Vieles gleichzeitig erledigen, nichts abschließen - schlecht für das Gedächtnis

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Warum Jüngere sich oft nichts merken
05/21/2016

Warum Jüngere sich oft nichts merken

Neurologe: "Stress-Demenz" als modernes Leiden.

von Ernst Mauritz

Seit einigen Jahren ist eine steigende Zahl von Menschen zwischen 30 und 55, beruflich und/oder familiär gefordert, die zu dem Neurologen Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek vom Gesundheitszentrum "The Three" (www.thethree.at), kommen und sagen: "Ich merke mir nichts mehr, ich vergesse so viel, kann das schon Alzheimer sein?" – In der Regel ist es das nicht, aber Lalouschek hat für das junge Phänomen einen Namen kreiert: "Stress-Demenz".

KURIER: Was erzählen Ihnen die Betroffenen konkret?

Wolfgang Lalouschek:Sie leiden unter Konzentrationsproblemen, erzählen, dass sie am Abend das Gefühl haben, den ganzen Tag nichts weitergebracht und nichts erledigt zu haben. Es sind Menschen, die immer sehr viel geleistet haben und plötzlich einen Einbruch ihrer Leistungsfähigkeit merken. In bestimmten Fällen kann es auch eine Vorstufe zu einem Burn-out sein.

Woran liegt das?

Dass sie sich abgewöhnt haben, eine Sache konzentriert zu erledigen und auch abzuschließen. Stattdessen fangen sie ständig neue Dinge an – ich nenne das "Patchworkarbeiten". Dadurch fehlen nicht nur die Erfolgserlebnisse. Dass Unterbewusstsein bringt auch ständig all das Unerledigte nach oben – es macht darauf aufmerksam, dass die Dinge noch nicht abgeschlossen sind. Dieser permanente Alarm-Modus kann die geistige Leistungsfähigkeit um bis zu 60 Prozent reduzieren. Das passiert dann, wenn man sich diese Arbeitsweise über mehrere Jahre hindurch – negativ gesehen – antrainiert hat. Das haben wir auch in Messungen gesehen.

Wie haben Sie das gemessen?

Mit der Herzratenvariabilität – je gestresster wir sind, umso regelmäßiger beginnt unser Herz zu schlagen. Diese Veränderungen bewegen sich im Bereich von Millisekunden und sind für uns nicht spürbar. Menschen, die zu diesem Patchwork-Arbeiten neigen und bereits solche Vergesslichkeitssymptome zeigen, bekommen – wenn ihnen gleichzeitig mehrere Aufgaben gestellt werden – einen viel gleichmäßigeren Herzschlag im Vergleich zu solchen, die es gewohnt sind, eine Aufgabe nach der anderen durchzuführen. Letztere sind also viel widerstandsfähiger gegen Stress. Je öfter ich in diesem Multitasking-Modus arbeite, um so weniger kann sich mein Gehirn auf eine Sache konzentrieren.

Auch wenn es eigentlich gar nicht notwendig ist, Mehreres zugleich zu tun?

Ja. Dass geht so weit, dass solche Menschen oft auch ohne erkennbaren äußeren Grund eine Tätigkeit, die sie noch gar nicht abgeschlossen haben, beenden. Einfach deshalb, weil ihnen das Gehirn schon wieder etwas Neues, Unerledigtes ins Bewusstsein spielt. Das Gehirn läuft – wie ein Schwungrad – auch auf Hochtouren weiter, wenn nicht so viel zu tun ist. Und das bestätigt, dass Multitasking letztlich nicht effizient ist. Dauerhaft ausgeübt, ist sein Wirkungsgrad nämlich sehr schlecht: Man hat viel Aufwand, viel Stress, aber kaum Ergebnisse.

Und was kann man dagegen tun?

Versuchen Sie es wieder mehr mit Single-Tasking, also eines nach dem anderen erledigen. Viele benötigen aber auch ein Coaching, um aus ihrem eingefahrenen Verhaltensmuster herauszukommen. Es kann drei bis sechs Monate dauern, bis die geistige Leistungsfähigkeit wieder zur Gänze vorhanden ist.

Jeder Vierte ist ziemlich stark durch Stress belastet

Nimmt man alle Österreicher ab 15 zusammen – die Berufstätigen und Nicht-Berufstätigen, die Jungen und die Älteren –, dann ist knapp jeder Vierte einem „eher hohen“ oder einem „sehr hohen“ Stressniveau im Alltag ausgesetzt (siehe auch die untenstehende Info-Grafik).

Das geht aus einer Studie der GfK Austria Sozial- und Organisationsforschung mit insgesamt 4000 Befragten hervor. 29 Prozent der Berufstätigen berichten in dieser Umfrage von hohem Stress.

Bei einer österreichweiten Umfrage der AK Oberösterreich für ihren Arbeitsklima-Index haben 47 Prozent der Arbeitnehmer erklärt, unter Zeitdruck zu leiden, 37 Prozent der Befragten arbeiten nach eigenen Angaben unter ständigem Druck und haben keine Zeit zum Verschnaufen.

In den Berufsgruppen führen Lehrer (66 Prozent belastet), medizinische Pflegekräfte (65 Prozent) und Berufsfahrer (64 Prozent) das Stress-Ranking an. Rund 40 Prozent aller Invaliditätspensionen werden durch Stress und dessen Auswirkungen auf die Gesundheit verursacht.

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