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Wirtschaft
09/11/2019

Agrar-Experte: „Unsere Lebensmittel sind zu billig“

Wissenschaftler Urs Niggli. Der Schweizer Experte über Bio-Landwirtschaft und Welternährung

von Andreas Anzenberger

Der Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Dr. Urs Niggli ist Leiter des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FIBL) in der Schweiz. Er war vergangenen Freitag Referent beim Biosymposium der Raiffeisen Ware Austria und gilt als Pionier der Biolandwirtschaft.

KURIER: In Österreich werden derzeit 25 Prozent der Ackerflächen biologisch bewirtschaftet. Ist es sinnvoll, die Bioflächen auszuweiten?

Urs Niggli: Die Märkte sind sehr interessiert an Bioprodukten. Es gibt überall ein starkes Wachstum. Österreich ist da weit voraus. Es gib immer noch sehr viele Potenzial.

Es wird immer noch konventionelle Landwirtschaft gegen biologische Landwirtschaft ausgespielt. Ist das zeitgemäß?

Ich habe probiert, aus diesem Feindbild auszubrechen. Eine Pionierbewegung, die mit einer ganz neuen Idee kommt, die muss damit sie Gehör findet und sich durchsetzen kann, eine missionarische Strategie entwickeln. Wir sind die Besten. Aber heute müssen wir gemeinsam Probleme lösen und gemeinsam anpacken.

Passen Gentechnik und biologische Landwirtschaft zusammen?

Bio ist ja immer noch eine Nische. Und eine Nische sollte ein alternativer Entwicklungspfad sein. Man sollte Wissen konservieren, das wertvoll ist. Ein Einstieg der Biolandwirtschaft in die Gentechnik macht überhaupt keinen Sinn. Ich habe mich einmal dazu geäußert, dass man die moderne Gentechnik neutral anschaut. Nicht für den Biolandbau, sondern für die konventionelle Landschaft. Wir haben viele Probleme zu lösen wie Reduktion von Düngern und Herbiziden (Unkrautbekämpfungsmittel Anm. d. Red). Bieten diese modernen Züchtungsmethoden wie die Genschere eine Chance, dass man diese Probleme löst? Die Biobewegung möchte diese Frage gar nicht diskutieren. Man hat mir übel genommen, dass ich als Vertreter der Bioforschung darüber geredet habe.

Die Welternährungsorganisation FAO geht davon aus, dass bis 2050 die Nahrungsmittelproduktion um 50 Prozent steigen muss. Ist das mit Biolandwirtschaft möglich?

 

Nein, das ist mit Biolandbau nicht möglich. Aber die FAO geht auch davon aus, dass wir ökologische Probleme lösen müssen. Wir müssen die Umwelt deutlich weniger belasten und die natürlichen Ressourcen schonen. Dazu gehören Bodenfruchtbarkeit, Arten- und, Landschaftsvielfalt. Für diese Probleme hat der Biolandbau sehr viel zu bieten und kann einen wichtigen Beitrag leisten.

Kann man auf konventionelle Pflanzenschutzmittel für die konventionelle Landwirtschaft ganz verzichten?

Weil die chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel derart gesellschaftliche Kontroversen auslösen, müssen wir neue Wege gehen. Man braucht einen Pflanzenschutz. Gewisse Schädlinge sind derartig dominant, dass es dann zu großen Ertragsausfällen kommt. Für gewisse Kulturen wie Obstbau, Weinbau, Gemüsebau hat auch der Biolandbau Pflanzenschutzmittel. Wir können nicht mehr weiter auf Chemie setzen. Aber wir müssen neue Lösungen im direkten Pflanzenschutz entwickeln. Da sehe ich große Möglichkeiten, dass wir mit Pflanzenextrakten ein neues Gleichgewicht zwischen Nützlingen und Schädlingen finden. Da gibt es viele Lösungen in der Natur. Wir müssten den Schwerpunkt der Forschung auf diese Lösungen setzen.

Derzeit ist Bio noch ein Premiumprodukt, das man teurer verkaufen kann. Je weiter man die Biolandwirtschaft ausdehnt, desto stärker würde die Biolandwirtschaft diesen Status verlieren. Soll man es trotzdem tun?

Viele Biobaueren haben etwas missionarisches und denken nicht in Marktstrategien. Aber es ist natürlich so, je mehr einsteigen, umso weniger Premium-Preise kann man erlösen. Für mich wäre eine Alternative, dass wir neben dem Biolandbau eine sehr glaubwürdige Ökologisierungsstrategie aufbauen. Die konventionellen Bauern können viel ökologischer werden, ohne dass sie in den Biolandbau einsteigen.

Es wird immer mehr Bioprodukte geben. Rechnen Sie mit einem steigenden Preisdruck in diesem Bereich?

Ja, das sieht man jetzt schon. Überall auf der Welt wächst die Anbaufläche. Die Bioprodukte werden überall standardisiert angebaut. Die Richtlinien sind überall gleich, die Zertifizierung ist überall gleich. Der internationale Markt ist sehr stark. Das setzt die Produzenten in Europa, wo wir teurer produzieren, wirtschaftlich unter Druck.

Wir wollen ökologische Lebensmittel. Müssen wir damit rechnen, dass sie weiter teurer sind als konventionelle? Ich denke schon lange, unsere Lebensmittel sind zu billig. In der Geschichte der Menschheit haben wir noch nie so wenig für das Essen ausgegeben. Eigentlich sind die heutigen Preise für Bioprodukte gerechte Preise. Wir müssen uns überlegen, dass wir eine Kostenwahrheit bezüglich Umweltschäden herstellen. Zum Beispiel Stickstoffpflanzenschutzmittel mit einer Lenkungsabgabe teurer machen.

 

 

Urs Niggli studierte Agrarwissenschaften an der ETH Zürich und arbeitete dann an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Pflanzenbau. Seit 1990 leitet er das Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick. Unter seiner Leitung stieg die Mitarbeiterzahl des Instituts von 20 auf 200.  Niggli hält an der ETH Zürich Vorlesungen zum Biolandbau. Der 66-Jährige hat zahlreiche Publikationen zu Biodiversität und Ernährung veröffentlicht.