Trocknen: Ein Mitarbeiter hängt auf einem Fabriksdach Wäsche auf.

© REUTERS/RAFIQUR RAHMAN

Bangladesch
05/10/2014

Modemacher im Schlaglicht

Bangladesch.1100 Menschen starben 2013 bei einem Fabrikseinsturz. Getan hat sich seither wenig.

von Simone Hoepke

Jemand zahlt den Preis. Für billige T-Shirts wie auch für teure Marken-Jeans, die zu Spottpreisen in Asien zusammengenäht werden. Vor einem Jahr hat das bisher schlimmste Fabriksunglück in Bangladesch dramatisch vor Augen geführt. Beim Fabrikseinsturz von Rana Plaza starben 1100 Näherinnen. Tausende Verletzte und Hinterbliebene warten noch heute auf Entschädigungszahlungen.

In Bangladesch nähen, bügeln und versenden 1,6 Millionen Menschen in 4500 Fabriken Kleider für Handelsketten und Diskonter. Die Textilindustrie ist für 80 Prozent der Exporte des bettelarmen Landes verantwortlich. Entsprechend groß war die Angst, dass Firmen ihre Aufträge in andere Länder abziehen, wenn "Made in Bangladesch" bei Konsumenten einen negativen Beigeschmack bekommt. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Clean Clothes rieten von Boykott-Aktionen ab. Damit wäre den Arbeiterinnen nicht geholfen. Sie hätten in Bangladesch nur drei Möglichkeiten zu arbeiten: In Textilfabriken, im Haushalt oder als Prostituierte, erklärte eine Aktivistin.

Ein Jahr nach dem schweren Unglück haben mehr als 150 Handelskonzerne ein rechtlich bindendes Abkommen für Feuer- und Gebäudeschutz unterzeichnet, unabhängige Inspektoren kontrollieren rund 1600 Fabriken. Unternehmer werden angewiesen, Mängel in den Produktionsstätten zu beheben – auf Kosten der Auftraggeber. Das habe eine Abwanderung aus Bangladesch verhindert. "Ohne das Programm wäre das Vertrauen nicht dagewesen. Denn keiner hätte gewusst, ob nicht bald der nächste Einsturz passiert", sagt Sean Ansett, Unternehmensberater für Nachhaltigkeit und Ex-Geschäftsführer des Abkommens, der dpa.

Die Situation vieler Arbeitnehmer hat das alles noch nicht verbessert. Der Mindestlohn wurde zwar von 3000 Taka (28 Euro) auf 5300 Taka (50 Euro) angehoben, doch einen großen Teil davon mussten die Fabrikarbeiter gleich an ihre Vermieter weiterreichen, die jetzt höhere Mieten verlangen. Die Asia Floor Wage Alliance schätzt, dass eine Näherin 260 Euro verdienen müsste, um mit einer vierköpfigen Familie gut über die Runden zu kommen.

Ins nächste Billigland

Steigende Mindestlöhne treiben die Karawane der Modemacher aber oft auch einfach weiter in noch billigere Fertigungsländer. Etwa von China – wo die Löhne zuletzt stark angehoben wurden – nach Bangladesch. Und weiter nach Afrika. In der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba hat beispielsweise ein chinesischer Schuhfabrikant ein Werk eröffnet, in dem für den US-Markt produziert wird, berichtete kürzlich die Tagesschau. Von der Regierung sind die Investoren aus Fernost freilich willkommen. Auch weil sie keine Fragen zu den Menschenrechten stellen, heißt es.

Für Saskia Krämer von der Fair Wear Foundation können vom Produktionsland allein keine Rückschlüsse auf die Fertigungsbedingungen gezogen werden. Es gäbe überall gute und schlechte Arbeitgeber. Auch Ware, die in Europa gefertigt wird, sei nicht automatisch besser. "In Fabriken in Mazedonien sind die Arbeitsbedingungen oft nicht besser als in Bangladesch." Dass auch "Made in Italy" nicht automatisch schick ist, zeigten im Vorjahr Meldungen aus Prato, einem Industriegebiet in der Toskana. Geschätzte 30.000 Chinesen sollen dort – teils illegal – zu Hungerlöhnen in Textilfabriken schuften. Bei einem Brand in einer der Fabriken kamen sieben Menschen ums Leben.

Fabriken on tour

China? Zu teuer! Die Karawane der Modemacher zieht weiter. In noch billigere Länder. Von Äthiopien bis Laos. Hauptsache billig. Das gilt auch für Europa. Ehemalige Auftraggeber ungarischer Kleiderfabriken lassen längst in Rumänien fertigen. Weil die Autobauer, die nach Ungarn kamen, das Lohnniveau in die Höhe getrieben haben. Fabrikanten sind oft nicht mehr als anonyme Zeilen einer Excel-Tabelle.

Spätestens nach den Meldungen von katastrophalen Zuständen in den Fabriken kommt mit der Billigjeans auch das schlechte Gewissen. Allerdings nähen Billigarbeiter in denselben Hallen oft auch für teure Marken. Die Lohnkosten einer 100-Euro-Jeans aus Asien wird von Experten mit einem Euro taxiert. Die Schuld an den Zuständen in Fabriken schieben sich die Akteure gegenseitig zu. Konzerne verweisen an die lokalen Regierungen, diese spielen den Ball zurück. Die Modehäuser seien an den Zuständen schuld, weil sie mit immer kurzfristigeren Aufträgen immer mehr Druck aufbauen würden. Und letztlich seien es die Konsumenten, die billig kaufen wollen.

Manche Staaten setzen nun ein Zeichen. Die Niederlande zum Beispiel. Die öffentliche Hand hat sich zu fairer Beschaffung verpflichtet. Zwei Drittel der Unternehmen, die ihr Arbeitskleidung – etwa für Polizisten – liefert, sind Mitglied der Fair Wear Foundation. Klingt teuer. Wie viel mehr kostet eigentlich Kleidung, die zu fairen Löhne produziert wird? 12 Cent, sagen deutsche Gewerkschafter.

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