Wirtschaft
08/06/2019

China manipuliert seine Währung: Was an dem Vorwurf dran ist

Die USA klagen China als Manipulator an; die Asiaten verschafften sich unzulässige Vorteile. Worum geht es? Fragen und Antworten.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Was US-Präsident Donald Trump in seiner morgendlichen Twitter-Meldung am Montag angekündigt hatte, machte Finanzminister Steven Mnuchin aktenkundig: Erstmals seit 1994 bezichtigen die USA China offiziell der „Währungsmanipulation“.

Was genau ist vorgefallen?

Der Wert von einem US-Dollar ist am Montag über die Wechselkursmarke von sieben Yuan geklettert. So schwach war Chinas Währung seit April 2008 nicht. Die Währungshändler erwischte das auf dem falschen Fuß, denn davor hatte die Notenbank PBoC (People’s Bank of China) penibel darauf geachtet, dass die Marke nicht überschritten wird.

Wie rechtfertigen sich die Chinesen? Was werfen ihnen die Amerikaner eigentlich vor?

Die scharfe Abwertung sei vom Markt bewirkt worden, erklärte Notenbank-Chef Yi Gang. Sinngemäß heißt das: „Wir haben gar nichts gemacht.“ Das stimmt sogar. Und ist gar kein Widerspruch zur US-Position. So absurd es klingt: Mnuchin wirft den Chinesen nicht etwa vor, dass sie auf dem Währungsmarkt eingegriffen hätten, sondern dass sie es nicht getan haben. Die Manipulation bestehe darin, nicht aktiv geworden zu sein, als das die Märkte erwarteten.

Und: Ist wirklich etwas dran an diesen Vorwürfen?

So konstruiert das US-Argument im aktuellen Fall klingen mag: Tatsache ist, dass die chinesische Währung nicht frei gehandelt werden kann. Der Kurs bildet sich nicht allein aus Angebot und Nachfrage, sondern ist von der PBoC gesteuert. In manchen Phasen hat China die Währung bewusst schwach gehalten, um einem drohenden Konjunktureinbruch entgegenzuwirken – etwa 2015.

Steven Mnuchin und Yi Gang beim G20-Gipfel in Osaka im Juni

Steven Mnuchin und Yi Gang beim G20-Gipfel in Osaka im Juni

Steven Mnuchin und Yi Gang beim G20-Gipfel in Osaka im Juni

Steven Mnuchin und Yi Gang beim G20-Gipfel in Osaka im Juni

Was bedeutet das offizielle Brandmarken durch die USA?

Formell sieht das Vorgehen so aus, dass die USA nun offiziell Gespräche mit China suchen müssten. Dann könnten sie nach einem Jahr Sanktionen beim Internationalen Währungsfonds beantragen. Das spielt praktisch aber kaum eine Rolle, weil die zwei Wirtschaftsgroßmächte wegen ihres Handelsstreits ohnehin in Dauerverhandlungen (mit Stopp-and-Go-Unterbrechungen) stehen.

Welche Vorteile bringt China der schwächere Yuan?

Eine schwächere Währung macht die Bevölkerung beim Einkaufen im Ausland ärmer. Sie stärkt aber die Wettbewerbsfähigkeit der Exporte, weil Chinas Produkte für US-Kunden billiger werden. Somit könnte ein schwächerer Yuan die Strafzölle kompensieren. Dazu müsste er aber auf 7,40 Yuan pro Dollar fallen, sagt Ulrich Stephan, Experte der Deutschen Bank. So weit wird es wohl nicht kommen. Die globale Sorge ist, dass ein Abwertungswettlauf startet, der allen schadet und keinem nützt.

Warum haben die Finanzmärkte so heftig reagiert?

Chinas (Nicht-)Handeln wurde als Signal gewertet, dass Peking kaum noch Hoffnungen auf eine baldige Lösung des Handelsstreits mit den USA hat und eine Eskalation nicht scheut. Deshalb die Flucht in sichere Werte (deutsche Staatsanleihen, Schweizer Franken, Gold) und alternative Währungen (sogar Bitcoin).

Muss sich die Welt zusätzlich zum Handelskonflikt auf einen Währungskrieg einstellen?

Chinas Muskelspiele sollen den USA signalisieren: Wir können euch auch anders schaden als mit Zöllen. Peking hat jüngst die Sojaimporte von amerikanischen Farmern gestoppt. Sollte der Streit eskalieren, wären noch viele Gehässigkeiten denkbar. Bei früherer Gelegenheit hat sich China von US-Staatsschuldpapieren getrennt und so die Märkte in Aufruhr versetzt. US-Firmen in China müssten sich womöglich auf lästige Kontrollen einstellen. Am Dienstag goss die Zentralbank zumindest kein weiteres Öl ins Feuer. Sie stabilisierte den Yuan-Wechselkurs pro Dollar bei 7,02 – also haarscharf an der symbolträchtigen Marke.