Wellness
23.09.2017

RunNa: Verstopfte Kanäle, gerissene Bänder

Über Erwartungen, Enttäuschungen und das kleine Glück im noch kleineren Unglück.

Jeder Tropfen, der auf die Haut prasselt, aktiviert noch mehr Energie und Frische. Ein Gummiband ist an deiner Hüfte fixiert und zieht dich Richtung Ziel. Du zapfst Energie aus unsichtbaren Kanälen von den Bäumen an, an denen du vorbeiläufst. Ich habe bereits alle Tricks von Michele Ufers Buch „Mentaltraining für Läufer“ durch, doch der Regen ist nur kalt und bringt keine Energie. Das Gummiband ist anscheinend gerissen und die unsichtbaren Kanäle sind wohl verstopft. Es war einfach nicht mein Tag, dieser 17. September 2017 und das galt es zu akzeptieren. Dabei hätte es ganz anders werden sollen...

Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. Die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach trifft es in ihrem Zitat ganz gut. Ich hatte Bock drauf. Darauf, beim Wachau Halbmarathon einen rauszuhauen, um es in meinen Worten zu sagen. So, wie es die letzten Wochen gelaufen ist. Eine Bestzeit auf der Uhr jagte die nächste und so war ich unheimlich motiviert nicht nur eine inoffizielle, sondern auch endlich eine offizielle PB ins Ziel zu bringen. „Ich weiß, dass du es kannst. Du bist so konsequent und fleißig, das muss einfach belohnt werden“, hatte mir mein Trainer Harald Fritz noch mit auf den Weg gegeben. Diese Sätze sollten mir lange in Erinnerung bleiben. Vielen Dank an dieser Stelle.

Angriff

Nach einer nicht vorhandenen Frühjahrssaison sollte es mein erster Wettkampf auf Zeit seit dem Silvesterlauf werden. Wie bereits erwähnt, lief das Training die vergangenen Wochen super und so nahm mein anfängliches Ziel, einfach nur Gas zu geben und zu schauen was dabei rauskommt im Laufe des Trainings konkrete Formen an. Zahlen schwirrten in meinem Kopf herum, die durch Trainingserfolge und Coach bestätigt wurden. Also: Ja, ich will Angriff nehmen und meine PB von 1:47:14 knacken. Gefühlt war ich tempomäßig so gut drauf wie noch nie und dementsprechend motiviert bis in die Zehenspitzen.

Tja, aber wie heißt es: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Bereits im Vorfeld gab es Schwierigkeiten. Private Troubles, die ich mit mir im Kopf herumschleppte, wovon sich ein Sorgenkind ganz konkret auch auf den Wettkampftag auswirkte. Eigentlich wäre es geplant gewesen, bereits am Vortag anzureisen. Gemütlich den Abend mit Lauffreunden und Bekannten zu verbringen und mich so schon einmal einzustimmen. Das ist mir wichtig. Ich brauche das Drumherum. Alles war organisiert, doch nichts von alldem. Stattdessen die Anreise Sonntagfrüh. Alleine mit dem Auto. Im Regen. Stimmung, naja, ausbaufähig.

Ready

9.57 Uhr. Drei Minuten noch. Zeit die warme, alte Jacke auszuziehen und sie an den Straßenrand zu werfen. Es sind keine zwei Minuten mehr bis zum Start. Etwas gedämpft durch meine Kopfhörer höre ich Veranstalter Michael Buchleitner. Der Hubschrauber kreist über uns. Meine Playlist ist bereit, ich bin bereit. Nach einer Minute Verzögerung fällt um 10.01 Uhr schließlich der Startschuss zum 20. Wachau Marathon.

Konzentrier dich, nur nicht stolpern. Das Feld ist sehr dicht mit Läufern unterschiedlichster Leistungsklassen. Gefühlt von etwa 4:30 bis 6:30/km. Ich finde keinen Rhythmus. Bereits nach zwei Kilometern werden die Beine schwer. Kilometer drei noch immer kein Rhythmus. Ich klicke mich durch meine Playlist. Mein Song. Mein Intervallsong. Hierzu hast du schon oft abgeliefert, rufe ich mir die Läufe in Erinnerung. Das unbeschreibliche Gefühl, wenn man glaubt, man fliegt über den Asphalt und ein breites Grinsen im Gesicht hat, weil es sich so gut anfühlt.

