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Reportage
03/02/2017

Lehre oder Studium? Entscheidungshilfe für Jugendliche

In der Wiener Stadthalle präsentieren sich derzeit 350 Institutionen und Firmen. Was Jugendliche interessiert.

von Ute Brühl

75.000 Besucher in vier Tagen: So viele junge Menschen aus ganz Österreich werden bei der Berufs- und Studienmesse BeSt erwartet. Kein Wunder, dass am Eingang zur Wiener Stadthalle dichtes Gedränge herrscht. Die Jugendlichen stehen vor der schwierigen Entscheidung, welche Ausbildung sie nach der Schule anstreben sollen. Die Angebote hier sind riesig – rund 350 Aussteller präsentieren sich: von A wie Abendgymnasium über K wie Kunstakademie Linz bis Z wie Zivildienstagentur reicht die Palette.

Am Stand der Mathematik-Fakultät informiert sich die 17-jährige Andrea Pupić. "Ich will einmal in die Forschung gehen", sagt sie bestimmt. "Ob ich Physik oder Mathematik studieren werde, weiß ich aber noch nicht." Fürchtet sie sich nicht davor, dass das Studium zu schwierig ist? "Um das herauszufinden, bin ich hier."

Ein Dozent macht ihr Mut: "Ob es das Richtige ist, merkst du schnell – die meisten Drop-outs gibt es in den ersten zwei Semestern. Wer die schafft, beendet das Studium im Normallfall. Zudem sind wir eine nette Fakultät mit engagierten Professoren, die sich um die Studenten kümmern."

Noch unentschlossen

Eine so genaue Vorstellung hat allerdings nicht jeder junge Mensch. Magdalena Basta, eigens aus Graz angereist, weiß zwar, dass "Sport und Psychologie interessant sind", doch zum Beruf will sie beides nicht machen. Sie hofft, dass sie an diesem Tag vielleicht eine Idee bekommt, was sie machen will.

Etwas weiter sind da schon die drei Burschen, die gemeinsam einen Berufsorientierungskurs beim AMS machen, und jetzt durch die Halle schlendern. Sie wurden offensichtlich gut auf den Tag vorbereitet. Was ihr Berufswunsch ist? Selim, 17, scherzt: "Zu den 48ern (Wiener Müllabfuhr, Anm.) will ich nicht. Ein Handwerk wäre schön." Nur welches, weiß er noch nicht. Sein Freund Carlos, 15, hat da schon konkretere Vorstellung: "Mechaniker bei den ÖBB, da hatte ich auch schon ein Vorstellungsgespräch." Auch der 16-jährige Oskar hat schon einen genauen Plan: "Zuerst will ich eine Lehre im Büro oder als Grafiker machen, dann gehe ich zum Bundesheer, um später zur Polizei zu gehen."

Exotischer ist das Berufsziel von Dominik Six. Der 19-jährige Zivildiener will katholische Theologie studieren. "Ich geniere mich nicht dafür", sagt er. Derzeit arbeitet er noch bei der Diözese Linz und ehrenamtlich ist er Jungscharleiter, doch zum Studium wird er nach Wien übersiedeln. Will er danach Priester werden? Von dem 19-Jährigen kommt ein entscheidendes "Nein". Der Grund: "Ich will eine Familie gründen. Zudem habe ich mit dem Zölibat theologisch meine Probleme." Vom Studium erwartet er sich, dass "es viel mit einem selber macht, wenn man sich mit Fragen des Lebens und der Kirche auseinandersetzt". Das Studium biete einige Berufschancen – entweder in der Diözese oder als Religionslehrer.

Lehramt ist auch das Ziel von Eduard, 19, der Sport und Geschichte studieren will. "Als Fußballtrainer habe ich gemerkt, dass mir der Umgang mit Jugendlichen Freude macht. Zudem habe ich einen sicheren Job, was mir wichtig ist." Seine Freundin Francesca, 17, interessiert sich hingegen für die Informatik: "Das habe ich bei meiner Cousine gesehen. Man lernt ständig Neues – genau das, was mir taugt. Und am Ende habe ich hoffentlich einen gut bezahlten Job."

Wer sich nicht so zielgerichtet informiert wie Francesca oder Domini, kommt am Ende aber wohl mit mehr Fragezeichen aus der Stadthalle – und zumindest mit einem Sackerl voller Infomaterial.

Info:

www.bestinfo.at Berufs- und Studienwahlmesse noch bis 5. März, 9 bis 18h , Sonntag bis 17 h . Ort: Stadthalle Wien

Hoch hinaus

Kfz-Mechaniker bei den Burschen und Friseurin bei den Mädchen stehen als Lehrberufe noch immer hoch im Kurs. An Berufe wie Dachdecker, Glaser oder Spengler denken junge Menschen weniger. Die Wirtschaftskammer Wien will das ändern und geht neue Wege bei der Anwerbung von Jugendlichen.
Heute, Freitag, können Schüler bei einem speziellen Lehrlingscasting ab 12 Uhr herausfinden, ob sie für einen „Beruf am Dach“ geeignet sind, indem sie etwa auf eine acht Meter hohe Leiter steigen (Ort: Haus der Spengler, 5., Grüngasse). Erwartet werden rund 100 Teilnehmer. Der Beruf des Dachdeckers gilt seit Jahren als sogenannter „Mangelberuf“, weil sich zu wenige Bewerber auf offene Stellen melden. Aus diesem Grund können Ausländer aus Drittstaaten als Fachkräfte gemäß Ausländer-Beschäftigungsgesetz zugelassen werden. Das Problem: Die Ausbildung in anderen Ländern entspricht mit Ausnahme von Deutschland nicht jener in Österreich, weshalb nur schwer ausländisches Personal angeworben werden kann.
JobchancenGrundsätzlich sind die Jobchancen für Jugendliche etwas besser als in den vergangenen Jahren. Derzeit sind knapp 50.000 15- bis 24-Jährige beim AMS vorgemerkt, um 8,5 Prozent weniger als noch vor einem Jahr. Dafür verantwortlich ist sowohl der Geburtenrückgang, die Unterbringung in staatlichen Ersatzlehrstellen sowie der anhaltende Trend zur Höherqualifizierung. 6500 Lehrstellen Suchende stehen aktuell 3300 offenen Lehrstellen gegenüber, das ist ebenfalls ein leichtes Minus.
Im EU-Vergleich rutschte Österreich zuletzt dennoch von der zweiten auf die vierte Stelle zurück. Mit einer EU-weit einheitlich gemessenen Jugendarbeitslosenquote von 10,5 Prozent liegt Österreich hinter Deutschland, Tschechien und den Niederlanden. Bei der Gesamtarbeitslosigkeit gab es sogar einen Rückfall auf Rang 9 – noch hinter Rumänien.

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