Zuckerfallen in Lebensmittel und Fertigproduk­ten

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Zucker lauert nicht nur in Mehlspeisen und Schokolade. Warum Fruchtsäfte oder Energiedrinks wahre Kalorienbomben sind – und welche Lebensmittel Sie vermehrt essen sollten.

Neben Bewegung ist Ernährung ein wichtiger Faktor für Wohlbefinden und Gesundheit. Da das Verbrennen von Kalorien bekanntlich schwerer fällt als ihre Zufuhr, sollten nicht nur Diabetes-Patienten darüber nachdenken, was auf ihrem Teller landet. Gut und gesund ist dabei kein Widerspruch, sondern geht Hand in Hand, erklärt  Ernährungswissenschaftlerin Theres Rathmanner.

Sie bezeichnen sich als „Ernährungsgewissenschaftlerin“. Was hat es damit auf sich?

Theres Rathmanner: Ich habe mich sehr intensiv mit den gesundheitlichen Aspekten von Ernährung beschäftigt und bin zu dem Schluss gekommen, dass das allein nicht ausreicht. Essen ist zu schön und zu genussvoll, als dass man es alleinig unter diesem Gesichtspunkt betrachten sollte. Mich interessiert auch die Dimension der Nachhaltigkeit: Wo kommt das Essen her? Unter welchen Bedingungen wird es produziert? Was muss oder darf ein Lebensmittel kosten? Wenn man sich mit der Qualität und Herstellung von Lebensmitteln beschäftigt, dann findet auch eine Bewusstseinsbildung statt und die führt wiederum zu einer gesünderen Ernährung.

Gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen normaler, ausgewogener Ernährung und einer Diabetiker-Diät?

De facto gar keinen. Die Ernährungsempfehlungen für gesunde Menschen unterscheiden sich nicht von denen für Diabetiker – vorbehaltlich dessen, dass es eben individuelle Unterschiede gibt und sich Diabetiker immer mit ihrem Arzt koordinieren sollten.

Müssen Diabetiker nicht besonders vorsichtig bei Zucker sein?

Es ist nicht so, dass Diabetiker gar keinen Zucker essen dürfen. Zucker ist in Maßen erlaubt, es gilt aber wiederum, dass es individuelle Abweichungen gibt. Sehr stark zuckerreiche Lebensmittel sollten von Diabetikern nur in kleinen Mengen oder gar nicht gegessen oder vielmehr getrunken werden.

… Foto: Kurier-Grafik/Manuela Eber … Foto: Kurier-Grafik/Manuela Eber

Sind Getränke wesentliche Zuckerquellen?

Limonaden, Fruchtnektare und auch Säfte, die zu 100 Prozent aus Frucht bestehen, enthalten viel Zucker. Fruktose lässt den Blutzucker zwar weniger rasch und weniger stark ansteigen, Fruchtsäfte enthalten aber auch Saccharose und Glukose. Für jemanden, der bereits Probleme mit dem Blutzucker hat, sind sie daher weniger gut geeignet. Süße Getränke haben auch jede Menge Kalorien. Man führt dann Kalorien zu, die einem dann für das Essen fehlen und nimmt zu viele Kalorien auf. Diabetiker haben ohnehin oft mit Übergewicht zu kämpfen, häufig ist das Übergewicht ja auch die Ursache für Diabetes.

Wie können sich Diabetiker genussvoll ernähren?

Davon ausgehend, dass gesunde Ernährung für Diabetiker und gesunde Menschen den gleichen Empfehlungen folgt,  muss man einfach mit dem Vorurteil aufräumen, dass gesund das Gegenteil von gut oder wohlschmeckend ist –  das ist der erste Punkt. Qualitätsbewusstsein der zweite: Wenn man sich mit der Qualität und der Herkunft von Lebensmitteln beschäftigt, dann wird auch die Ernährung automatisch gesünder, weil man dann gewisse Sachen nicht mehr essen will. Dass das dann hin und wieder mehr kostet, liegt in der Natur der Sache, aber wenn Gesundheit eines der höchsten Güter im Leben ist, dann darf man auch darin investieren. Damit ich mit den Lebensmitteln auch etwas anfangen kann, brauche ich Zubereitungskenntnisse – das ist der dritte Punkt.

