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Hoher Besuch
11/04/2016

Kern und Mitterlehner: Charmeoffensive bei Unternehmen

Kanzler und Vizekanzler auf Firmen-Stippvisiten – Kern kann sich Prämie für Lehrlinge vorstellen.

Da gibt es wohl eine große Scharte auszuwetzen: Kanzler und Vizekanzler begaben sich am Freitag fast parallel in Wien auf Firmenbesuch, um für die neue Gewerbeordnung und weitere Wirtschaftsreformen zu werben. Man sucht die Nähe zur Wirtschaft. Christian Kern tat das bei "Merten Präzesionstechnik", Vizekanzler Reinhold Mitterlehner mit seinem Staatssekretär Harald Mahrer bei Microsoft.

"Wir wollen es den Unternehmen leichter machen. Da muss noch mehr kommen", gibt Kern inmitten der Fertigungshalle in Wien-Donaustadt zu Protokoll. Hier werden komplexe Bauteile für Industrie und Gewerbe gefertigt – etwa für Kameras, künstliche Kniegelenke, U-Bahn-Waggons und Druckereien. Ringsum summen und hämmern die Maschinen. Den Firmenchef Peter Merten lädt Kern ins Kanzleramt ein. Der wiederum stellt keine unerfüllbaren Forderungen und erfreut Kern mit so mancher Antwort. Wie die Lehrlingsqualität sei, fragt Kern. "Top", antwortet Merten, "nicht anders als vor 30 Jahren". Drei bis vier pro Jahr stelle er selbst ein, jammern will er nicht. Die Unternehmen müssten halt die Potenziale der jungen Menschen aufspüren. Diese Antwort begeistert den Kanzler. Genauso habe er es als ÖBB-Chef auch immer empfunden. Kern schüttelt Hände und verteilt Manner-Schnitten, die das Vorführ-Modell eines Palettierungs-Roboters ausspuckt.

Zufrieden mit Älteren

Die Mutter des Firmenchefs, noch immer aktiv im Betrieb, wünscht sich eine "Lehrlingszuwachsprämie" – eine Unterstützung für Unternehmen, die zusätzliche Lehrlinge aufnehmen. Kern verspricht, sich das ernsthaft anzuschauen, denn: "Lehrlinge sind eine Schlüsselfrage".

Doch das innovative Familienunternehmen engagiert auch gerne Ältere, wie der Boss dem KURIER erzählt. Viele von ihnen hätten unverschuldet den Job verloren, hätten aber viel Know-how, seien sehr motiviert. Und tatsächlich: Wer sich in den Hallen umschaut, entdeckt etliche "Silberrücken". Momentan suche er Techniker, vor allem Mädchen, sagt Merten.

Technikverweigerer

Das Familienunternehmen in vierter Generation, gegründet 1922, ist ein Musterbeispiel, wie die Digitalisierung in Unternehmen bereits Einzug gehalten hat. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner nimmt darauf am anderen Ende Wiens – in der Microsoft-Österreich-Zentrale in Wien-Meidling – Bezug: Der Minister sieht bei vielen kleinen und mittleren Unternehmen hinsichtlich der Digitalisierung "noch große Skepsis bis hin zur Technikverweigerung. Viel Potenzial liegt brach".

Ein Beispiel: 86 Prozent der KMU haben eine eigene Webseite, aber nur 12 Prozent einen Onlineshop. Dabei sollte aber Digitalisierung keine Angst machen, sie sei vielmehr eine Chance, sagt er beim Technologieführer.

"Wenn wir nichts tun, verlieren wir bis zu 1,8 Millionen Jobs", nimmt der Vizekanzler auf eine am Donnerstag veröffentlichte Studie von A.T. Kearney Bezug. "In den nächsten zehn bis 15 Jahren bleibt bei den bisherigen Geschäftsmodellen kein Stein auf dem anderen", glaubt Staatssekretär Mahrer. "Die Zukunftstechnologien werden das Leben total verändern." Auch das Arbeitsleben, sagen beide VP-Politiker; alte Jobs würden wegfallen, neue entstehen. Aber ohne den Einsatz neuer Technologien würden viele KMU nicht überleben.

Digitalisierungsoffensive

Um das zu verhindern, starten Mitterlehner und Mahrer eine Digitalisierungsoffensive. Diese beinhaltet das neue Förderprogramm "Go.Digital" mit einem Budget von fünf Millionen Euro im Jahr. Es soll Unternehmen hinsichtlich einer digitalen Strategie unterstützen und die entsprechende Qualifikation von Mitarbeitern fördern. Weiters sollen die digitalen Erfordernisse in alle Lehrpläne einfließen.

Verbesserungsbedarf sieht Mahrer bei der Breitbandmilliarde (hinsichtlich der Förderabwicklung und den Verbindungsgeschwindigkeiten). "Der Ausbau ist zu wenig ambitioniert." Aber: "Wenn die Infrastruktur fehlt, ist die gesamte Digitalisierung sinnlos", sagt Mahrer. Er will Österreich zum Pilotland für 5G (der nächste Mobilfunkstandard) machen.

Crowdworking

Die fortschreitende Digitalisierung krempelt nicht nur die Arbeitswelt grundlegend um, sondern auch das Sozialversicherungssystem. Alles dreht sich künftig um das sogenannte Crowdworking, sprich die Auslagerung von Unternehmensaufgaben an eine „Wolke“ von Online-Arbeitern – meist an Selbstständige. „Man kann sagen, Crowdworking ist der Inbegriff der Ausbeutung und es führt zu einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen“, sagte Christoph Badelt, Chef des Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO). „Oder man sieht die positive Seite, dass Crowdworking ein geniales Konzept ist, das Anbieter und Nachfrager mit dem Minimum an Suchkosten zusammenbringt und es dadurch wesentlich mehr Flexibilität gibt.“ Die neuen Arbeitsformen führen aber zum Teil zu niedrigeren und unregelmäßigeren Einkommen sowie zur Unterbrechung von Versicherungszeiten.

„In Wahrheit geht es nicht um die Finanzierung der sozialen Absicherung, sondern um die Frage, wie kann ich diese Leute in die soziale Absicherung und Altersversorgung hineinbekommen“, sagte Badelt anlässlich einer Enquete im Hauptverband der Sozialversicherungsträger. Damit rüttelt er an der derzeitigen einkommensabhängigen Sozialversicherung. Indes warnte der Arbeitsrechtler Martin Risak vor der Schaffung „digitaler Tagelöhner“. „Prekäre Arbeitsverhältnisse können nicht das Ziel sein“, so der Uni-Professor. Er befürchtet, dass in Zukunft mehr Personen niedrige Pensionen erhalten. Diese Pensionen müssten dann „mit Steuergeldern aufgedoppelt“ werden. Risak: „Wir müssen daher über alternative Finanzierungen der Sozialversicherung reden.“

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