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Fahrzeugindustrie
11/20/2015

Abgas-Skandal: Kauft VW betroffene Autos zurück?

Volkswagen wird im nächsten Jahr die Investitionen um eine Milliarde Euro kürzen und Projekte zurückfahren.

von Kid Möchel

In der Konzernzentrale von Volkswagen in Wolfsburg geht es heute ans Eingemachte. Der Aufsichtsrat, der aus 20 Mitgliedern besteht, soll richtungsweiseende Entscheidungen im Zusammenhang mit dem mehrere Milliarden Euro schweren Abgas-Skandal fällen. So wird der bereits vor Wochen angekündigte Sparkurs, den der neue VW-Chef Matthias Müller anpeilt, den Aufsichtsrat des größten Autobauers Europas beschäftigen. In der Sitzung wird unter anderem auch über die Investitionspläne diskutiert. Schon am Donnerstagabend hatte sich in Wolfsburg das höchste Kontrollorgan, das Präsidium des Aufsichtsrats, mit den Finanzplanungen auseinandergesetzt. Bei der Sitzung war es auch um die Aufarbeitung der seit Mitte September alles beherrschenden Abgas-Manipulationen gegangen.

Massiv unter Druck

Müller hatte bereits kurz nach seiner Amtsübernahme erklärt, wegen der Dieselkrise alle Investitionen auf den Prüfstand stellen zu wollen. „Unser Ergebnis und die bisherige Finanzplanung kommen massiv unter Druck“, hatte er Anfang Oktober bei einer Betriebsversammlung im VW-Stammwerk Wolfsburg erklärt. „Was jetzt nicht zwingend nötig ist, wird gestrichen oder geschoben.“ Offen ist, wie stark die Kürzungen ausfallen. In der Regel wird zuerst das Leihpersonal geopfert.

Eine Milliarde Euro Einsparungen

Vor Wochen hatte Volkswagen bereits für die Marke VW Einsparungen von einer Milliarde Euro angekündigt. Das wurde am Freitag bestätigt. VW kürzt die Sachinvestitionen um eine Milliarde auf 12 Milliarden für das nächste Jahre. Vor einem Jahr hatte Volkswagen noch 17,1 Milliarden Euro Investitionen pro Jahr geplant und bis 2019 noch Ausgaben in Höhe von insgesamt 85,6 Milliarden Euro angepeilt. Das Geld sollte in neue Modelle, Werke sowie umweltfreundliche Technologien fließen.

"Der Großteil der Sachinvestitionen entfällt auf neue Produkte, das fortgesetzte Ausrollen und die Weiterentwicklung der modularen Baukästen, sowie die Fertigstellung laufender Kapazitätserweiterungen"; heißt es dazu von VW. "Dabei handelt es sich zum Beispiel um Produktanläufe wie den Golf der nächsten Generation oder den Audi Q5, das neue Crafter-Werk in Polen, sowie Vorleistungen für den Modularen Elektrifizierungsbaukasten (MEB)."

Neues Designzentrum wird nicht gebaut

Rund 50 Prozent der Sachinvestitionen fließen in die 28 deutschen Standorte des Konzerns, so der Autobauer. Müller nannte zudem erste beispielhafte Projekte, in denen die Investitionen gestreckt oder zurückgefahren werden. "So wird das geplante neue Designzentrum in Wolfsburg zunächst nicht gebaut. Das führt zu Einsparungen von rund 100 Millionen Euro", heißt es weiter. "Außerdem soll der Bau einer Lackiererei in Mexiko überprüft werden."

Phaeton-Nachfolger wird verschoben

Bei der Modellpalette wird der Nachfolger des Phaeton – der rein elektrisch fahren wird - verschoben. „In den nächsten Wochen werden wir weitere Ausgaben überprüfen und gegebenenfalls auch streichen oder strecken, ohne aber unsere Zukunftsfähigkeit zu gefährden“, erklärte Müller. Er merkte auch an: „Wir werden weiterhin gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern alles dafür tun, um die Stammbelegschaft an Bord zu halten.“

Joint-Ventures in China

Nicht im Konsolidierungskreis und damit nicht in den oben genannten Zahlen enthalten sind die Gemeinschaftsunternehmen in China. Die Gesellschaften werden 2016 das bisher genannte Niveau bei Investitionen stabil halten und planen Ausgaben von rund 4,4 Milliarden Euro. Diese Investitionen werden durch die Gemeinschaftsunternehmen aus den eigenen Mitteln finanziert.