Welche Kenntnisse sind besonders wichtig?

Wenn ich Diabetiker bin und weiß, dass ich vermehrt Gemüse essen sollte, aber nie etwas anderes gelernt habe, als es so lange zu kochen, bis es nach nichts mehr schmeckt, dann leide ich natürlich darunter und kann es nicht als genussvoll empfinden. Wenn ich aber weiß, wie ich tolle Gemüsegerichte zubereiten kann, dann öffnen sich mir die Tore zum Genuss.

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Was wäre ein Beispiel?

Ein klassisches Beispiel ist die Paradeiser-Sauce. Das kann so grauenhaft schmecken. Wenn man sich aber mal ein italienisches Kochbuch schnappt, gutes Olivenöl verwendet, das auch noch richtig mit etwas Zucker und einem Spritzer Essig abschmeckt, dann kann das wirklich köstlich werden, ist aber trotz allem noch schnell gemacht und alles andere als fad und langweilig.

Was halten Sie von dem neuen Trend „Superfood“?

Ich bin da sehr zurückhaltend. Das ist ein Hype, den ich nicht ganz nachvollziehen kann. Da werden einzelne Nahrungsmittel aus der Ernährung herausgepickt und als Wundermittel angepriesen. So funktioniert Ernährung aber nicht. Weder ernährt man sich  von einem Superfood allein, noch ist es nicht möglich einem Superfood spezifische Heilwirkungen zuzuschreiben. So etwas ließe sich  theoretisch erforschen, aber diese Studien sind aber de facto unbezahlbar.

Lesen Sie mehr unter: www.ernaehrungsgewissen.at

- Werner Sturmberger

Frage

Macht uns Zucker dumm?

Würde man alle Lebensmittel, die Zucker enthalten, aus den Supermärkten entfernen, würden nur noch 20 Prozent übrig bleiben. In dem neuen Dokumentarfilm „That Sugar – Voll verzuckert“ zeigt der Australier Damon Gameau in einem Selbstexperiment die Auswirkungen von übermäßigem Zuckerkonsum. Nachdem er drei Jahre lang auf zugesetzten Zucker verzichtet hat, ernährt er sich 60 Tage lang wie der australische Durchschnitt – 40 Teelöffel Zucker (140 Gramm) pro Tag. Dabei konzentriert er sich nur auf Lebensmittel, die als „gesund“ gelten, aber in Wahrheit versteckte Zuckerfallen sind. Die Folgen: Gameau nimmt 8,5 Kilo zu, sein Bauchumfang vergrößert sich um zehn Zentimeter und seine Blutwerte verschlechtern sich drastisch. Auch fühlt er sich schlapp und hat mit Konzentrationsschwächen zu kämpfen.

Schenkt man kritischen Studien Glauben, dann ist zu viel Zucker nicht nur schlecht für die Zähne und führt zu Übergewicht – das wiederum Diabetes Typ-2 auslösen kann –, sondern ist auch schlecht fürs Gehirn. Die australische Forscherin Margaret Morris ließ Ratten nur Süßes essen und stellte sie dann vor einfachen Aufgaben. Die Tiere sollten ihr Erinnerungsvermögen unter Beweis stellen. Das ist normalerweise kein Problem. Doch nach der Völlerei gelang ihnen wenig. Morris fand zudem Entzündungen in dem Hirnareal, das beim räumlichen Erinnern eine zentrale Rolle spielt. Forscher der Berliner Charité baten gesunde Senioren sich 15 Wörter eine halbe Stunde lang im Gedächtnis zu behalten. Teilnehmer mit viel Zucker im Blut erinnerten sich an durchschnittlich zwei Wörter weniger als jene mit wenig Zucker, ihr Hippocampus (zuständig für Gedächtnis und Lernen) war kleiner, als der bei Probanden mit niedrigerem Blutzuckerspiegel.

Nicht alle Experten verteufeln Zucker so sehr, wie es im Film der Fall ist. Doch worüber sich alle einig sind: Es braucht einen bewussten Umgang mit Zucker.

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(kurier) Erstellt am