Doch heute ist alles anders. Diese Leichtigkeit will sich nicht einstellen. Schon nach den ersten Kilometern habe ich Beine wie aus Beton. Bei der zweiten Getränkestation greife ich zum Iso statt zu Wasser. Mache ich eigentlich nie, weil ich es nicht so gut vertrage. Aber Zucker. Vielleicht brauchst du einfach nur Zucker, denke ich. Nach sieben Kilometern nehme ich das erste Gel. So früh wie noch nie. In der Regel brauche ich beim Halben keines, vielleicht wenn es wirklich hart auf hart kommt nach Zweidritteln der Strecke. Aber nach sieben Kilometern?! In dem Fall war es ein Strohhalm an den ich mich zu klammern versuchte. Ich kann nicht mehr. Mag nicht mehr. Ok, du steigst aus. Aber wie komme ich dann nach Krems, denke ich. Also weiterlaufen. Nach ein paar Minuten zeigt das Gel ein bisschen Wirkung. Doch es ist nur ein sehr kurzes Aufbäumen. Ich werde langsamer ohne dass ich gegensteuern kann. Ok, dann rennst ganz locker mit 6:00/km fertig, denke ich.

Beißen

Und dann kommt doch noch ein Fünkchen Ehrgeiz auf: In vier Wochen ist der Marathon. Also reiß dich zusammen und bring den Lauf so gut es geht zu Ende. Ich leide zwar noch immer, aber von da an kann ich mich wieder auf das Ziel konzentrieren. Sechs Kilometer noch. Ich bin noch immer wesentlich langsamer, als ursprünglich geplant. Nur noch bis zum Hügelchen am Donaukanal, beginne ich im Kopf die Strecke auf meine Stammstrecke herunterzurechnen. Oder 3x2000 Meter. Das ist gar nicht viel, versuche ich mich im Kopf zu motivieren. Es funktioniert nicht so gut wie sonst, aber ich bin zumindest etwas abgelenkt. Dann sind es schließlich nur noch drei Kilometer. Es geht quer durch Krems. Noch zwei. Wie die 2000er, die du gemacht hast, rufe ich mir das Training in Erinnerung. Es funktioniert. Ich kann zulegen, werde schneller und endlich ist sie da: Die Zielgerade, die gefühlt mindestens fünf Kilometer lang ist. Doch auch gefühlte fünf Kilometer gehen irgendwann vorbei und so laufe ich nach 1:48:46 durchs Ziel.

„Gratuliere“, höre ich jemanden im Zielbereich zu mir sagen. Ein Läufer lacht mich an. „Danke. Gratuliere ebenfalls“, sage ich. „Ich bin immer wieder hinter dir hergelaufen und habe es erstmals geschafft, unter 1:50 zu laufen“, meint er und strahlt mich an. Wenn es doch noch einen schönen Moment an diesem Tag geben sollte, dann war es dieser. „Super, das freut mich“, sage ich, „ich habe mein Ziel leider nicht erreicht.“ Wir plaudern noch ein bisschen. Irgendwann wolle er einen Marathon laufen, meint er. Vielleicht in einem Jahr. Ich erzähle ein bisschen von meinen Erfahrungen, dann verabschieden wir uns.

Was bleibt?

Als ich auf der Heimfahrt im Auto sitze, gehen mir viele Gedanken durch den Kopf. Mir ist kalt und ich will einfach nur nach Hause. Mein Ziel habe ich klar verfehlt und dementsprechend bin ich enttäuscht. Alles andere wäre gelogen. Aber, um zu Marie von Ebner-Eschenbach zurückzukehren: Im Grunde ist jedes Unglück gerade nur so schwer, wie man es nimmt. Mein Unglück hat einem anderen zum Glück verholfen. Und die wahren Unglücke passieren sowieso woanders. Aber das hat hier nichts verloren.

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