Personalchef pensioniert

Die Entscheidung über einen neuen Personalvorstand soll aber erst Anfang Dezember fallen. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur DPA am Donnerstag aus Konzernkreisen. Es liefen derzeit noch Gespräche mit zwei Kandidaten, einem Mann und einer Frau. Ursprünglich war geplant, dass der VW-Aufsichtsrat am Freitag einen neuen Personalchef benennt. Amtsinhaber Horst Neumann (66) geht zum 1. Dezember in Ruhestand. VW-Chef Müller wird zwischenzeitlich auch dessen Agenden übernehmen, bis ein Nachfolger gefunden ist.

EU gibt Volkswagen mehr Zeit

Die Europäische Kommission räumt Volkswagen bei der Aufklärung der Abgas-Affäre mehr Zeit ein. Bis Ende Dezember müsse der Autobauer nun Informationen zu den Manipulationen darlegen, teilte die Kommission am Freitag mit. Volkswagen selbst habe um die Verlängerung gebeten. Nach dem Bekanntwerden falscher Co2-Werte hatte die EU-Kommission die Mitgliedsstaaten um Hinweise auf Unregelmäßigkeiten gebeten. Ursprünglich sollte VW bis Ende November diesbezügliche Informationen vorlegen.

Heute Deadline in den USA

Auch in den USA steht für diesen Freitag für Michael Horn, der VW-Chef in den USA, ein wichtiger Termin im Kalender: Die kalifornische Umweltbehörde CARB erwartet Vorschläge für einen Rückruf von knapp 500 000 Diesel-Fahrzeugen. „Wenn sie keinen Plan vorlegen, der für uns und die EPA akzeptabel ist, dann stehen uns Strafen zur Verfügung. Es geht nicht ewig so weiter, es gibt eine Deadline“, sagte CARB-Chefin Mary Nichols derDPAbei der Los Angeles Auto Show. Ohne eine akzeptablen Plan zur Beseitigung der Manipulationen drohten „drakonischen Strafen“ bis hin zu Fahrverboten.

Rückkauf der Diesel-Autos?

Nichols geht davon aus, dass VW möglicherweise einen Teil der betroffenen Autos zurückkaufen muss. Erfahrungen aus der Vergangenheit hätten gezeigt, dass Nachrüsten oft nicht so gut funktioniere wie geplant, sagte sie dem Handelsblatt (Freitag-Ausgabe). „Deshalb denke ich, es ist ziemlich wahrscheinlich, dass VW wenigstens einen Teil der Flotte von den Besitzern zurückkaufen muss.“ Der Konzern hat mittels einer Software Abgastests bei Dieselfahrzeugen manipuliert. Dabei ging es um die Stickoxid-Werte. Außerdem hat Volkswagen bei 800 000 Autos angeblich zu niedrige Angaben über den Ausstoß des Klimakillers Kohlendioxid (Co2) gemacht.

Zulieferer Bosch im Visier

Wegen der VW-Abgasaffäre soll auch der VW-Zulieferer-Konzern Robert Bosch ins Visier der US-Ermittler geraten sein. Staatsanwälte im Justizministerium in Washington prüfen, ob der Stuttgarter Bosch-Konzern von den jahrelangen VW-Schummeleien gewusst habe oder daran beteiligt gewesen sei, sagten mehrere mit der Angelegenheit vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Ermittlungen stünden noch am Anfang. Zudem gibt es demnach keine Anzeichen, dass es Beweise für ein Fehlverhalten von Bosch gebe. Dem Vernehmen nach lehnten Bosch, das US-Justizministerium und VW Stellungnahmen ab. VW hat eingestanden, in elf Millionen Dieselautos eine Software implementiert ist, mit der bei Abgastests die Stickoxid-Werte runtergedrosselt werden.

Von Bosch kommen wichtige Bauteile in dem Diesel-Motor, der in sechs betroffenen Volkswagen-Modellen und in einem betroffenen Audi-Modell genutzt wird. Entscheidend ist die Frage, ob Bosch überhaupt über die technische Manipulation informiert war. In früheren Stellungnahmen wurde das vehement dementiert.

