Interview
04/18/2014

Auf "Wahlfahrt" mit Hanno Settele: 13 Kilometer näher an der EU

Hanno Settele über die ORF-"Wahlfahrt" und die Probleme Europas mit den eigenen Mitgliedern

von Philipp Wilhelmer

Dass Hanno Settele ein guter Autofahrer ist, wissen wir seit der ORF-„Wahlfahrt“, in der er mit einem alten Mercedes die Spitzenkandidaten der heimischen Parteien herumkutschierte. Dass dabei nicht nur belangloses Geplänkel herauskommen kann, war spätestens dann klar, als Frank Stronach ein Sager über die Einführung der Todesstrafe herausrutschte – der Skandal war perfekt.

Wie locker der ROMY-nominierte ORF-Wahlfahrer eine Ausfahrt am Beifahrersitz des schwarzen Retro-Mercedes durchsteht, haben wir am Freitag getestet. Um 9.00 Uhr trafen wir Settele im ORF-Zentrum zum Interview, das stilecht im „Wahlfahrt“-Mercedes stattfand und in ein Video mündete, dass Sie auf Kurier.at abrufen können. Nur soviel: Das Auto fährt sich exzellent. Einzig das Spiel am Lenkrad ist gewöhnungsbedürftig. Und Settele? Der blieb cool.

Kurze Lunte

So entspannt ist er übrigens nicht immer. „Ich habe eine sehr kurze Lunte, wenn mich jemand von links schneidet, fast umbringt und mich dann beschimpft“, sagt der 49-Jährige und runzelt die Stirn. „Da muss ich an mir arbeiten.“

Mit dem hübschen Automobil Baujahr 1978, das einst der russischen Botschaft wohl beste Dienste leistete, hat Settele im Namen der „Wahlfahrt“ gute 4500 Kilometer hinter sich gebracht. Auf der Strecke vom ORF-Zentrum über Ballhausplatz und Parlament in die Redaktion in der Lindengasse kamen weitere 13 hinzu.

An wen richtet sich die „Wahlfahrt“ eigentlich? „Die Idee ist es, ein politikfernes Publikum zumindest für die EU zu interessieren“, sagt Settele. „Es geht nicht darum, in diesem Auto Expertengespräche zu führen. Sondern ein an sich sprödes Thema so darzustellen, dass man auch Menschen erreicht, die sonst mit dieser Thematik eigentlich nichts zu tun haben.“

Für die Neuauflage der Sendung (Premiere: 6. Mai) werden sechs Europapolitiker quer durch den Kontinent chauffiert, darunter Kaliber wie EU-Kommissarin Viviane Reding und Parlamentspräsident Martin Schulz. Von seinen Passagieren hat der ORF-Mann einen positiven Eindruck mitgenommen: „Was ich bei allen festgestellt habe: Die Parteipolitik ist zwar von Bedeutung, aber sie scheint nicht die alles bestimmende Ultima Ratio des Denkens und Handelns zu sein. Alle sechs machen mir den Eindruck, dass ihnen das Projekt Europa wichtig ist.“

Settele war zehn Jahre Washington-Korrespondent des ORF. Warum sich die USA besser führen lassen als das oft ungeliebte Europa, erklärt er sich so: „Washington D.C. ist straffer organisiert als Brüssel. Und wenn Gesetze gemacht werden, brauchen die nicht die Zustimmung aller 50 Bundesstaaten.“ Im Gegensatz dazu steht das Einstimmigkeitsprinzip in der Europäischen Union: „Wenn Sie heute den Unsinn ändern wollen, dass das Europäische Parlament nicht mehr in Brüssel und in Straßburg tagt, dann brauchen Sie die Zustimmung von 28 Mitgliedern.“ Nachsatz: „Ich versichere Ihnen, dass Frankreich dagegen sein wird.“

Wie bei der richtigen Wahlfahrt war auch bei der KURIER–Ausfahrt der Weg das Ziel. Wir passierten Parlament, SPÖ-Zentrale (dort hängt Setteles ehemaliger ORF-Kollege Eugen Freund haushoch als Plakat) und Martin Ehrenhausers Camp am Ballhausplatz. Der durfte auch diesmal nicht mit.

Freund hätte Settele übrigens „sehr gerne“ gefahren, wenn man mit nationalen Kandidaten gedreht hätte, sagt Settele: „Ich habe kein Problem mit Eugen.“

Politisch Unbedarften empfiehlt er zur Orientierung zur EU-Wahl zunächst die Recherche. Am besten im Internet. „Oder noch besser: Rufen sie doch einmal einen Abgeordneten an. Sie werden sehen: Die heben ab!“

Der gebürtige Vorarlberger ist übrigens deutscher Staatsbürger, wiewohl er nie dort gelebt hat. Das hat folgenden Grund: Der Vater stammte aus München, stritt sich mit den Behörden im Ländle und meldete den Sohn als Deutschen. Der ließ die Papiere nie ändern. „Es ist doch völlig egal, was auf dem Papier drauf steht. Mein Herz schlägt als Österreicher.“ Eher als Wiener oder eher als Vorarlberger? Settele grinst und versucht es mit einer diplomatischen Formel: „Hybrid. Momentan ist das Mode .“

Hanno Settele im Gespräch

KURIER: Herr Settele, werden Sie schnell grantig beim Fahren, wenn die Kameras aus sind?
Ich habe eine sehr kurze Lunte, wenn mich jemand von links schneidet , fast umbringt und mich dann beschimpft. Da muss ich an mir arbeiten.

