© © 2/Tim Hall/Ocean/Corbis

Interview
12/20/2015

Konsum: Ist weniger das neue Mehr?

Das Verlangen nach Materiellem entwickelt sich im Kleinkindalter. Was uns wirklich glücklich macht, vergessen wir im Laufe des Lebens.

von Sandra Lumetsberger

Wir haben zu viel und wollen doch immer mehr – in der Vorweihnachtszeit steigt das Bedürfnis nach Konsum und materiellen Gütern besonders stark. Der deutsche Sozialpsychologe Jens Förster erklärt in seinem neuen Buch, warum Besitz Sicherheit vermittelt und wir zu selten über unsere Vorstellung von Glücklichsein nachdenken.

KURIER: Herr Förster, in vier Tagen ist Weihnachten. Uns wird seit Monaten oktroyiert, zu kaufen und andere zu beschenken. Macht Haben wirklich glücklich?

Jens Förster: Haben kann glücklich machen – unter bestimmten Umständen. Es ist ein kurzfristiges Glück. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Seinszustände, also in die Natur gehen, ein schönes Abendessen genießen oder, wenn wir etwa religiös sind und in die Kirche gehen, nachhaltiger, preisgünstiger sind und uns längerfristig Glück versprechen. Ich will nicht missionarisch auftreten. Ich kann einer vierköpfigen Familie nicht vorschreiben, kein großes Haus oder ein Auto zu besitzen – das ist nicht meine Aufgabe. Wir Psychologen sind Türöffner für diese vielen Seinszustände, die die Menschen vergessen haben.

Viele Menschen fragen sich gar nicht mehr, was Glück bedeutet.

Wir haben vergessen, dass es andere Möglichkeiten gibt, ein zufriedenes und glückliches Leben zu führen. Die Art, wie wir unsere Stimmung regulieren, funktioniert so, dass wir uns einen Coffee-to-go leisten oder in ein Kaufhaus gehen und was Kleines kaufen. Das ist möglich, weil wir wohlhabend sind. Und gerne vergessen wir, dass wir dabei der Umwelt nichts Gutes tun. Auch nicht den Arbeitern, die diese Ware billig produzieren, oder den Tieren, die dafür gelitten haben. Wenn wir daran denken würden, würden wir wenigstens zögern. Aber das tun wir ja gar nicht.

Weil wir zu egoistisch sind oder verdrängen?

Noch nie war so viel über Produktionsbedingungen bekannt wie heute. Die Menschen kaufen trotzdem überdurchschnittlich viel bei Ketten ein. Das funktioniert über Verdrängung. Meist hat man eine Ausrede parat, dass man so gestresst war oder der Pullover, den man immer haben wollte, im Internet reduziert war.

Woher kommt überhaupt das Bedürfnis, etwas haben zu wollen?

In der Entwicklungspsychologie sagt man, dass Kinder erst mit Objekten spielen müssen, um den Unterschied zwischen sich selbst und Dingen zu erkennen. Sie rollen den Ball weg und merken, dass er etwas anderes ist. Es fängt früh an, dass Kinder gerne besitzen wollen und um Sachen kämpfen. Sie lernen schnell, wie sie belohnt werden, wie ihnen Zuneigung zugeteilt wird. Wenn Eltern ein schlechtes Gewissen haben, weil sie zu wenig Zeit haben, kaufen sie den Kindern etwas oder setzten sie vor ein iPad. Das ist ein Automatismus, der immer wieder einsetzt. Mit Kindern Zeit zu verbringen, in den Wald zu gehen oder ein Märchen zu erzählen ist nachhaltiger als jedes Computerspiel. Studien zeigen, dass die Anzahl der Seiten, die einem Kind vorgelesen werden, sich auf die Intelligenz auswirken. Das Verhältnis zum Besitz ändert sich im Laufe des Lebens immer wieder: Kleinkinder verlieren schnell das Interesse, spielen lieber draußen. In der Pubertät wollen sie wieder viel haben, da spielen Kleidung und Elektronik eine große Rolle.

Viele Eltern unterstützen das, denn wer kein Handy hat, wird schnell gemobbt.

Das zeigt die Kraft der Gesellschaft, die uns bestimmte Zwänge auferlegt. Sich dem zu entziehen ist sehr schwierig. Gerade bei pubertierenden Kindern. Da kann man vielleicht etwas erreichen, wenn man sich mit anderen Eltern zusammentut oder die Schule andere Werte definiert.

Warum definieren wir uns so sehr über Güter?

Es ist ein Unterschied, ob man etwas hat, um sich selbst zu verwirklichen. Ein Violinist braucht eine gute Violine. Aber wenn man in einen Automatismus kommt, dass man haben will, um noch mehr zu haben, besteht die Gefahr, dass das unbefriedigend wird. Nach oben gibt es kein Limit. Man denkt,der eine hat das Auto, jetzt muss ich das auch haben. Konsum, bei dem man sich mit anderen vergleicht, macht unglücklich.

Unglücklich werden auch viele, wenn sie an Weihnachten denken.

Die Vorweihnachtszeit verursacht den größten Stress. Geschenke kaufen, bei schlechtem Wetter durch die Gegend fahren, ist ein Nährboden für schlechte Laune und Familienkonflikte. Es gibt sicher Beziehungen, die leben davon, dass tolle Geschenke gemacht werden. Aber man könnte das auch alles überdenken: einfach ein schönes Essen genießen, sich nichts schenken und spenden.

So denken auch Minimalisten. Weniger ist das neue Mehr. Fällt es diesen Menschen leichter zu verzichten, weil sie genug haben?

