Wellness
04.09.2018

Nach der Schule: Welche Sportart passt zu meinem Kind?

Abseits von den Klassikern Fußball und Ballett gibt es viele Nachittagsangebote für Kinder.

Jonas (12) zählt die Minuten, bis die Schule endlich aus ist. Dann steht endlich Volleyball auf dem Stundenplan. Drei Mal in der Woche fährt er zum Training und an den Wochenenden finden oft Wettkämpfe statt. Früher spielte er Fußball in einem Verein, aber inzwischen schupft er den Ball lieber über das Netz als in ein Tor. Wie er auf diesen Nischensport kam? Schon der Papa spielte als Jugendlicher Volleyball. Aus einem Grund: „Ich habe als Kind Fußball trainiert, aber mein Sportlehrer im Gymnasium hat mit uns oft Volleyball gespielt und viele zu einem Verein weitergeschickt.“

Team oder allein?

Doch Eltern wollen das sportliche Hobby ihres Kindes nicht vom Zufall abhängig machen. Buben landen fast automatisch beim Fußball, Mädchen oft beim Ballett – es ist nicht einfach, die Rollenklischees zu durchbrechen. Schulsport-Events wie „Athletics light“ oder „Hot in the City“ mit Tausenden Kindern sollen ihnen neue Ideen eröffnen und Gelegenheit zum Schnuppern bieten. Denn die Bandbreite ist vielfältig: Team- oder Einzelsport? Ausdauer oder Intensivbewegung? Ball oder Geräte? Indoor oder im Freien? Wettkampf oder Spaß? Leistung oder Hobby? Asiatisch oder amerikanisch? Verein oder individuell?

„Welche Sportarten mögen eure Kinder?“, fragte eine Mutter ratlos in die Elternrunde, als ihr Sohn dem Fußball den Rücken kehren wollte. Sie suchte etwas, das ihm Spaß macht und auch logistisch für die Familie machbar ist. Gar kein Sport war keine Option. Letztlich landete er nach einem Schnuppertraining beim Hockey.

Die neue Präsidentin der Sportunion Wien, Dagmar Schmied, betont die Bedeutung der Eltern für die Fitness ihrer Kinder: „Kinder bewegen sich ohnehin so gerne, da muss man nur ein bisschen Anregung geben und etwas Spezifisches für sie finden. Bei unseren 95 Sportarten ist für jeden etwas dabei.“

Der Lehrplan für das Schulfach Turnen sieht vor, dass die Kinder verschiedene Disziplinen erlernen. Doch während die einen Lehrer mit den Kindern am liebsten in den Park Fußballspielen gehen, verlangen andere, dass die Schüler wie Leichtathleten über Stangen springen und Seile hinaufklettern. Beides hilft nicht dabei, ein neues Hobby zu entdecken.

Für ein EU-Projekt wurde analysiert, wie Kinder und Jugendliche besser an den Sport herangeführt werden. In vielen Ländern arbeiten Schulen und Sportvereine enger zusammen, aber es braucht auch andere Kinder als Motivaton, betont Siegfried Robatscher, Präsident des Allgemeinen Sportverbands Österreich (ASVÖ): „Großbritannien setzt daher auf junge „Ambassadors“ – Botschafter – , also Jugendliche, die andere mobilisieren sollen.“

Auch in Österreich nützt man Kinder als Motivatoren: „Beim Pilotprojekt ’Mini-Coaches’ werden Volksschüler dazu ausgebildet, die gesamte Klasse körperlich aktiver zu machen. Sie lernen, Spiele zu organisieren, wie man Teams zusammenstellt, Spielregeln erklärt und darauf achtet, dass sie eingehalten werden.“

Lerneffekt

„Fair play“ ist dabei ein wichtiges Thema, schließlich zählt das zu den wichtigsten Lerneffekten im Sport. Wie bekommt man Aggressionen in den Griff? Wie löst man Konflikte? Wie geht man mit Niederlagen um?Im Sport dreht es sich nicht nur um den Spaß, in den Vereinen werden Leistung und Disziplin gefordert. Das ist für viele Kinder eine Gratwanderung, denn wer einen Sport gerne aber mit wenig Talent ausübt, kommt manchmal zu kurz. Eine harte Lektion für Kinder und Eltern.

Aber auch im Alltag tun sich Buben ohne Fußball-Talent manchmal schwer, bedauert eine Mutter. Der Volkssport hat auch eine große soziale Bedeutung: „Mein Sohn steht oft nur daneben, wenn die Buben in der Schule Fußball spielen. Nur weil er halt lieber Schwimmen mag.“

Coole Sportarten:

