Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Warum eine Wiener Suchmaschine für Röntgenbilder nach Australien verkauft wurde

Anfang Juni wurde das KI-Unternehmen Contextflow von einem australischen Unternehmen übernommen. Wie es jetzt weitergeht.
Contextflow: Röntgenbild

Die Pläne waren ambitioniert. Man wolle weltweiter Marktführer bei KI in der Radiologie werden, hieß es 2021. Die Voraussetzungen dafür waren gegeben. Contextflow, ein Spin-off der Med Uni Wien, machte mit einer KI-Suchmaschine für Röntgenbilder von sich reden, die bei der Früherkennung von Lungenkrebs helfen soll. 

Vor fünf Jahren erhielt man die Zulassung für den breiten Einsatz in Europa. Von Investoren sammelte das Start-up seit der Gründung im Jahr 2016 mehr als 10 Mio. Euro ein. 2024 vereinbarte man mit der deutschen Krankenkasse IKK Südwest den europaweit ersten Vertrag über die Kostenerstattung für KI in der Radiologie. 

Danach hörte man aus dem Unternehmen lange Zeit wenig. Anfang Juni gab Contextflow schließlich die Übernahme durch das australisische Medizintechnikunternehmen 4DMedical bekannt. Die Summe nimmt sich im Vergleich zu anderen Verkäufen von KI-Start-ups bescheiden aus. Der Kaufpreis betrug rund 11,4 Mio. Euro in bar sowie etwas mehr als 56.000 Aktien des australischen Konzerns. Deren Erhalt ist an das Erreichen von Meilensteinen geknüpft, sie dürften maximal 6,5 Mio. Euro wert sein. 

"Investments herausfordernd"

Hat es Alternativen zu der Übernahme gegeben? Um weiter zu wachsen und die internationale Expansion voranzutreiben, hätte Contextflow eine weitere Finanzierungsrunde gebraucht, erzählt Gründer Markus Holzer dem KURIER. Investments aufzustellen, habe sich in den vergangenen Jahren aber als herausfordernd erwiesen. Andererseits habe sich eine Konsolidierungswelle bei KI-Unternehmen in dem Bereich abgezeichnet. "4DMedical hat sich schnell als Option angeboten", sagt Holzer. 

Contextflow-Gründer Markus Holzer

Contextflow-Gründer Markus Holzer

Auch deshalb, weil 4D Medical, das an der australischen Börse (ASX) mit rund 2,2 Mrd. australischen Dollar (rund 1,34 Mrd. Euro) bewertet wird, im Frühjahr eine millionenschwere Finanzierungsrunde für die Expansion nach Europa abschloss. Mit Contextflow kaufte sich das australische Medizintechnikunternehmen in eine etablierte europäische Vertriebsstruktur ein. 

Die Produkte der beiden Unternehmen ergänzen sich gut. Sie erlauben die Analyse von Lungenstruktur und -funktionen. Der Contextflow-Technologie werde auch der Weg in große internationale Märkte, wie Australien oder die USA, geebnet. 4DMedical habe klar signalisiert, dass sie Team und Know-how der Wiener Firma schätzen, sagt Holzer: "Wir haben gesehen, dass wir als Teil vonta_chunk_1in die Position kommen, wirklich ein globalführender Player im Thorax-CT-Bereich zu werden." Als General Managerta_chunk_1Europe ist Holzer nach der Übernahme für das Wachstum des australischen Unternehmens in der Region verantwortlich. 

Spin-off der Medizinischen Universität

Hervorgegangen ist Contextflow aus einem EU-Forschungsprojekt an der Med Uni Wien. Dabei ist es darum gegangen, wie große, medizinische Bildarchive, die an den Uni-Instituten liegen, für Anwender zugänglich gemacht werden können. "Wir haben eine 3D-Bildsuchmaschine für Lungen-Computertomographien (CT) gebaut und es Radiologen ermöglicht, ähnliche Fälle in den Bildarchiven zu finden", erzählt Holzer. 

Man habe viele Publikationen gemacht und Algorithmen entwickelt, aber nichts davon habe einen signifikanten Einfluss auf medizinische Entscheidungen in der Praxis gehabt, erinnert sich der Gründer. Um das zu ändern, entschloss sich Holzer gemeinsam mit drei Mitstreitern, den Prototypen der Bildsuchmaschine auszugründen. Unterstützung dafür erhielt das Contextflow-Team vom Innovation Incubation Center an der TU Wien

Ausgründungen waren an heimischen Universitäten damals alles andere als weit verbreitet. Bei Contextflow dauerte es fast zwei Jahre, bis das Spin-off schließlich gegründet werden konnte. 2018 konnte das erste Investment an Land gezogen werden, weitere Finanzierungsrunden folgten. Die Situation für Spin-offs habe sich seither deutlich verbessert, sagt der Gründer. Es habe sich über die vergangenen Jahre gezeigt, dass Interesse da ist und Leute, mit wirklich interessanten Ideen ausgründen wollen, sagt Holzer. 

Hat er einen Plan B gehabt? Mir war bewusst, dass das Einzige, was man sicher bekommen werde bei dem Projekt, ist, dass ich etwas dazulerne, sagt Holzer: "Ich hätte mir ein neues Projekt gesucht, das einen ähnlich positiven Einfluss auf das Leben von Menschen hat."

Kommentare