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Wirtschaft
05/15/2019

Sehr bitter: Millionenpleite eines bekannten Industrieunternehmens

Das Unternehmen hat 20,734 Millionen Euro Schulden, 180 Mitarbeiter sind von der Pleite betroffen. Arbeitsplätze sollen erhalten bleiben.

von Kid Möchel, Dominik Schreiber

Eine Großinsolvenz eines Traditionsunternehmens erschüttert Niederösterreich. Wie die Gläubierschutzverbände AKV, Creditreform und KSV1870 dem KURIER bestätigen, wurde über die Rupert Fertinger GmbH (FN143319p) mit Sitz in Wolkersdorf am Landesgericht Korneuburg heute, Mittwoch, ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung eröffnet.

Zur Insolvenzverwalterin wurde die renommierte Sanierungsexpertin und Anwältin Katharina Widhalm-Budak bestellt. Das Unternehmen, das auch einen Produktionsstandort in Neusiedl an der Zaya unterhält, soll fortgeführt werden. Es ist seit 1944 in der Metallfertigung tätig.

Das Unternehmen gehört zur Kfz-Zulieferindustrie und Sanitärbranche und beschäftigt sich mit: Aluminiumrohrbiegeteile, Armaturen und Zubehör für den Sanitärbereich, Automotive Komponenten, Baugruppen für die Automobilindustrie, Bauteile für die Autoelektrik, CNC-Fertigungstechnik, CNC-Frästeile, Fittings aus Aluminium, Gesenkschmiedestücke, Griffstangen für Naßräume, Metallverarbeitung, Sanitärarmaturen, Warmpressteile und Zerspanung.

Pleiteursachen

Offenbar hat sich der Betrieb bei seiner Expansion finanziell übernommen. "Ursache dafür sind hohe Restrukturierungskosten im Zuge der Schließung von zwei Satellitenstandorten sowie hohe Entwicklungsaufwendungen für Neunominierungen", heißt es in einer Aussendung des Unternehmens. So soll sich die Inbetriebnahme des Produktionsstandortes in Polen wegen der Kundenanforderungen schwierig gestaltet haben. Fertinger soll daraufhin Restrukturierungsmaßnahmen eingeleitet haben. Das Produktsortiment wurde verkleinert, zwei Produktionsstandorte wurden offenbar geschlossen.

Im ersten Quartal 2019 sollen wieder schwarze Zahlen geschrieben worden sein. Doch die Restrukturierungsmaßnahmen haben die Kapitalrücklagen aufgezehrt. Ein neuer finanzieller Zuschuss soll gescheitert sein. Man muss die Reißleine ziehen

"Es ist geplant das Unternehmen durch das Sanierungsverfahren in Fremdverwaltung zu entschulden und weiterzuführen. In den beiden Produktionsstandorten in Niederösterreich werden 180 MitarbeiterInnen beschäftigt." Die Arbeitsplätze sollen laut Firmenleitung erhalten bleiben. Ein Betriebsrat ist eingerichtet.


Bürgermeister Domnic Litzka zuversichtlich

"Die Insolvenz trifft mich persönlich sehr, die Firma Fertinger ist eines der traditionsreichsten Unternehmen in Wolkersdorf", sagt der Wolkersdorfer Bürgermeister Dominic Litzka (ÖVP) zum KURIER. "Es ist eine schwierige Situation. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass alles getan wird, damit ein erfolgreiches Sanierungsverfahren erfolgen kann. Es wurde mir mitgeteilt, dass kein Mitarbeiter seinen Arbeitsplatz verliert. Wir werden alles dazu tun, um das Unternehmen weiter zu unterstützen und die Arbeitsplätze sicherzustellen."

Schulden und Vermögen

Die Verbindlichkeiten betragen laut Creditreform rund 20,734 Millionen Euro, davon entfallen 6,857 Millionen Euro auf sonstige Verbindlichkeiten, 5,093 Millionen Euro auf Lieferanten, 4,539 Millionen Euro auf Banken, 2,517 millionen Euro auf Rückstellungen und 1,746 Millionen Euro auf ein Factoring-Institut und weiter 5,864 Millionen Euro auf Eventualverbindlichkeiten. Rund 6,453 Millionen Euro Forderungen sind besichert. Laut Creditrefrom sind 240 Gläubiger betroffen.

Indes beträgt das Vermögen rund 8,619 Millionen Euro, davon entfallen 3,687 Millionen Euro auf das Anlagevermögen und 4,931 Millionen Euro auf das Umlaufvermögen. Die Aktiva sind aber in Höhe von 6,25 Millionen Euro verpfändet. Unterm Strich bleibt somit lediglich ein freies Vermögen in Höhe von 1,693 Millionen Euro.

Industrieller Veit Schmid-Schmidsfelden

Das Unternehmen gehört zu 97 Prozent der Metallwarenberzeugung Rupert Fertinger GmbH um den Industriellen Veit Schmid-Schmidsfelden, drei Prozent hält Herbert Reininger. Laut Bilanz 2017 beschäftigt der Betrieb 198 Mitarbeiter, die Verbindlichkeiten wurden 2017 mit 12,285 Millionen Euro beziffert. Im Jahr 2017 betrug der Jahresverlust 1,889 Millionen Euro, der Bilanzverlust 23,461 Millionen Euro, der Verlustvortrag 1,572 Millionen Euro.

Bereits 2016 betrug der Bilanzverlust 1,572 Millionen Euro, der Verlustvortrag 1,045 Millionen Euro. Schon 2015 betrug der operative Verlsut 1,133 Millionen Euro und der Bilanzverlust 1,045 Millionen Euro. Selbst 2009 betrug der Bilanzverlust bereits 345.800 Euro, aus den Vorjahren konnte man aber Gewinne auf die neue Bilanz vortragen.

Die solvente Metallwarenerzeugung Rupert fertinger GmbH gehört zu 99,58 Prozent der Schmid-Schmidsfelden BeteiligungsgmbH, die restlichen Anteile hält Kommerizialrat veit Schmid-Schmidsfelden persönlich. Die Metallwarenerzeugung hält 80 Prozent der Anteile an der Fertinger Armaturen GmbH.

Abzüglich der Kapitalrücklagen betrug das Eigenkapital noch 496.700 Euro. Indes setzte der Betrieb damals 31,8 Millionen Euro um. Schmid-Schmidsfelden ist auch Arbeitgebervertreter und Chefverhandler in Sachen Kollektivverträge. So war im Vorjahr sein Betrieb während der Verhandlungen von Warnstreiks betroffen.

Schmid-Schmidsfelden sitzt auch im Aufsichtsrat der AUA und bei Kapsch.

Das Firmennetz

Die Rupert Fertinger GmbH ist Mehrheitsgesellschafter (95 Prozent) der Schmid-Schmidsfelden Wolkersdorf Immobilienverwaltung GmbH und hält Anteile an der WMA Weinviertler Mechatronik Akademie GmbH. Außerdem ist sie 100-Prozent-Gesellschafter der Fertinger Automotive Polska und der Fertinger Automotive North America.

 

Sanierungsplan muss erst gepüft werden

"Die Realisierbarkeit des Sanierungsplans mit einer angebotenen Quote von 20 Prozent wird vom KSV1870 nunmehr eingehend geprüft", schreibt KSV1870-Experte Peter Stromberger in seiner Aussendung. "Der KSV1870 wird auch der Frage nachgehen, ob, bzw. in welcher Form dieser Zahlungsvorschlag, der lediglich den gesetzlichen Mindesterfordernissen entspricht, verbessert werden kann."