsmanagement vorstellen. Die Daten werden per WLAN an den PC übermittelt. Es ist heute schon möglich, Mähdrescher per GPS-Signal zu steuern.

Gibt es weitere Beispiele?

Ertrags-Abschätzungen per Satellit sind für Biomasse bereits möglich. Doch wie oft steht der Satellit zur Verfügung? Wie viel kostet die Datensammlung und Datenauswertung? Bei der Unkrautbekämpfung benötige ich eine bessere Auflösung im Bereich von einem Quadratzentimeter oder noch kleiner. Dann komme ich vom Satelliten zum Flugzeug oder zu einer Flugdrohne oder ich sammle die Daten mit dem Traktor.

Das ist dann aber eine andere Landwirtschaft mit einem völlig anderen Anforderungsprofil.

Die Landwirtschaft wandelt sich permanent. Ausbildung wird immer wichtiger. Wir müssen alle lernen. Vor zwanzig Jahren haben sich Kollegen mit der Entwicklung von Melkrobotern beschäftigt. Es wurde gesagt, die spinnen. Heute sind in Österreich etwa 300 Melkroboter im Einsatz. Anhand der Analyse der Milchproben können Krankheiten frühzeitig erkannt werden. Die Technik darf die Arbeit erleichtern, aber die Landwirte nicht davon entkoppeln.

Mehr Effizienz: Sensoren und Module

Univ. Prof. Andreas Gronauer hat sich untern anderem mit Technologien zur Überwachung der Wasserversorgung für die Landwirtschaft, der Logistik des Einsatzes von Bodendünger, oder den technischen Voraussetzungen für den Einsatz von landwirtschaftlichen Reststoffen für die Biogas-Erzeugung beschäftigt.
Er leitet das Institut für Landtechnik an der Universität für Bodenkultur in Wien und unterrichtet dort Agrarsystem-Technik. Sensoren, Satelliten, Informationssysteme und Informationsverarbeitung spielen dabei eine wichtige Rolle.

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