Vitalpilz-Produkte sind kein Medikament.

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Wellness
02/06/2017

Vitalpilze: Gesunde Wunderwaffe?

Vitalpilze werden als neue Heilbringer vermarktet. Tatsächlich ist ihre Wirkung nicht bewiesen.

Sie sind immer zahlreicher in Regalen von Reformhäusern zu finden, werden von Herstellern breit beworben und im Internet angepriesen: Um Vitalpilze kommt man derzeit nicht herum. Entzündungshemmend sollen sie wirken, Herz und Immunsystem stärken, Demenz vorbeugen, Magengeschwüre und sogar Krebs heilen. Stimmungsaufheller und Entgiftungshelfer sind sie angeblich obendrein. All diese Wirkungsweisen sind wissenschaftlich jedoch nicht belegt, wie Univ.-Prof. Kurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Institutes für Ernährungsmedizin, erklärt. "Es geht um Fakten, und Fakten gibt es dazu keine", sagt der Mediziner.

Bitter und umstritten

Verkauft werden sie in Österreich deshalb als Nahrungsergänzungsmittel, heilversprechende Aussagen sind gesetzlich verboten. Viele Vitalpilze schmecken bitter, deshalb werden sie getrocknet, gemahlen und in der Regel als reines Konzentrat in Form von Pulvern, Kapseln oder Extrakten angeboten. Derartige Präparate enthalten meist ein Gemisch aus Polysacchariden, Beta-Glucanen, sekundären Pflanzenstoffen, Chitin, Mineralstoffen wie Kalium, Kalzium, Eisen und Selen sowie die Vitamin B, D und E – einige enthalten auch die Vitamine A und C.

Auch wenn die Darreichungsform aussieht wie ein Arzneimittel, sind Vitalpilz-Produkte kein Medikament. Um ein Produkt als Arzneimittel vertreiben zu dürfen, muss in einem Zulassungsverfahren nachgewiesen werden, dass das Produkt wirksam und für den Konsumenten unbedenklich ist. Für Vitalpilze ist das bislang nicht geschehen.

Naturarzneien aus Asien

Der Reishi Pilz, einer der bekanntesten Vertreter aus der umfangreichen Produktpalette und im deutschsprachigen Raum auch als Glänzender Lackporling bekannt, kommt wie viele andere Heilpilze aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Dort werden die unterschiedlichsten Pilzarten seit Jahrhunderten als Heilmittel verwendet. Was in der fernöstlichen Volksmedizin und Kultur so verankert ist, wie bei uns entschlackender Brennesseltee oder Beifuß bei Regelschmerzen, wird in unseren Breiten von der Schulmedizin kritisch beäugt.

Mark Stüttler, Geschäftsführer des Unternehmens Tyroler Glückspilze, vertreibt seit mittlerweile vier Jahren Vitalpilze und ist von deren Wirkung überzeugt. Das Besondere an seinen "Glückspilzen": Sie sind nicht aus Asien importiert. Stüttler züchtet die Pilze für seine Präparate selbst, die Kulturen dafür hat er aus aller Welt zusammengetragen. Der Unternehmer lässt die Pilze indoor wachsen, da Pilze in der Natur als Erdreiniger fungieren und in ihrem natürlichen Vorkommen oft mit Schadstoffen belastet sind. Daraus erwächst ein Sortiment, das neben Reishi unter anderem auch Austernpilz-, Eichhase-, Shiitake-, Klapperschwamm- und Raupenpilzkapseln umfasst. Die Wirkungsweisen sind bei allen Präparaten ähnlich und entsprechen auch bei den Glückspilzen den eingangs erwähnten Effekten.

Kein Therapieersatz

Angesichts der steigenden Zahl der Anbieter warnt Widhalm unterdessen vor riskanten Online-Angeboten und leichtgläubigem Konsum. "Die Hersteller vermitteln den Eindruck, dass die Pilze heilend wirken. Das ist aber nicht bewiesen." Bei den beworbenen Effekten handle es sich vielmehr um überlieferte Beschreibungen. Das bestätigt auch die Österreichische Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) und befindet zudem: "Heilpilze werden aufgrund ihrer Verwendung in der Traditionellen Chinesischen Medizin oft mit illegalen krankheitsbezogenen Angaben vermarktet." Konsumenten sollten bei Herstellern, die sich auf nicht nachvollziehbare Studien berufen und mit Beschreibungen wie "ganz natürlich" oder "hilft, wo die Schulmedizin versagt" werben achtsam sein. Es könnte sich um unseriöse Anbieter handeln.

Per se seien die Pilzextrakte Widhalm zufolge nicht schädlich, wer im Krankheitsfall ausschließlich auf eine Therapie mit Vitalpilzen setzt, könnte aber gesundheitlichen Schaden nehmen.

Als Nahrungsmittel seien Speisepilze natürlich nicht zu verteufeln – aber eben auch keine Neuigkeit. "Pilze haben durchaus interessante Inhaltsstoffe. Sie sind aber nichts Besonderes", sagt Widhalm. Auch ohne medizinisches Prädikat haben Pilze also einen gesundheitlichen Nutzen. Sie sind vitaminreich, kalorienarm und ein guter Fleischersatz. Und auch bekömmlich, sofern man sie lange genug in der Pfanne lässt.