Wirtschaft
23.10.2017

Europas Banken stehen wieder vor großen Kapitallöchern

Aufseher wollen Finanzinstitute erneut gegen Risiken wappnen. Ein Milliardenaufwand könnte die Folge sein.

Vor neun Jahren hat die Finanzkrise die Banken weltweit ins Wanken gebracht. Einige krachten zusammen, einige mussten mit vielen Milliarden an Staatsgeldern solange am Leben gehalten werden, bis sie wieder fit genug waren. Für jene, die überlebt haben, wurden die Vorschriften verschärft. Damit sich eine solche Systemkrise nicht mehr so leicht wiederholen kann, wurden sie dazu angehalten, mehr Kapital zur Seite zu legen. Das ist ihnen auch gelungen. Doch wie eine Studie nun feststellt, reicht das noch immer nicht. Erneut droht eine deutliche Unterkapitalisierung.

Österreich Banken im Mittelfeld

Der deutsche Unternehmensberater zeb hat erhoben, dass die Eigenkapitalquote der 50 größten Banken Europas im Durchschnitt im Vorjahr auf 13,5 Prozent stieg. Erforderlich sind laut Vorgaben der Aufsicht 12,5 Prozent. Österreichs Banken liegen hier im Mittel. Bank Austria-Mutter UniCredit war Ende 2016 mit acht Prozent deutlich Letzter. Allerdings hat eine Kapitalerhöhung das Niveau inzwischen gehoben.

Probleme gibt es jedoch nach wie vor bei der Eigenkapitalrendite (Return on Equity, RoE). Sie liegt bei nur vier Prozent nach Steuern, laut zeb-Studienautor Ekkehardt Bauer sollen es aber mindestens acht Prozent sein. "Bis 2015 ist sie gestiegen, vor allem wegen der günstigen Rahmenbedingungen wie hohem Wirtschaftswachstum, weniger Kreditausfällen und niedrigeren Rechtskosten. Operativ hingegen war es zu wenig." Auch der kumulierte Gewinn nach Steuern sank von 2015 auf 2016 von 93 auf 69 Milliarden Euro. Und nicht zuletzt haben europäische Bankaktien seit 2012 – also nach der Finanzkrise – weitaus weniger zugelegt als entsprechende US-Werte. "Wer 2007 gekauft hat, ist noch immer im Minus", sagt Bauer. Grund sei, dass sich die Konjunktur in den USA viel rascher erholt habe.

Ungemach bis 2021

Und nun droht erneut Ungemach. Die Vorgaben für Banken (Basel III) werden wieder verschärft (Basel IV); treten diese wie geplant in vollem Umfang bis 2021 in Kraft, bedeutet das laut zeb-Expertin Michaela Schneider erneut 30 Prozent mehr Eigenkapitalbedarf. "Banken brauchen aber ein bisschen Luft zum Atmen, auch, um wieder zu investieren."

Die Berater haben errechnet, wie sich Basel-IV-Regeln und Niedrigzinsen konkret auf die Eigenkapitalrendite großer europäischer Banken auswirken würde. Im optimistischen Szenario steigt sie immerhin auf 4,8 Prozent (ist damit aber noch weit von den gewünschten acht Prozent entfernt). Im schlechtesten Fall fällt sie auf 1,5 Prozent. Die Eigenkapitalquote sinkt auf 10,7 bzw. 9,6 Prozent. "Es ist somit noch einiges zu tun", sagen Bauer und Schneider.

Zumal neben den regulatorischen Vorgaben zusätzliche Gefahren durch das Erstarken der US-Investmentbanken oder Fintechs drohen. "Insgesamt wird der Konsolidierungsdruck auf Europas Bankenmarkt steigen", sagen die beiden Fachleute. "Nur Kosten senken, das wird nicht reichen."

Wenn die Banken konsequent vorgingen, könnten die genannten Lücken geschlossen werden. Dazu zähle: bestehende Kundenbeziehungen nutzen, um neue Geschäftsfelder aufzubauen; mit anderen Dienstleistern bzw. Fintechs kooperieren; höhere Preise; nicht zwingend alles anbieten, sondern auf Produkte mit höheren Margen setzen.

Was ist Basel IV?

Der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht versucht seit 1974 weltweite Standards vorzugeben. 1988 traten die ersten Eigenkapitalvorschriften (Basel I) in Kraft, zwei weitere Regelwerke folgten. Bei Basel IV (soll 2021 vollständig wirksam werden) ist noch strittig, in welchem Ausmaß Banken die Risiken in ihren Bilanzen selbst herunterrechnen dürfen. Das hat Folgen für die Unterlegung mit Eigenkapital.