Vom Regen in die Traufe? Der wichtige Finanzplatz London könnte an Bedeutung einbüßen.

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Brexit
06/27/2016

Brexit: Jede fünfte britische Firma überlegt Abwanderung

Schatzkanzler Osborne rechnet mit Turbulenzen an Finanzmärkten. Pfund rutscht ab, Gold im Aufwind.

Es war ein schwerer Gang ans Rednerpult. "Unsere Wirtschaft ist so stark wie nötig, um sich der Herausforderung zu stellen, die auf unser Land jetzt zukommt", erklärte der britische Finanzminister George Osborne in seiner ersten Rede seit dem Brexit-Votum. Der Schatzkanzler rechnet mit anhaltenden Turbulenzen an den Finanzmärkten. Sein Land könne die schwierige Herausforderung aber meistern.

Die Regierung habe Maßnahmen vorbereitet, um damit fertig zu werden. Die Auswirkungen des Brexit werden auch die öffentlichen Finanzen treffen, sagte Osborne, er geht davon aus, dass im Herbst diesbezüglich Maßnahmen notwendig werden. Es sei offensichtlich, dass einige Firmen nun ihre Investitionen aussetzen.

Gang ins Ausland für viele Firmen ein Thema

Eine Umfrage des Firmenchef-Netzwerks Institute of Directors (IoD) bestätigt dies: Eine klare Mehrheit der Firmenchefs bewertete das Brexit-Votum als problematisch. 64 Prozent gaben an, das Ergebnis des Referendums werde sich negativ auf ihr Geschäft auswirken.

Viele britische Unternehmen denken sogar über die Verlagerung von Geschäften ins Ausland nach. 22 Prozent der Mitglieder gaben an, dass sie solche Überlegungen hegten. Knapp jeder vierte Befragte (24 Prozent) will demnach vorerst keine neuen Arbeitskräfte einstellen.

Finanzplatz London wird "nicht sterben, aber schwächer"

Der Finanzplatz London wird nach Einschätzung von Deutsche-Bank-Chef John Cryan an Bedeutung einbüßen - davon könnte Frankfurt profitieren. "Der Finanzplatz London wird nicht sterben, aber er wird schwächer", sagte der Brite demHandelsblatt. "Wir erwarten eine höhere Volatilität an den Finanzmärkten in den nächsten Wochen."

Weil Banken für Dienstleistungen innerhalb der EU rechtlich selbstständige Tochterbanken mit Sitz in einem EU-Staat brauchen, könnten Finanzinstitute Personal aus der Londoner City abziehen. Frankfurt hat als Alternative nach Einschätzung vieler Experten gute Karten. Im April hatte Cryan auf die Frage, wohin die Deutsche Bank ihre Londoner Aktivitäten mit gut 8.000 Mitarbeitern im Falle eines Brexits verlagern könnte, gesagt: "Für uns würde es, wenn überhaupt, Frankfurt werden."

Zwei große EU-Behörden vor Abschied

Zwei große EU-Behörden stehen bereits vor einem umgekehrten "Brexit" - nämlich dem Abschied aus Großbritannien, wenn das Vereinigte Königreich die EU verlässt. Sowohl die Mitarbeiter der EU-Bankenregulierer (EBA) als auch der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) müssen London nach aktuellem Stand "Goodbye" sagen.

Goldpreis steigt, Pfund rutscht ab

Der Brexit-Schock hat auch den Devisenmarkt weiter fest im Griff. Das britische Pfund geriet Montagfrüh im asiatischen Handel erneut unter Druck. Ein Pfund kostete rund 1,34 Dollar und damit kaum mehr als Freitagfrüh, als die britische Währung in wenigen Stunden von 1,50 Dollar auf das 31-Jahres-Tief von 1,3329 Dollar gefallen war.

Aus Unsicherheit über die weitere politische und wirtschaftliche Entwicklung flüchten Anleger indes wieder in Gold. Der Preis für das Edelmetall kletterte am Montag um bis zu 1,5 Prozent auf 1.335,30 Dollar (1.206,7 Euro) je Feinunze (31,1 Gramm).