Der US-Amerikaner Michael Hampton Klein reiste 50 Jahre durch die Welt.

© Wien Tourismus

Travelling Santa

Die Rolle seines Lebens

Ein Amerikaner war 50 Jahre als Weihnachtsmann unterwegs. In Wien will er bleiben

von Marco Weise

12/13/2013, 06:30 PM

Am Straßenrand steht ein Mann im Weihnachtsmannkostüm und versucht per Anhalter an sein Ziel zu kommen. Es schneit, durch die Schuhe dringt Nässe, der Atem gefriert im Bart. An diesem Weihnachtstag nimmt ihn niemand mit. Erst nach fünf Stunden bleibt ein Autofahrer stehen und erlöst den Travelling Santa.

Jahre danach sitzt er in seiner warmen Einzimmerwohnung in Wien-Rudolfsheim und erinnert sich an damals: „Ich wollte nach Prag und hatte kaum warme Kleidung zum Anziehen. Es war kalt und sehr deprimierend.“

Der Travelling Santa heißt eigentlich Michael Hampton Klein und wurde 1940 in Halethorpe, Maryland/USA geboren. Als eines von 14 Kindern wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf. Das ist die unbekannte Geschichte des Mannes, den mittlerweile viele Wiener und Wien-Besucher als Postkarten-verkaufendes Unikum kennen. Sein Credo: „Geben, teilen und Menschen helfen“.

50 Jahre ist er schon unterwegs – seit etwa 15 als rot gekleideter Santa. In 81 Ländern legte er etwa 1,6 Millionen Kilometer zurück, größtenteils zu Fuß. Nun will er sich in Wien zur Ruhe setzen – und sterben. „Ich bin auf meinen Reisen immer wieder gerne nach Wien gekommen. Ich mag die Stadt, ihre Geschichte, Architektur, Kultur und die Menschen.“

Chaotische Wohnung

In der Wohnung von Michael Hampton Klein lässt sich das Weiß der Wände nur mehr erahnen. Aus dem Tal der Unordnung ragen Berge von Socken, Unterhosen und Mützen empor – alles in Rot. Skulpturen aus fernen Ländern stehen auf dem Tisch, daneben Fotos: Santa am Strand vor der untergehenden Sonne, Santa im Schneegestöber – und mit Fremden, die ihm um den Hals fallen.

Der 73-Jährige klappt seinen Laptop zu, hievt sich mit zittrigen Armen aus seinem Rollstuhl und lässt sich aufs Klappbett fallen. Für kurze Zeit sitzt er regungslos da und atmet. Er ist müde von den Medikamenten. Aber sein Geist ist wach. Er erinnert sich an eine skurrile Begegnung, eine Autofahrt mit einem Australier, der sich nicht alleine umbringen wollte.

Den ersten Ausflug machte er mit 13. Anfangs waren es nur Kurztrips. 1969 beschloss er, endgültig alles hinter sich zu lassen und in die weite Welt zu ziehen. Der Auslöser dafür war der unerwartete Tod seines Bruders, der ihm stets ein Vorbild war. „Er wollte immer nach Afrika, es war sein Wunsch, den er sich nie erfüllen konnte.“ Michael Hampton Klein wollte seinen Traum leben. Er kündigte seinen Job und machte sich auf die Reise. „Ich wollte einfach nur weg, frei sein, mehr über mich selber und das Leben lernen.“

Er hatte kein Ziel, aber ein Anliegen: „Ich wollte armen Menschen helfen.“ Die Rolle des Travelling Santa hat sich erst später entwickelt – mit dem Alter. „Der Bart wurde länger und die Ähnlichkeit mit dem Weihnachtsmann stärker.“

Sein Leben finanzierte er mit kleinen Jobs für kleines Geld. Er schürfte Gold, hat aber nie einen Nugget gefunden. Er hütete Schafe, grub nach antiken Vasen und war Sprengmeister in einer Mine in Tansania. Sicherer, aber kräfteraubender war das Verlegen von Eisenbahn-Schienen im Outback Australiens. „Es hatte 50 Grad, der Sand fraß sich in die Poren, und man war mit Kampftrinkern in der Einöde gefangen.“

Schwerer Unfall

2006 stürzte er in Neuseeland bei der Apfelernte vom Baum. Er musste sein Leben umstellen: „Ich konnte nicht mehr arbeiten.“ Mittlerweile wollen auch das Herz, die Prostata und die Füße nicht mehr so, wie er will. Seine Einkäufe und Spaziergänge erledigt er mit seinem Elektrorollstuhl – ebenfalls in Rot. Immer an Bord: seine Postkarten, die er den Leuten auf der Straße und im Café anbietet– Santa auf Hawaii mit einem Surfbrett unter dem Arm, Santa im Vatikan oder vor dem Wiener MuseumsQuartier. Zwei Euro kostet das Stück. Es reicht für das Nötigste.

Zum Sterben bleibt Klein keine Zeit. Seine Lebensgeschichte muss fertig geschrieben werden. 400 Seiten füllt sie bereits. Daneben berät er per eMail Weltreisende und ist für die Wiener Tourismus-Organisation als Werbebotschafter unterwegs.

Auch Reisen würde er gerne noch einmal. Ostwärts. In die Ukraine, nach Georgien, Afghanistan, Pakistan, Russland und in die Mongolei.

Hinweis: Die Geschichten von Travelling Santa finden sich im heurigen Adventkalender von Wien Tourismus. Auf www.santain.wien.info erzählt er an verschiedenen Orten in Wien von seinen Reisen rund um die Welt.

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