Es ist toll, wenn jemand mit wenig auskommt. Ich glaube, das ist ähnlich wie bei Veganern. Sie empfinden Minimalismus sicher nicht als Verzicht. Die sind über den Schritt hinaus, darum fällt es ihnen leicht. Für sie ist das ein schöneres, erfüllteres Leben. Ich merke bei meinen Studenten eine Besinnung und Verantwortung für die Umwelt und dass sie politisch aktiver werden. Der Luxus der jüngeren Generation ist, dass sie fast keine materialistischen Probleme hat. Ich gehöre in die Welle des Nachkriegsdeutschland, wo es geheißen hat, man müsse horten, falls wieder schlechte Zeiten kommen. Wir sind von Leuten aufgezogen worden, die ein starkes Sicherheitsbedürfnis hatten. Uns wurde nicht gesagt, dass wir nichts sind, wenn wir kein anständiges Auto haben oder immer im selben Pullover herumlaufen. Das ist eine soziale Norm, die bei uns gewachsen ist und die uns manchmal nicht bewusst ist.

Selbstverwirklichung zählt für die jüngere Generation mehr als das Haben.

Sie haben die Erwachsenen beobachtet, von denen viele in ein Burn-out gelaufen sind. Ich glaube, jetzt versucht die Generation auf der einen Seite, den Planeten zu retten – auf der anderen Seite, für sich auch noch das Beste herauszuholen. Sie wollen mehr vom Leben. Zum Beispiel weniger arbeiten, mehr Freizeit haben. Das war früher noch kein Thema.

Dennoch trifft diese Einstellung auf einen kleinen Kreis Menschen zu. Jene, die wenig haben, wollen mehr.

Wenn man die Grundbedürfnisse nicht hat, hat man ein Bestreben nach Sicherheit – das erreicht man erst mal auch durch Güter. Verständlich, dass Flüchtlinge, die nur mit einer Plastiktüte zu uns kommen, erst einmal eine anständige Wohnung haben wollen und den Fokus drauf richten, materielle Sicherheit zu bekommen.

Wenn man nicht minimalistisch leben will, wie soll man sich in dieser konsumorientierten Gesellschaft zurechtfinden?

Wenn man sich den Alltag genau ansieht und erkennt, wie gut es einem geht. Meistens macht man sich über die Zukunft Sorgen oder setzt sich mit der Vergangenheit auseinander. Bleibe ich aber in der Gegenwart, schaue aus dem Fenster und sehe einen schönen Sonnenuntergang, geht es mir meistens gut. Diese Einstellung ist ein bisschen verlorengegangen.

Hintergrund:

Der Autor
Jens Förster, von 2007 bis 2014 Professor für Psychologie in Amsterdam und Direktor des Kurt-Lewin-Instituts. Seit 2014 unterrichtet er an der Universität Bochum. In einem Selbstexperiment hat er sich von vielen Gegenständen getrennt.

Das Buch
„Was das HABEN mit dem SEIN macht“, Pattloch Verlag,19,99 Euro

Minimalismus ist in einer Familie nicht so einfach umzusetzen

Wie mit wenig auskommen – diese Frage stellt sich die Bloggerin und Mutter Birgit Ottendorfer aus Wien seit zwei Jahren. Auf ihrem Blog suchtdasglueck.at schreibt sie über achtsames Elternsein. "Wir leben zu viert in einer Wohnung, irgendwann hatte ich das Gefühl, dass das ganze Zeug unser Leben chaotisiert. Es ist absurd: Wir schaffen zu viele Dinge an und können uns nicht einmal um alles kümmern, dabei könnten wir die Zeit viel besser nützen."

Dass es oft schwer ist, den minimalistischen Gedanken umzusetzen, merkt sie bei den eigenen Gewohnheiten, aber vor allem bei Geburtstagen und zu Weihnachten. Auf Versuche, den eigenen Verwandten zu erklären, sie sollen den Kindern weniger schenken, folgte Unverständnis: "Ich wollte sie anfangs belehren. Und sie meinten wiederum, dass ich den Kindern nichts gönne. Das ist ein Generationen-Thema."

Die Bloggerin sieht es als Ziel ihrer Generation, das Thema Konsum aufzubrechen und neu zu überdenken. Dabei fängt sie bei ihren Kindern (2 und 5 Jahre) an: "Ich versuche, ihnen den Wert von Dingen zu vermitteln, etwa wenn wir gemeinsam aufräumen, aussortieren und Dinge spenden." Das fiel den Kindern anfangs auch nicht leicht. Der Ältere wollte nicht einmal die Ü-Ei-Plastikfiguren weggeben, erzählt Ottendorfer. Mittlerweile schenkt er seine Spielzeugautos gerne her. Und freut sich über gebrauchtes Spielzeug von anderen: Beim vergangenen Kindergeburtstag bat sie die Mütter der Kinder, kein neues Spielzeug für ihren Sohn zu kaufen. "Das hat für neugierige und positive Reaktionen gesorgt. Und war für mich ein Erfolgserlebnis."

Zu Weihnachten werden sie und ihr Mann einander nichts schenken. Die Wohnung wird für die Festtage vorbereitet. Das heißt: aufräumen und aussortieren. Was ein halbes Jahr nicht benützt wird, kommt weg. Ihre Strategie, dass die Kinder nicht von allen Verwandten etwas bekommen, wird vermutlich nicht aufgehen. Das sieht sie mittlerweile aber lockerer: "Ich will nicht streiten. Es ist ja schon gut, wenn die Kinder nicht zu viel bekommen. Ich versuche derzeit, alles so zu nehmen wie es ist. Minimalismus ist in einer Familie nicht so einfach umzusetzen."

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.