Sie sind mit sechs Europapolitikern quer über den Kontinent gefahren und haben Interviews dabei geführt. Was haben Sie dabei über Europa gelernt?
Hanno Settele: Mich hat frappiert, wie groß die Unterschiede auf rein geografisch nicht wirklich großen Distanzen sein können. Ich war zehn Jahre in Amerika. Damit es dort anders aussieht, fliegt man lange. Wenn man 350 Kilometer Luftlinie von Wien in den Osten fährt, kommt man zum Beispiel nach Košice in die Ostslowakei. Wir waren dort in Siedlungen der Roma, das ist ein Slum, das ist unvorstellbar. Kein Strom, kein Wasser, keine Abfallbeseitigung.

Wenn man wie Sie die USA und die dortige Verwaltung kennt: Ist Brüssel wirklich so ein Moloch, wie immer behauptet wird?
Washington D.C. ist straffer organisiert als Brüssel und wenn Gesetze gemacht werden, brauchen die nicht die Zustimmung aller 50 Bundesstaaten. Wenn Sie heute den Unsinn ändern wollen, dass das Europäische Parlament neben Brüssel auch in Straßburg tagt, dann brauchen Sie die Zustimmung von 28 Mitgliedern. Wenn da ein Land dagegen ist, dann bleibt es bei dem Schwachsinn. Und ich versichere Ihnen, dass Frankreich dagegen sein wird.

Den österreichischen Wählern scheint gar nicht bewusst zu sein, dass die großen politischen Linien in Brüssel und Straßburg bestimmt werden.
Die Bahnen werden dort geschaufelt. Man hat schon einen Spielraum, wie man sich darin bewegt. Aber Sie haben recht: 75 Prozent der Gesetze, die in Österreich Gültigkeit haben, sind aus Brüssel initiiert.

Welche Art von Seher möchten Sie mit der Wahlfahrt eigentlich erreichen?
Die Idee ist es, ein politikfernes Publikum zumindest für die EU zu interessieren. Die Idee ist es nicht, in diesem Auto Expertengespräche zu führen, sondern ein an sich sprödes Thema so darzustellen, dass man auch Menschen erreicht, die sonst mit dieser Thematik eigentlich nichts zu tun haben.

Sie haben für die EU-Wahlfahrt völlig auf österreichische Kandidaten verzichtet. Weil die dem Publikum noch unbekannter gewesen wären als Herr Schulz und Frau Reding ?
Ganz im Gegenteil. Wir haben ja gewusst, das zum Zeitpunkt der Ausstrahlung durch den Wahlkampf unsere österreichischen Kandidaten schon einen gewissen Bekanntheitsgrad haben würden. Wir dachten uns: Wo Europa draufsteht, soll auch Europa drin sein. Also haben wir uns entschieden, mehr von Europa zu zeigen. Und das geht eben nur mit europäischen Kandidaten.

Finden Sie schade, dass Sie ihren ehemaligen ZiB-Kollegen Eugen Freund nicht herumchauffieren konnten?
Wenn wir uns dazu entschieden hätten, die Sendung mit nationalen Kandidaten zu machen, hätte ich ihn natürlich sehr gerne herumchauffiert. Ich habe kein Problem mit Eugen.

Verraten Sie mir Ihre Wahrnehmung: Ist die politische Elite Europas in Brüssel beheimatet?
Dazu fehlt mir nach acht Wochen die Expertise. Aber bei den Leuten, mit denen wir gefahren sind, war ich um jede/n einzelnen froh. Was ich bei allen festgestellt habe: Die Parteipolitik ist zwar von Bedeutung, aber sie scheint nicht die alles bestimmende Ultima Ratio des Denkens und Handelns zu sein. Alle sechs machen mir den Eindruck, dass ihnen das Projekt Europa wichtig ist.

Sind Sie persönlich eigentlich überzeugt vom Projekt Europa?
Ich bin überzeugt davon, aber glaube, dass es grundlegender Reformen bedarf. Wir haben Regeln aus den 50er Jahren, die für fünf, sechs Länder gerade noch gehen. Und haben jetzt aber 28 Länder. Das gibt der EU Fesseln, die sie nicht verdient hat.

Wie würden sie politisch Unbedarften empfehlen, sich bei der EU-Wahl eine Meinung zu bilden?
Am besten im Internet. Oder noch besser: Rufen sie doch einmal einen Abgeordneten an. Sie werden sehen: Die heben ab! Ich würde jedenfalls damit beginnen, jene Gruppierungen auszuschließen, dich ich fix nicht unterstützen möchte. Und aus den verbliebenen meinen Favoriten wählen.

Wissen Sie schon, wo Sie bei der EU-Wahl ihr Kreuz machen?
Ich weiß gar nicht, ob ich hier wählen darf, weil ich trotz meiner Geburt in Vorarlberg deutscher Staatsbürger bin. Mein Vater kommt eben aus München, so einfach ist das. Vielleicht war ich da schon ein früher Europäer: Mir war das immer egal. es war auch in meiner Schulzeit nie Thema, dass ich Deutscher bin. Es ist doch völlig egal, was auf dem Papier drauf steht. Mein Herz schlägt als Österreicher.

Und hier? Sehen Sie sich eher als Wiener oder als Vorarlberger ?
Hybrid. Momentan ist das Mode (grinst).

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