Plastik-Sackerl

© APA/dpa-Zentralbild/Patrick Pleul

Handel
02/15/2016

Das Ende des Gratissackerls naht

In Deutschland werden ab April die meisten Sackerln etwas kosten. In Österreich wird noch verhandelt.

von Simone Hoepke

Das Gratissackerl zur neuen Jeans, zum Einkauf in der Buchhandlung oder beim Bäcker ums Eck könnte bald Geschichte sein. Die EU will die Umweltverschmutzung eindämmen und deshalb den Verbrauch von Plastiksackerln drosseln. Mit 100 Milliarden Stück wird der jährliche Verbrauch in der EU beziffert, laut Statistik hat jeder EU-Bürger damit einen Verschleiß von knapp 200 Stück im Jahr.

Die Österreicher sind deutlich sparsamer – der Jahresverbrauch liegt bei vergleichsweise moderaten 50 Stück. Und es könnten bald weitaus weniger sein – dann, wenn ein Händler nach dem anderen für das Sackerl Geld kassiert. Deutschland macht vor, wie das geht. Dort verlangen ab 1. April so viele Händler Geld für ihre Tüten, dass ab dem Stichtag sechs von zehn Kunststoff-Tragtaschen kostenpflichtig sein werden, berichtet der Handelsverband Deutschland. Das ist erst der Anfang. Bis 2018 soll die Quote in Deutschland auf 80 Prozent steigen.

Verhandlungsrunde

In Österreich wird noch verhandelt. Heute, Montag, gibt es im Lebensministerium zum dritten Mal einen Runden Tisch mit Handelsmanagern. Aus Sicht von Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbandes, könnte es demnächst eine Entscheidung geben. Geht es nach den Vorstellungen von Minister Andrä Rupprechter, soll der Pro-Kopf-Verbrauch in Österreich bis 2019 auf 25 Stück halbiert werden.

Für Will ist eine freiwillige Vereinbarung zwischen Handel und Ministerium denkbar – so wie in Deutschland. Will: "Wichtig ist, dass alle bei der Vereinbarung dabei sind, die Sackerln in Umlauf bringen. Also zum Beispiel auch Apotheker, Tankstellen oder Bäcker." Sie sind laut seinen Angaben für rund ein Drittel der Sackerln verantwortlich. Zudem müsse zwischen Papier und Plastik und bei letzterem wieder zwischen recyclebaren und nicht recyclebaren Plastiksackerln unterschieden werden, so die Position von Will. "Entscheidend ist auch, ob der Staat etwas von dem Sackerl-Geld bekommt und was er dann damit macht."

Minister Rupprechter will mit Händlern einen Mindestpreis vereinbaren, der für Kunststofftaschen kassiert wird. Einen einheitlichen Preis für alle Handelsketten kann es aber schon allein aus kartellrechtlichen Gründen nicht geben, betonen Handelsmanager.

Wer ein Sackerl – das rechtlich als Haushaltspackung gilt – erstmals auf den Markt bringt, muss schon jetzt einen Obolus für die Abfallwirtschaft bringen. "Bei uns funktioniert das Abfallsystem", betont Roman Seeliger von der Wirtschaftskammer. Er kann die Aufregung nicht verstehen. Seiner Meinung nach sollte die Wiederverwendung der Tüten gefördert werden. Seeliger: "Wird der Einsatz von Einkaufssackerln reduziert, kaufen die Leute mehr Müllsäcke. Die stehen dann zwar in der Statistik wo anders, aber ändern tut das gar nichts."

Wie 20 Cent den Verbrauch drosseln

Bei Tchibo/Eduscho gibt es seit 1. Juli 2015 kein Gratissackerl mehr. Wer trotzdem eines haben will, muss 20 Cent "Umweltbeitrag" bezahlen. Das hat dazu geführt, dass die Mitarbeiter der Kette um 74 Prozent weniger Einwegsackerln ausgeben. Heuer sollen sie ganz aus den Märkten verschwinden. Kunden müssen zur "Mehrwegtasche" greifen.

Den gleichen Weg hat MediaMarkt vor mehr als einem Jahr eingeschlagen. Der Elektronikhändler verlangt zwischen 20 und 50 Cent je Tragtasche. Auch aus den dm-Drogeriemärkten sind die kleinen Gratis-Sackerln, von denen jährlich bis zu 10 Millionen Stück ausgegeben wurden, gänzlich verschwunden (der KURIER berichtete). Kunden sollen zu Pfandtaschen aus Baumwolle greifen. Damit folgen die Branchen den Beispiel der Lebensmittelhändler, die schon lange keine Gratis-Einkaufstaschen (Obstsackerln ausgenommen) verschenken – zumindest in Österreich.

In den großen Supermärkten Englands kosten die Tragetaschen erst seit vergangenem Oktober etwas – nämlich umgerechnet sieben Cent. Bisher verteilten die großen Supermärkte 7,4 Milliarden Stück im Jahr – 2018 sollen es 80 Prozent weniger sein. Im kanadischen Montreal soll es in zwei Jahren überhaupt keine Einweg-Plastiksackerln mehr geben. Der dortige Bürgermeister hält sie für "eine Plage". Die 3,8 Millionen Einwohner Montreals würden nur 14 Prozent wiederverwerten.

Österreich erfüllt Zielvorgaben schon jetzt

Vorgaben aus Brüssel

Die Kommission beziffert den EU-Verbrauch von Tragetaschen aus Plastik mit 100 Milliarden Stück im Jahr. Davon sollen 89 Prozent nicht wiederverwendet werden. Die EU hat es den Mitgliedsstaaten in einer Richtlinie freigestellt, kostenlose Plastiksackerln bis Ende 2018 zu verbieten (Obstsackerln sind ausgenommen) oder die Zahl der Sackerln bis Ende 2019 auf 90 Stück pro Einwohner zu reduzieren (EU-Durchschnitt aktuell: 197 Stück).

Ländervergleich

Beim Pro-Kopf-Verbrauch hat Österreich mit 51 Sackerln (Deutschland: 71 Stück) den drittniedrigsten Wert in der EU, angeblich werden nur sechs Stück davon mehrmals verwendet.

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