Parkour: Wilde Kids springen über Mauern und Bänke

Den ersten Eindruck von Parkour bekommt man aus Werbespots und Musikvideos, im Alltag erlebt man die Ausnahmesportler selten. Schließlich wollen sie lieber nicht mit Fußgängern zusammenstoßen, wenn sie über Bänke springen, Mauern hinauf laufen oder sich um Laternenstangen wirbeln. Für diesen Sport braucht man eine Stadt und keinen Turnsaal.
Die Marswiese liegt am Stadtrand von Wien und ist sportlich trotzdem mitten im Geschehen. Das Sportzentrum bietet solche Kurse für Kinder an – mit den geeigneten Geräten und Sicherungen. Ab sieben Jahren können sich sportliche Kinder die Bewegungen von Profis abschauen. Andere Trainer warten eher, bis die Kinder 12 oder 14 Jahre sind. Dann haben sie die notwendige Körperbeherrschung für das richtig coole Parkour und Free-Running. Wer glaubt, dass nur Jungs genug Mut haben, irrt sich: Im zweiten Bezirk gibt es im Winter sogar eine eigene „Frauenhalle“ mit Parcours aus Trainingsgeräten.
Auch große Breitensport-Organisationen wie die Sportunion sind auf den Trend aufgesprungen: Sie bieten nicht nur die Klassiker an, sondern auch Kurse wie Parkour, den brasilianische Tanz-Kampfsport Capoeira oder Breakdance und Zirkusakrobatik. Da sind die Grenzen zwischen Sport und Abenteuer fließend: Mit klassischem Fußballtraining hat das jedenfalls wenig zu tun.

Volleyball: Direkt am  Netz in der Halle und am Beach

Im Sommer sorgte die Beachvolley-Meisterschaft auf der Wiener Donauinsel für Stimmung. In dieser Disziplin spielt Österreich an der Weltspitze mit. Beim Nachwuchs ist es noch nicht sehr verbreitet, auch wenn viele Strandbäder einen Beach-Platz eingerichtet haben – übrigens eine etwas andere Sportart als Volleyball. Der Verband bemüht sich schon in Volksschulprojekten, die Kinder zu begeistern. Bei den Schul- und den Nachwuchsmeisterschaften zeigt sich,  wo es gewirkt hat.

Bouldern: Zum Spaß die Wände hochgehen

Klettern in einer neuen Dimension: Felswände hinaufkraxeln auf modern und stadttauglich. In Kletterhallen wie  von „Sport & Fun“ in Wien 21 geht es hoch: erst alleine im Kinderparcours und dann im Kurs mit Seil gesichert in die Höhe. Mehr Körperbeherrschung ist kaum bei einem anderen Sport gefragt. Jeder Handgriff muss durchdacht werden und wer regelmäßig trainiert, bekommt bemerkenswerte Muskeln.Wenn es oben anstrengend wird, ist auch Willensstärke gefordert.

Gymnastik: Beste Noten für perfekte Haltung

Die Mädchen bei den Young Talents Vienna haben Disziplin und Durchhaltevermögen: Sie können ihr gestrecktes Bein bis zur Nasenspitze hochziehen, machen elegante Spagat-Sprünge oder tanzen Choreographien mit Reifen. Stolz erzählt Organisatorin Olga von den Erfolgen  bei Meisterschaften. Wer es etwas lockerer angehen möchte als bei ihr, findet Sportakrobatik, Gymnastik und Bodenturnen auch bei den großen Sportvereinen und in vielen Tanzschulen.

Hockey: Mit Ball und Schläger über das Feld flitzen

Während Hockey in Deutschland und den Niederlanden als Volkssport gilt, listet der Hockeyverband in Österreich gerade einmal 21 Vereine wie den HTC im Wiener Prater auf. Oft kommen dort neue Kinder zum Schnuppertraining am Samstag.  Der Sport liegt  Buben  und Mädchen und kann ohne viel Aufwand  gespielt werden – im Sommer auf dem Rasenplatz und im Winter in  Schulturnsälen. Mit den „Hockey-Kids“-Büchern (von Sabine Hahn) gibt es jetzt sogar literarische Werbung.

Football: Im vollen Körperkontakt

Die Teams im American Football haben klingende Namen wie Swarco Raiders Innsbruck, Steelsharks Traun oder Dacia Vikings Vienna – und ihre Spieler gehen auf volle Konfrontation. „Unser Sport sieht sehr martialisch aus, aber wir haben bei den Matches eine total nette Atmosphäre. Ganz anders als beim echten Fußball“, schwärmt Vikings-Sprecherin Kiki Klepsch.
Im Gegensatz zum normalen Fußball – von den Amerikanern zur besseren Abgrenzung „Soccer“ genannt – brauchen die Spieler neben dem ovalen Ball eine üppige Ausrüstung, um sich vor Verletzungen zu schützen. Bekannt ist der Sport ja für die überbreiten Schultern seiner Spieler und die Helme mit  Gesichtsschutz. Nur beim Eishockey ist das Anziehen noch komplizierter.
Football-Mannschaften für junge Mädchen scheint es in Österreich nicht zu geben (nur für Frauen), doch für das Feeling wie in den USA gehören bei den Vikings die Cheerleader dazu, wie  man sie aus den Teenie-Filmen kennt. Deren Training ist ebenfalls hart und diszipliniert, wenn auch weniger wild.
Bei den Europameisterschaften zählten die Österreicher zuletzt sogar zu den Favoriten: Mit dem Spruch „Wir treten nicht an, um der nette Mitläufer zu sein“, sorgte ihr Coach Shuan Fatah für eine starke Ansage. Der Höhepunkt der Spiele in Österreich ist der jährliche „Austrian Bowl“ – angelehnt an den US-Superbowl, bei dem in der Pause Superstars wie Madonna und Rihanna auftreten.