© ORF/BR/Hagen Keller

Tatort am Ostermontag
04/01/2013

Tatort-Kommissar: "Fröhlicher Männerkitsch"

Am Ostermontag geht die erfolgreiche Krimireihe mit dem Bayern-Tatort weiter. München-Kommissar Udo Wachtveitl im Interview.

Nach Til Schweigers erstem Auftritt als Hamburger Tatort-Kommissar ist die längstgediente deutschsprachige Krimi-Reihe wieder in aller Munde. Mit 12,57 Millionen Zuschauern hatte der Krimiklassiker in der ARD die beste Einschaltquote seit fast 20 Jahren. Und dann gab auch noch Götz George bekannt, als Schimanski noch einmal in Duisburg die Dienstwaffe in die Hand zu nehmen. Die aktuelle "Tatort"-Folge ("Macht und Ohnmacht") kommt allerdings aus München und hat ihre TV-Premiere nicht, wie üblich, am Sonntag, sondern am Ostermontag, 20:15 Uhr, in ORF und ARD.

Der neue Bayern-Tatort beschäftigt sich mit der Frage von Recht und Unrecht. Vier Polizisten jagen drei jungen Männern hinterher, die einen Kioskbesitzer so brutal zusammengeschlagen haben sollen, sodass er im Koma liegt. Ein Wiedersehen gibt es mit Carlo Menzinger (Michael Fitz), dem ehemaligen Oberkommissar der Münchner Mordkommission. Zurückgekehrt aus Thailand, ist er auf Besuch in München und steckt gleich mitten in den Ermittlungen der beiden Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl).

Lesen Sie im Folgenden ein Interview mit Udo Wachtveitl über den neuen Münchner "Tatort", nackte Männer und lächerliche Actionszenen:

KURIER: Wer den neuen Tatort sieht, sollte auf jeden Fall nackte Männer mögen . . .

Udo Wachtveitl: In den 80er Jahren sind im Fernsehen so viele nackte Frauen gezeigt worden, dass vielleicht ein gewisser Aufholbedarf besteht. Natürlich kann man einem solchen Auftakt den Vorwurf des Spekulativen machen, aber es sind eben Männer beim Duschen. Sollen wir die jetzt in Badehosen zeigen? (lacht) Die Fesseln des sogenannten guten Geschmacks, gehen mir auch manchmal auf die Nerven. Der Tatort ist ein realistisches Genre. Er zeigt Menschen in Extremsituationen, und da kann man nicht um den heißen Brei herum filmen.

Wenn Michael Fitz als Carlo nach Jahren für eine Folge zurückkehrt, erwartet man eher etwas Heitereres.
Die Gefahr war eben, dass man eine Erwartungshaltung nach Leberkäs‘ und Weißwurst-Gemütlichkeit allzu wohlfeil bedient. Und alberne Tatorte gibt es inzwischen genug, da schadet es nichts, wenn mal einer wieder so richtig an die Nieren geht. Nehmen Sie nur mal ein Klassentreffen, man stellt sich vor, dass es so sein muss wie es damals war, und dann ist es überhaupt nicht so. Wenn sich eine bestimmte Art von Gemütlichkeit, Nähe oder Wärme nicht einstellt, kann das auch sehr wahr sein.

Der Tatort zeigt den schmalen Grat der täglichen Polizeiarbeit . . .
Richtig, und das sagen ihnen auch Polizisten, die wissen was los ist. Sie verstehen so manche ihnen auferlegte Entscheidung oder juristische Fessel nicht. Trotzdem muss bei einem Polizeieinsatz alles so sauber rechtsstaatlich gehandhabt werden, wie nur irgend möglich. Keiner wünscht sich Rechtsstaatsroboter, es sind Menschen, und da kann eine Reaktion auch mal emotional ausfallen. Wichtig ist doch nur, wie Gesellschaft und die Polizei intern mit so was umgehen. Ein Tatort, der das fiktional behandelt, trägt auch dazu bei, das sich da nichts verselbstständigt und kein falscher Korpsgeist entsteht.

