Wellness
11.09.2017

Almwellness: Warum man hoch oben besser entspannt

In höheren Lagen können Körper und Geist gut regenerieren. Das ist mehr als ein Gefühl, belegen Wissenschaftler.

Unberührte Natur, gute Luft und grüne Hänge – in den Bergen kommen die Menschen schon seit langer Zeit zur Ruhe. Dass in der Höhe körperliche und mentale Regeneration einsetzen, ist längst wissenschaftlich belegt. Hoteliers machen aus der Not ihrer abgelegenen Lage eine Tugend und bieten Urlaubern "Alm-Wellness" unterschiedlichster Art – vom Retro-Trend in der naturbelassenen Hütte bis zum Designerhotel auf 3000 Metern Höhe, das alle Stückerln spielt.

Oft ist es das Althergebrachte, das die Menschen anzieht und in ein komfortables Wellness-Ambiente gepackt wird. In Südtirol hat etwa das Heubad eine lange Tradition in der Volksmedizin. Bauern, die nach der Heumahd im Heu schliefen, stellten fest, dass sie am Morgen danach erholter waren. Auch Gliederschmerzen konnten so kuriert werden. Verantwortlich dafür sollen die im kräuterreichen Heu enthaltenen ätherischen Öle sein, die sich im feucht-warmen Heubad entfalten. Schon um die Jahrhundertwende entstand rund um den Ort Völs so etwas wie ein Vorläufer des heutigen Gesundheitstourismus.

Wirkung auf den Körper

Doch woher kommt die Sehnsucht nach dem Berg, was macht die höheren Lagen abseits von regionalen Angeboten so attraktiv für Erholungssuchende? "Die positiven Effekte eines Aufenthalts in Höhenlagen muss man im Gesamten sehen", sagt Univ.-Prof. Wolfgang Schobersberger, Leiter des Instituts für Sport-, Alpinmedizin und Gesundheitstourismus mit Standorten an den Landeskliniken Tirol und der Privatuniversität UMIT in Hall in Tirol. "Es spielen viele Faktoren zusammen: Neben der Natur und der gesunden Luft wirkt auch das Licht anders. Und man darf nicht vergessen, dass man meistens privat unterwegs ist – das beeinflusst die Psyche." Was allerdings anders als im Tal ist: Die Sauerstoffkonzentration ist geringer. "Dieser Mangel zwingt den Körper, sich anzupassen. Viele Studien zeigen, dass das Herz-Kreislauf-System in Höhenlagen stimuliert wird, und auch die Qualität der roten Blutkörperchen verbessert sich."

Bis man in einen ausgeglichenen Zustand kommt, dauert es einige Tage. "In 1500 bis 2000 Metern Höhe, wo sich die meisten Hotels im alpinen Raum befinden, adaptiert sich der Körper in drei bis vier Tagen." In geringerer Höhe, wo die meisten Almen angesiedelt sind, zeigen sich diese höhenspezifischen Effekte nicht. "Aber wir wissen, dass Urlaub mit Bewegung und Erholung auch auf niedrigerem Niveau positive Effekte liefert." Die könne man gut für eine kurze, mentale und psychologische Regeneration nutzen. "Wenn es um eine Verbesserung der körperlichen Funktionen gehen soll, muss man aktiv werden und ausreichend Zeit dafür veranschlagen."

Zusatznutzen ist gefragt

Alm-Wellness bedient eine wachsende Zielgruppe, für die der Tourismus Angebote geschaffen hat. "Die Hotels sind heute gefordert, verschiedenste Programme anzubieten. Zu sagen ‚Die Berge sind gesund’ reicht nicht. Die Menschen wollen einen Zusatznutzen. Noch vor 20 Jahren ging es praktisch ausschließlich ums Wandern", sagt Schobersberger. Immer häufiger müssen die Wellness-Angebote auch fundiert sein.

Als Beispiel nennt er die Wasserfall-Therapie in Krimml, deren Wirkung bei Atemwegserkrankungen wie Asthma in den vergangenen Jahren gut wissenschaftlich belegt werden konnte. Durch die große Höhe, in der das Wasser herunterstürzt, entsteht Sprühnebel-Aerosol, das beim Einatmen Ionen in die Lunge transportiert und dort Entzündungen beruhigt. Schobersberger schränkt ein: "Nicht jeder Wasserfall ist ein Heil-Wasserfall. Aber an der Therapie ist etwas dran."

Heilkraft der Alpenkräuter wird seit Langem genutzt

Heilpflanzen zählten jahrhundertelang zu den wichtigsten Heilmitteln in der Volksmedizin – besonders in den Alpenregionen, wo die Menschen abgeschieden lebten. Das überlieferte Heilwissen der umliegenden Natur gegen Krankheiten zu nutzen, lag auf der Hand. Zumal Alpenkräutern, die sich in hohen Lagen behaupten müssen, ein großes Potenzial an wirksamen Inhaltsstoffen zugeschrieben wurde. Auch heute wird die Kräuterkunde in vielen Alpenregionen noch intensiv gepflegt: Im Alpenraum werden mehr als 400 Heilpflanzen verwendet.

Buchtipp: Arnold Achmüller, Die Alpen-Apotheke – Hausmittel zum Selbermachen, Verlag Knaur Mensana, 17,50 €

Vor allem einheimische Arten wurden von den alten Heilkundigen – den sogenannten "Bauerndoktoren" – angewendet, schreibt Pharmazeut Arnold Achmüller in seinem Buch "Die Alpen-Apotheke". Schließlich wachsen die Heilkräuter vor der Tür, ihre Wirkung wurde über Generationen überliefert.

Sie werden seit jeher in verschiedenen Darreichungsformen angewendet. Als einfache, schnell verfügbare Zutaten konnten die Heilpflanzen verarbeitet und damit haltbar gemacht werden. "Die wichtigste und sicherste Anwendung ist sicherlich der Tee", sagt Achmüller. Tinkturen, Sirupe oder Salben blieben nach diesen alten Rezepten oft über Jahrhunderte hinweg unverändert.