Wirtschaft
20.12.2018

Anti-Trump wider Willen: So tickt der renitente US-Notenbankchef

Der Präsident nennt es "verrückt", die Börsen rebellieren: Dennoch hält Fed-Boss Jerome Powell an den Zinserhöhungen fest.

Heldenlegenden werden in Tagen wie diesen rasch geschrieben. Manchmal reicht es, seinen Job zu erfüllen.

Dass Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Federal Reserve, nun zum Trump-Antipoden stilisiert wird, dürfte ihm selbst ganz und gar nicht recht sein.

Noch kurz vor der Zinsentscheidung hatte Trump via Twitter den US-Notenbankern "viel Glück" gewünscht und eine Entscheidungshilfe mitgegeben: Sie mögen sich ihre Pläne gut überlegen, bevor sie einen weiteren "Fehler" begehen.

Doch das oberste Fed-Gremium ignorierte diese Wünsche. Die US-Notenbank hielt an ihrem Zinspfad fest. Der Leitzins stieg um einen Viertelprozentpunkt auf eine Spanne von 2,25 bis 2,50 Prozent.

Das verärgert Trump, weil dadurch ein (noch) höheres Wachstum der US-Wirtschaft verhindert wird. Im Oktober nannte er den Fed-Kurs gar "verrückt", ein absoluter Tabubruch. Auch die Börsenkurse reagierten am Donnerstag negativ auf die Entscheidung, rund um den Globus lagen die Kurse deutlich im Minus.

Die Fed ist nun tatsächlich etwas weniger optimistisch für die US-Wirtschaft. Weitere Zinserhöhungen bleiben dennoch auf dem Tisch: Die Mehrzahl der Fed-Entscheidungsträger hält für 2019 nun zwei (statt bisher drei) weitere Zinsschritte für angemessen.

Unter Dauerbeschuss

Wie tickt der Mann, der Trumps Zorn ertragen muss? Powell hatte den Job als oberster Währungshüter der USA am 5. Februar 2018 angetreten. Seine „Weisheit und Führungsstärke“ seien Charaktermerkmale, die ein Fed-Chef brauche, hatte Trump seinen republikanischen Parteifreund damals noch gelobt.

Seither steht Powell allerdings unter Dauerbeschuss. Denn Trump hält sich, wie so oft, ganz und gar nicht an die Konventionen. Der US-Präsident tritt ein ungeschriebenes Gesetz mit Füßen, wonach die Regierung sich nicht in die unabhängigen Entscheidungen der Notenbank einmischt.

Unabhängigkeit gefährdet

Diese Regel, die zumindest seit Ende der 1970er alle US-Präsidenten befolgt hatten, hat gute Gründe: Die wichtigste Voraussetzung, um eine Währung stabil zu halten, ist nämlich Glaubwürdigkeit.

Eine Notenbank, die auf Zurufe von außen reagiert, macht sich gegenüber den Finanzmärkten angreifbar. Und würde damit ihre eigenen geldpolitischen Entscheidungen in Frage stellen.

Somit hat Powell am Mittwoch nur seinen Job gemacht, wenn er die Querschüsse von Trump abprallen ließ. Die Regierung lässt freilich nicht locker.

Peter Navarro, einer von Trumps engsten Wirtschaftsberatern, sagte im Gespräch mit CNBC, das Argument der Unabhängigkeit vom Weißen Haus sei vorgeschoben: Das sei eine "schlechte Begründung". Die Fed sollte, wie sie behauptet, rein auf die Fakten achten. Dann dürfte sie keine Zinserhöhungen vornehmen.

Brüchige Stimme

Die politische Brisanz der Zinsentscheidung war Powell bei der Pressekonferenz am Mittwoch jedenfalls nicht anzumerken. Abgesehen von mehrfachen Räuspern und einer noch heiseren Stimme als sonst, trug der 65-jährige die Zinsentscheidung der Währungshüter emotionslos vor.

Als einziger Seitenhieb auf den Druck des US-Präsidenten konnte die Schlussbemerkung verstanden werden: „Wir wissen, dass unsere geldpolitischen Entscheidungen sich auf alle amerikanischen Familien und Firmen auswirken. Und wir werden diese Entscheidungen weiterhin objektiv fällen und ausschließlich basierend auf den besten Informationen, die uns zur Verfügung stehen.“

Wer die hochdiplomatische Sprechweise von Zentralbankern kennt, weiß: Das ist eine klare Absage an Politinterventionen.

Kein Wirtschaftsweiser

So sehr Powell nun auf Kontinuität setzt  - seine Bestellung hatte in einer Hinsicht einen Bruch mit den Gepflogenheiten dargestellt: Der frühere Investor ist der erste Fed-Chef seit vielen Jahrzehnten, der nicht Wirtschaftswissenschaften studiert hatte. Der letzte vor ihm war William Miller, dem 1978/1979 allerdings keine zwei Jahre an der Fed-Spitze vergönnt waren.

Einschlägige Erfahrung im Finanzbereich kann man dem studierten Juristen allerdings nicht absprechen: Er war als Investmentbanker und Abteilungsleiter im Finanzministerium tätig.

Zigfacher Millionär

Später war der begeisterte Radfahrer und Hobbygitarrist, der verheiratet ist und drei Kinder hat, Partner der Anlagefirma Carlyle Group. In dieser Zeit häufte er ein zweistelliges Millionenvermögen an – nach Eigenangaben auf den behördlichen Dokumenten verfügt er über einen Betrag zwischen 20 und 60 Millionen US-Dollar.

Im Februar 2018 löste Powell die noch von den Demokraten bestellte Fed-Chefin Janet Yellen ab, der Trump eine weitere Amtszeit verweigert hatte (auch das ein Bruch mit Politkonventionen).

Dennoch wurde dieser Führungswechsel von der Mehrzahl der Investoren als Stabilitätsgarant gewertet.  Dem Fed-Gouverneursrat hatte Powell nämlich schon seit 2012 angehört. Und auch unter Yellens Führung hatte er jede große Entscheidung abgenickt. Echte Rebellen sehen anders aus.