Dafür war der Fall Jakob von Metzler (2002 entführter und ermorderter Bankierssohn, Anm.) ja ein Paradebeispiel.
Ich habe mich mit Josef Wilfling, dem langjährigen Leiter der Münchner Mordkommission unterhalten, der selber oft in solchen Situationen war. Und er sagte, dass es unmenschlich wäre, von einem Beamten zu verlangen, dass er nicht alles tut, um ein Kind zu retten, das wahrscheinlich noch lebt. Es ist richtig, dass derjenige alles versucht, aber es ist genauso richtig, dass er bestraft wurde. Das sind einfach die Widersprüche, die unsere Gesellschaft aushalten muss, um sie anschließend mit kühlem Kopf juristisch und publizistisch aufzuarbeiten.

Am Ende des Tatort versteht man, warum Carlo nach Thailand zurück will.
Er sagt ja auch einmal, dass es ein Scheißberuf ist. Eine Kritikern schrieb einmal: “Den BR-Tatort zeichnet aus, das man nie genau weiß, was man zu erwarten hat.“ Das gefällt mir eigentlich ganz gut.

(Runterscrollen: Udo Wachtveitl über Schimanski & Co.)

Bilder aus dem neuen Bayern-Tatort:

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Hat man nach 22 Jahren beim Tatort einen anderen Blick auf die Polizei?
Als ich jung war in den 70er Jahren, waren lange Haare, Rockmusik und Polizei-blöd-finden in Mode. Und wie man bestimmte Frisuren, musikalische Geschmacksverirrungen und Schlaghosen überwunden hat, so hat man auch gesellschaftspolitische Anschauungsmoden überwunden. (lacht) Ich habe da eine ganz einfache Haltung, gute Polizisten sind gut, und schlechte Polizisten sind schlecht. Denkt man an Delikte wie Umweltvergehen oder Gewalt gegen Kinder, dann wünscht sich jeder eine gute, effiziente und schnelle Polizei, Leute mit Herz und Verstand, die rechtsstaatlich geschult sind. Und jeder, der zu zwei aufeinander folgenden Gedanken in der Lage ist, weiß, dass man die Polizei braucht.

Bewegt man sich anders in der Öffentlichkeit, wenn man einen Tatort-Kommissar spielt?
Ich habe nicht den Eindruck, dass ich unter besonderer Beobachtung stehe. Von manchen Schauspielern erwartet man sogar, dass sie über die Stränge schlagen, und denkt, das würde zum Beruf gehören. Ich lasse mich weder durch meinen Beruf in Schranken legen, noch erfülle ich die Sensationshäppchengier mit irgendwelchen Saufeskapaden oder Schlägereien. Das sollen andere machen.

Wenn man sich die alten Tatorte ansieht, hat man teilweise das Gefühl nochmal in eine ganz andere Zeit zurückversetzt zu werden.
Klar, man schaut auf die Autos, die Mode, und die Art der Inszenierung, aber damit ist nicht unbedingt Qualität verbunden, sondern es ist eher so ein skurriler Rückblick auch aufs eigene Leben. Wenn ich z.B. manche alten Schimanski Tatorte sehe, was für ein fröhlicher Männerkitsch da abgefeiert wurde, dann ist das eher bizarr als gut, obwohl es auch sehr gute Schimanski-Tatorte gab. Manchmal ist dieses Männer-Schulter-Klopfen und über brennende Tonnen springen, obwohl die gar nicht im Weg stehen, doch recht albern.“ (lacht)