Die Chronologie des VW-Skandals

Der Abgasskandal hat Volkswagen in eine schwere Krise gestürzt. Die bisherige Entwicklung im Überblick:

3. September: VW räumt hinter den Kulissen gegenüber der US-Umweltbehörde EPA Manipulationen bei Diesel-Abgastests ein.

18. September: Die EPA teilt mit, VW habe eine Software eingesetzt, um Testmessungen des Schadstoffausstoßes (Stickoxide/NoX) künstlich zu drücken.

22. September: Der Konzern gibt eine Gewinnwarnung heraus und kündigt Milliarden-Rückstellungen für bevorstehende Umrüstungen an.

23. September: Rücktritt von VW-Chef Martin Winterkorn. „Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren“, erklärt er seinen Schritt.

25. September: Der VW-Aufsichtsrat beruft Porsche-Chef Matthias Müller zum Konzernchef und trifft weitere Personalentscheidungen.

28. September: Nach mehreren Strafanzeigen startet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsvorwürfen.

7. Oktober: Krisentreffen der Aufseher, VW-Finanzchef Hans Dieter Pötsch wird an die Spitze des Kontrollgremiums gewählt. Nach Aussage Müllers kann der Rückruf im Jänner 2016 beginnen.

8. Oktober: Razzia bei VW. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ordnet Durchsuchungen in Wolfsburg und an anderen Orten an. VW-US-Chef Michael Horn muss dem US-Kongress Rede und Antwort stehen.

13. Oktober: Wegen der hohen Kosten für den Abgasskandal will VW eine Milliarde Euro weniger pro Jahr als bisher geplant investieren.

15. Oktober: Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet einen verpflichtenden Rückruf aller VW-Dieselautos mit der Betrugssoftware an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,4 Millionen Wagen in die Werkstatt. VW hatte eine freiwillige Lösung angestrebt.

16. Oktober: Von Daimler wechselt Christine Hohmann-Dennhardt zum 1. Jänner 2016 als neue Leiterin für Recht und Integrität zu VW.

17. Oktober: Der Volkswagen-Mehrheitseigner Porsche SE teilt mit, dass Winterkorn auch hier seinen Vorstandsvorsitz niederlegt.

21. Oktober: VW stoppt in der EU den Verkauf von Neuwagen im Lagerbestand, die noch ältere Motoren mit der Betrugssoftware haben. Müller betont, noch gebe es keine direkten Folgen für die Jobs.

22. Oktober: Der Konzern prüft, ob auch die frühe Version des Nachfolgers des Skandalmotors EA 189 von den Manipulationen betroffen ist. Untersuchungen ergeben, dass dies laut VW nicht der Fall ist.

28. Oktober: Der Skandal brockt dem Konzern im dritten Quartal einen Milliardenverlust ein. Vor Zinsen und Steuern beläuft sich das Minus auf rund 3,5 Mrd. Euro.

2. November: Die EPA beschuldigt VW, bei weiteren Dieselmotoren eine Manipulationssoftware eingesetzt zu haben. VW weist dies zurück.

3. November: Der Skandal erreicht eine neue Dimension. VW teilt mit, dass es auch „Unregelmäßigkeiten“ bei Angaben zum Ausstoß von Kohlendioxid (Co2) gab. 800.000 Fahrzeuge könnten betroffen sein.

4. November: Unter den 800.000 Autos mit falschen Co2-Werten sind auch 98.000 Benziner, teilt Verkehrsminister Alexander Dobrindt mit.

6. November: VW will mögliche Nachzahlungen bei den Kfz-Steuern für Fahrzeuge mit frisierten Co2-Angaben selber tragen. Vom Co2-Ausstoß hängt bei jüngeren Pkw auch die Höhe der Kfz-Steuer ab.

9. November: Vorstandschef Müller will enger mit dem Betriebsrat zusammenarbeiten. Dieser hatte kritisiert, die VW-Spitze verkünde Sparmaßnahmen einseitig. Das KBA geht davon aus, dass bei rund 540.000 Autos größere technische Änderungen nötig sind.

13. November: Trotz der immensen Kosten des Skandals will VW bei den Stammbeschäftigten keine Jobs abbauen. „Ich sehe keine Bedrohung für die Stammbelegschaft“, sagt VW-Markenchef Herbert Diess der dpa.

14. November: Mit rund 430.000 Fahrzeugen erstreckt sich konzernweit über die Hälfte der etwa 800.000 Fälle geschönter Daten zum Ausstoß des Treibhausgases Co2 auf das Modelljahr 2016.

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