© APA/AFP/JONATHAN NACKSTRAND

Wirtschaft
07/23/2019

Wie Schweden den Klima-Umschwung geschafft hat

Schweden unter der Lupe: Das Land hat schon 1991 eine CO2-Steuer eingeführt. Nicht alles ist aber mustergültig.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Der ernsthafte Gesichtsausdruck, die nachdrückliche Wortwahl – das macht Eindruck. Die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg ist so zum Gesicht der globalen Klimaschutzbewegung („Fridays for Future“) geworden.

Es ist ein Aufstand der Jungen gegen eine ältere Generation, die handelt, als ob es kein Morgen gäbe. Was sich nicht nur auf den Klimawandel, sondern auf Schuldenpolitik oder soziale Ungleichheit ausweiten ließe.

Aber wie ist es um Gretas Heimatland Schweden bestellt? Die junge Aktivistin sitzt jetzt zwar freitags selten vor dem „Riksdag“ in Stockholm. Aber dort, mit ihrem Missmut über Schwedens eigene Klimapolitik, hat der Protestzug begonnen.

Dabei gilt Schweden als Musterland: Die Skandinavier haben bereits 1991 eine CO2-Steuer eingeführt, über die jetzt in Deutschland und vielen anderen Ländern diskutiert wird. Seit damals wird auf fossile Brennstoffe ein Aufschlag eingehoben. Und zwar ein saftiger.

Nirgendwo werden Umweltsünder so sehr zur Kasse gebeten. Der schwedische CO2-Preis ist laut Weltbank mit 129 Dollar je Tonne der höchste weltweit. Die Industrie profitierte lange von günstigeren Tarifen, seit 2018 sind die Preise aber völlig angeglichen (Grafik).

Eine Zweckwidmung für den Klimaschutz gibt es nicht, die Steuer fließt ins Gesamtbudget. Der gewünschte Lenkungseffekt wurde dennoch erreicht: Seit der Einführung 1991 ist der Ausstoß der Treibhausgase um 26 Prozent gesunken.

Und Schweden ist dabei nicht verarmt – die Wirtschaftsleistung ist im selben Zeitraum um 78 Prozent gestiegen. Eine Entkoppelung von Wachstum und ist also möglich. Aber wie?

Strahlende Zukunft

Erreicht wurde das mit mehreren Maßnahmen – nicht alle werden Umweltschützern gefallen. Am nachhaltigsten war die Veränderung bei den Privathaushalten. Öl-, Gas- und Kohleheizungen wurden in den 1990er Jahren konsequent ausgetauscht und stoßen heute nur noch zwei Prozent der schwedischen Treibhausgase aus.

Erreicht wurde das mit Förderaktionen, die den Umstieg auf Fernwärme, Hackschnitzel und Wärmepumpen beschleunigten. Was dadurch begünstigt ist, dass 87 Prozent der Bevölkerung in den Städten (wie Stockholm, Malmö, Göteborg) leben. Und in dem Riesenland kein Mangel an Holz und Holzabfällen besteht.

Was in der Klimadebatte freilich oft ausgeblendet wird: Atomkraft spielt in Schweden eine zentrale Rolle. Zwar hatte das Land – vor Deutschland – den Atom-Ausstieg schon politisch beschlossen. Zwei Kraftwerke wurden zugesperrt. Nach Regierungswechseln und Meinungsschwenks ist nun aber keine Rede mehr davon, die verbliebenen acht Atom-Blöcke an drei Standorten zu schließen. Der Atomlobby gibt die Klimadebatte sogar Aufwind.

Denn eine Havarie mag ganze Landstriche auf Jahrzehnte unbewohnbar zurücklassen – siehe Tschernobyl oder Fukushima. Aber in Sachen CO2 stehen die Reaktoren blitzsauber da. Bleibt nur die Frage, wohin mit den Brennstäben. Da hilft es, dass Schweden groß und dünn besiedelt ist. Wer sollte sich da groß beschweren?

Milliarden-Klage

Und schließlich verdient der Staat mit. Der Energieversorger Vattenfall, der in öffentlichem Besitz ist, hat angekündigt, binnen einer Generation frei von Fossilenergie werden zu wollen. Vom Atomausstieg ist keine Rede. Unter Atomstrom-Gegnern hat Vattenfall den Ruf einer Art Gott-sei-bei-uns, weil es den deutschen Staat auf hohe Milliardenbeträge Schadenersatz wegen der verordneten Kraftwerksstilllegung geklagt hat.