Was sagen Sie zur momentanen Inflation neuer Tatort-Teams?
Auch da gilt: Wenn sie gut sind, ist es gut, ich habe nichts gegen Konkurrenz. Ich habe nur etwas dagegen, dass man die Marke Tatort nicht pflegt, und nicht die besten Autoren, die besten Budgets, und die sorgfältigste redaktionelle Betreuung zur Verfügung stell. Dass der Tatort sich erneuern muss und immer wieder neue Teams, neue Geschichten, und neue Herangehensweisen braucht, gehört zum Erfolgsrezept, aber durch die vielen Wiederholungen wird die Marke beschädigt und das Besondere stellt sich immer weniger ein. Dazu kommt, dass manche Tatorte einfach zu schlecht sind, als dass sie gesendet werden dürften. Das ist wie bei einem guten Restaurant, das ein misslungenes Gericht lieber wegschmeißt, als es den Kunden vorzusetzen. Die Enttäuschung, die sich beim Zuschauer breit macht, wenn er sich zwei oder drei Mal auf einen Abend freut und anschließend enttäuscht wird, ist gar nicht aufzuwiegen.

In einem Interview haben Sie Miro Nemec mal als den Ordentlichen und sich selber als den Chaotischen bezeichnet. Man würde eher vermuten, dass es umgekehrt wäre, weil Sie im Tatort ernster wirken.
Ehrlich? Ich glaube, das war eher Miro. Dabei gelte ich im Umfeld eher als Humorist. Das hat natürlich auch etwas mit den jeweiligen Rollen zu tun. Mir ist es wichtig, dass man Polizisten nicht als Dödel darstellt, die das Recht nach Gutdünken Rechtsverstöße brechen.

Sie haben sich einmal darüber geärgert, dass Miroslav Nemec beim "Traumhotel" mitgemacht hat. Was war denn so schlimm daran?
Mit dem Tatort ist eine gewisse Qualitätserwartung verbunden, und wenn man dort mitmacht, sollte man einen gewissen Qualitätsanspruch auch durchhalten. Ich weiß, dass man vom Tatort-Drehen leben kann, und darum sollte man wenigstens, während man Tatort-Kommissar ist, ein gewisses Niveau nicht unterschreiten. Ich verstehe jeden Kollegen, der Geld braucht, weil er die Miete bezahlen muss oder die Kinder Turnschuhe brauchen, und er keine anderen Angebote hat, aber solange das nicht der Fall ist, sollte man sich rein halten.

Hat man nach dieser langen Tatort-Zeit eigentlich noch Existenzängste? Oder ist das Thema irgendwann durch?
Ich war einfach nie fest angestellt und habe mich daran gewöhnt nicht zu wissen, was ich im nächsten Jahr mache.

Und das stört Sie nicht?
Wenn man als Schauspieler mal eine Zeit lang gut im Geschäft ist, muss man auch umsichtig sein und darf nicht davon ausgehen, dass es immer so läuft. Man sollte sich eine Situation schaffen, die es einem erlaubt, möglichst wenig schlechte Sachen zu machen. und man sollte mit dem zurechtkommen, was einem zur Verfügung steht. Ich habe einen Lebensstil, bei dem ich nicht viel Geld brauche.

Das Gespräch führte: CLAUDIA BÖHM

INFO: "Tatort – Macht und Ohnmacht“ (D 2012), Regie: Thomas Stiller. Ostermontag, 1. April, 20:15, ORF und ARD. Nach der TV-Ausstrahlung ist die Folge sieben Tage als Video-on-Demand auf der ORF-TVthek abrufbar.

Ab 5. April ist Udo Wachtveitl in der neuen TV-Serie "Im Schleudergang" (mit Gisela Schneeberger) zu sehen. Immer Freitags, 22 Uhr, im Bayerischen Rundfunk.

Die Bücher "Unheil" und "Abgründe" (Heyne) des ehemaligen Star-Ermittlers und früheren Leiters der Münchner Mordkommission Josef Wilfling sind auch als Hörbücher (Random House) erhältlich.

Die beliebtesten Tatort-Kommissare:

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