Weihnachten
25.11.2017

Oh Tannenbaum, Oh Tannenbaum

In einem Monat steht er wieder geschmückt und funkelnd in Österreichs Wohnzimmern: der Christbaum. Aktuell warten gut 2,5 Millionen Exemplare auf ihren großen Auftritt.

„Strahlend, wie ein schöner Traum, steht vor uns der Weihnachtsbaum. Seht nur, wie sich goldenes Licht auf der zarten Kugeln bricht“, sagt der Volksmund. Alles schön und gut. Aber bis die Pracht eines geschmückten Weihnachtsbaums den 24. Dezember auch zum Festtag macht, sagt der Profi, dauert es. Lange. Sehr lange.

„Es gibt ja Leute, die glauben, im Frühjahr wird der Baum eingesetzt und im Winter geschlagen“, greift sich Franz Raith vom Christbaumhof an die Stirn. Ein Job, zwei Handgriffe, keine große Angelegenheit, so der Irrglaube. Falsch, ganz falsch, kontert der Christbaum-Bauer. Bis eine Tanne das Weihnachtsfest erlebt, vergehen mehr als zehn Jahre. Und zwar Jahre, die nicht einfach so nach dem Motto „Es richtet eh alles die Natur“ vorüberziehen. Denn auch zwischendurch ist allerhand zu tun.

Die Fasson fürs Fest
Dort zupfen, da schneiden, hier die Zweige ein wenig in Fasson bringen, ja, in so einer speziellen Baumplantage geht es mitunter zu wie in einem Frisiersalon. Mit einem Wort: Das Geschäft mit dem Weihnachtsbaum ist ein hartes, ein Ganzjahresgeschäft.


Was heißt Geschäft, eine Gemeinschaft ist das, eine Lebensgemeinschaft, zumindest so lange das Leben eines Baumes dauert. Unter Insidern gilt Franz Raith vom Christbaumhofin Sigmundsherberg im nördlichen Waldviertel als „der Mann, der mit den Bäumen spricht“. Und nicht nur das, Herr Raith streichelt seine Bäumchen sogar, und zwar so lange, bis sie zu echten Bäumen heranreifen.

Platz für den Baum
Ist diese Form der Naturliebe nicht ein wenig übertrieben? Franz Raith sieht das pragmatisch. „Auch ein Baum ist ein Lebewesen“, meint er. Und jedes Lebewesen fühle sich eben wohler, wenn es umhegt wird. Anders ausgedrückt: „Jeder erfolgreiche Landwirt muss eine Beziehung zu seinen Pflanzen haben.“ So hat er auch frühzeitig gemerkt, dass ein traditioneller Weihnachtsbaum immer mehr mitmachen muss. „Unsere Wohnungen sind mittlerweile mit so vielen Möbeln angeräumt, dass wenig Platz für einen Baum bleibt“, resümiert Raith.


Wir Menschen haben den Weihnachtsbaum also in die Enge getrieben. Kein Wunder, selten genug verfügen Menschen über einen üppigen Wohnsalon, um über die Weihnachtstage eine 3,5 Meter hohe Nordmanntanne zu beherbergen. Und das möglichst mit symmetrisch gewachsenen Ästen. Statt dessen überwiegt die Nachfrage nach kompakten Bäumen, die nichts dagegen haben, in eine Ecke gerückt zu werden. Das heißt, diese asymmetrischen Weihnachtsbäume werden schon so hingetrimmt, dass sie nicht aus jeder Perspektive ihre Schokoladenseite zeigen müssen.


Ein Trend. Auch der hierzulande seit gut zwei Jahrhunderten gepflogene Brauch mit dem Weihnachtsbaum kann sich wechselnden Geschmäckern nicht ganz verschließen. Der Schmuck – ob aus Stroh oder aus Glas, mit oder ohne Lametta – ist die eine Sache, eine andere betrifft den Baum selbst. Im Waldviertel findet man in älteren Gebäuden am Plafond mancher Stuben sogar noch Haken, an denen – aus Platzmangel? – der Stolz der Festtage verkehrt herum befestigt war. Für viele ein trauriger Anblick.

Der "Spar-Baum" von Rom
Fast so traurig wie der „Spar-Baum“ vor dem Kapitol in Rom. Im Vorjahr brachte er es just aus falscher Bescheidenheit zu internationaler Bekanntheit. „Es wäre besser gewesen, gar keinen Baum zu haben“, schmähte etwa ein Anrainer den nur sparsam mit Lichterketten drapierten Baum auf Facebook. Andere sahen in dem relativ ungeschmückten Baum eine Widerspiegelung der angespannten Finanzlage der italienischen Hauptstadt: „Voller Löcher und bedeckt mit Müll.“


Andererseits gilt das Gegenteil davon, eine üppig überladene Weihnachtsdeko à la Amerika, Traditionsbewussten eher als absolutes No-Go.


Ob sparsam oder XL-mäßig, gut, dass zwischen beiden Varianten Platz für einen dritten Weg ist. Angesagt ist seit einiger Zeit, den Weihnachtsbaum nicht einfach nur so, sondern genau bei Vollmond zu fällen. So soll er seine Nadeln länger behalten, sagt man. Eine Entwicklung, welcher der Hüter des Christbaumhofs nicht viel abgewinnen kann. „Ich war vor fünfzehn Jahren bei einer Weihnachts-Messe in den USA, wo das bereits ein großes Thema war“, so Raith. Selbst wenn das wissenschaftlich belegt werden könnte, hat er so seine Zweifel. Wichtiger als die Wahl der richtigen Mondphase sei, davon ist Franz Raith, zugleich Obmann der niederösterreichischen Christbaumbauern, überzeugt, den Baum nicht in einen trockenen Raum zu sperren, sondern ihn in einen Kübel mit Wasser zu stellen.


Gut, jene, die den Baum erst drei Tage vor dem Fest aufstellen und ihn noch vor Silvester entsorgen, wird das kaum kratzen. Andere aber wollen die Tage mit dem Weihnachtsbaum bewusst verbringen, von Anfang an. Für die ist Frater Philipp vom Stift Kremsmünster in Oberösterreich ein perfekter Ansprechpartner. Der angehende Benediktinermönch macht zugleich die Ausbildung zum Forst-Facharbeiter und hat im Vorjahr fünfzig Interessenten in den Wald begleitet, damit diese dort „ihren“ ganz persönlichen Baum fällen. Was das bringt? Frater Philipp: „Der Baum bleibt so widerstandsfähiger und die Nadeln länger frisch.“

Die Christbaumköniginnen
Ab 11. Dezember kann man sich jedenfalls bei ihm vor Ort auf die Suche nach dem perfekten Weihnachtsbaum begeben. Wie der aussieht? Das weiß Jennifer I., die Christbaumkönigin von Niederösterreich, ganz genau: „Sattgrün mit dichtem, gleichmäßigem Nadelkleid und einem regelmäßigen Wuchs.“


Gerade erst hat sie im Christbaumfeld von Maria Laach genau so einen ausgesucht, um ihn dann Claudia Schmidt samt der VP-Europadelegation für das Parlament in Brüssel zu übergeben. Die Reise legt er per Linienmaschine zurück, daher darf die Weihnachtsgabe Österreichs an die EU nicht mehr als vier Meter messen. „Ein längerer passt nicht ins Flugzeug“, sagt Christbaum-Bauer Franz Raith. Und der kennt sich mit diesem ungewöhnlichen Frachtgut wie kein zweiter aus. Immerhin hat er bereits Dutzende Weihnachtsbäume dorthin begleitet, wo kein Baum wächst: zu einer anderen Königin, zu Rania von Jordanien.