Wie vergiftet das Thema ist, musste auch Greta selbst im März erfahren. Ein Nebensatz in einem Facebook-Posting, wonach Atomenergie „ein kleiner Teil einer sehr großen kohlenstofffreien Energielösung“ sein könne, führte zu einem Entrüstungssturm, auch unter ihren Fans. Das bewog Thunberg zur Klarstellung, dass sie selbst Atomkraft ablehne, der Klimarat IPCC aber diese Option in Betracht ziehe.

Fazit: Was die Privathaushalte betrifft, ist Schweden mit seinem frühen Ausstieg bei Öl- und Gasheizungen tatsächlich fast drei Jahrzehnte voraus. Der Anteil an Wasserkraft im Energiemix ist ähnlich hoch wie in Österreich, der Anteil der sonstigen Erneuerbaren Energie (Wind, Solar) etwas höher als hierzulande.

In Schweden machen Öl, Gas und Kohle nur rund ein Drittel des Energiemixes aus, in Österreich sind es zwei Drittel. Das liegt aber fast eins-zu-eins am Atomstrom, der 29 Prozent ausmacht.

Grüne Ministerin

Seit Ende Jänner 2019 hat Schweden nun eine Umweltministerin von den Grünen – deren Parteiprogramm sieht eigentlich den Atomausstieg vor. Allerdings kann sich die Minderheitsregierung, die die Sozialdemokraten anführen, nur auf ein Drittel der Stimmen im Parlament stützen. Ein Polit-Kurswechsel ist also unwahrscheinlich.

Gretas Popularität wird im eigenen Land mit Wohlwollen gesehen, sagt Wolfgang Sabella vom Außenwirtschafts-Center Stockholm: „Man sieht sich als modernes Land, das umweltfreundlich und nachhaltig agiert.“ Das freut auch Österreichs Exportfirmen. Ihr Know-how bei Energietechnologie, von Biomasse bis zu Fernwärme bzw. Kühlen im Sommer, ist in Schweden sehr gefragt.

Kennt man einen, kennt man alle: Ikea-Neueröffnung in Hyderabad (Indien), August 2018

Kennt man einen, kennt man alle: Ikea-Neueröffnung in Hyderabad (Indien), August 2018

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Was in Schweden anders läuft

Auf den ersten Blick haben Schweden und Österreich viel gemeinsam: Beide sind kleine, exportstarke Volkswirtschaften, die Einwohnerzahl ist ähnlich, das  Wohlstandsniveau fast ident. Und dennoch tickt die Wirtschaft anders.

Während Österreich mit Nischen-Playern auf dem Weltmarkt reüssiert („Hidden Champions“), gelingt es schwedischen Firmen oft, globale Marken aufzubauen, sagt Wolfgang Sabella vom AußenwirtschaftsCenter Stockholm.   

Ikea oder H&M rollten ihre Handelskonzepte weltweit mit Erfolg aus –  Fleischbällchen und bizarre Produktnamen inklusive.  

Autohersteller Volvo  gilt (trotz chinesischen Mehrheitseigentümers) als Sinnbild für Solidität und Sicherheit. Ein Ruf, von dem auch Helmhersteller POC profitiert.

Einen bemerkenswerten Wandel hat Telekom-Riese Ericsson hinter sich, der  wie der finnische Rivale Nokia von Apples iPhone-Triumph am falschen Fuß erwischt wurde. Man besann sich der eigenen Stärken bei der Netzwerktechnologie und darf jetzt hoffen, beim 5G-Aufbau von den Huawei-Problemen zu profitieren.

Auch Marken wie die schwedisch-britische AstraZeneca (Pharma),  TeliaSonera (Telekom), Elektrolux (Konsumgüter), Husqvarna (Holzindustrie) oder Scania (Nutzfahrzeuge) sind weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Ein Kulturunterschied zu Österreich  liegt im offeneren Umgang mit Informationen. Lange vor der Digital-Ära war es üblich, dass Gehaltszettel, Steuererklärungen oder Gesundheitsakten öffentlich sind. Das begünstigt neue Technologie. Die Schweden fürchten sich nicht vorm bargeldlosen Zahlen, sondern stellen freiwillig um.

Stichwort flache Hierarchie: Auch in traditionellen Firmen ist es üblich, dass alle mitreden. „Das setzt viel Kreativität frei“, sagt Sabella. So viel  Experimentierfreude macht sich bezahlt: Der Zahlungsanbieter  Klarna oder Musik-Streamingdienst Spotify sind nur die bekanntesten Namen, die aus einer überaus vitalen Start-up-Szene gewachsen sind.

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