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Vollzeitjob reicht nicht mehr: Junge müssen oft Nebenjobs annehmen

Immer mehr junge Menschen in Österreich arbeiten nicht nur Vollzeit, sondern bauen sich zusätzliche Einnahmequellen auf.
Nebenjobs werden für viele Junge aufgrund steigender Kosten fast unabdingbar.

Miete, Lebensmittel, Öffi-Ticket, Handyrechnung – und am Monatsende bleibt oft kaum etwas übrig. Für viele junge Menschen in Österreich reicht ein klassischer Vollzeitjob längst nicht mehr aus, um finanziell sorgenfrei zu leben. Immer mehr suchen deshalb nach zusätzlichen Einnahmequellen, ein Trend, der unter dem Begriff "Polyworking" bekannt wird.

Was ist Polyworking?

Mit Polyworking gemeint ist, mehrere Jobs oder Einkommensquellen gleichzeitig zu haben. Neben dem Hauptberuf werden etwa Freelance-Aufträge übernommen, Inhalte auf Social Media produziert, Hunde betreut oder Online-Aufträge erledigt. Was früher als Ausnahme galt, wird für viele junge Erwachsene zunehmend Alltag.

Eine internationale Studie des Beratungsunternehmens Deloitte zeigt, dass finanzielle Sorgen bei der Generation Z stark zugenommen haben. Viele junge Erwachsene geben an, von Gehalt zu Gehalt zu leben. Rücklagen für unerwartete Ausgaben oder die Pension seien oft kaum möglich.

Auch in Österreich keine Seltenheit

"Ich arbeite Vollzeit in Wien und mache zusätzlich Social-Media-Management für kleine Firmen", erzählt die 26-jährige Studentin und Berufseinsteigerin Lena aus Wien. "Ohne den Nebenverdienst könnte ich mir meine Wohnung ehrlich gesagt nicht leisten." Ähnlich sieht es der 24-jährige David aus Graz: "Früher dachte ich, ein guter Vollzeitjob reicht. Heute merke ich: Sobald Miete und Fixkosten weg sind, bleibt wenig übrig. Deshalb fotografiere ich zusätzlich bei Veranstaltungen."

Side Hustles statt klassische Karrierewege

Der Trend zeigt auch einen Wandel in der Arbeitswelt. Viele junge Menschen wollen sich nicht mehr ausschließlich an einen Arbeitgeber binden. Flexible Jobs, projektbasierte Arbeit und digitale Nebenverdienste gewinnen an Bedeutung.

Das sind die beliebtesten Nebenjobs bei Jungen

Besonders beliebt sind Tätigkeiten, die sich online oder zeitlich flexibel erledigen lassen:

  • Freelancing im Bereich Grafik, Text oder Social Media
  • Nachhilfeunterricht
  • Babysitting oder Petsitting
  • Fotografieren bei Events
  • Online-Umfragen oder Marktforschung
  • Verkauf über Plattformen wie Willhaben oder Vinted

Trend auch im Netz angekommen

Vor allem TikTok und Instagram tragen dazu bei, dass sogenannte "Side Hustles" beinahe zum Lifestyle geworden sind. Unter Hashtags wie #sidehustle oder #moneytok tauschen junge Nutzer Tipps aus, wie sich nebenbei Geld verdienen lässt. Die 22-jährige Sarah aus Linz verkauft etwa selbstgemachten Schmuck online. "Eigentlich habe ich damit angefangen, weil ich kreativ sein wollte. Mittlerweile hilft mir das Geld aber wirklich im Alltag."

Experten warnen vor zu viel Druck

Experten sehen die Entwicklung jedoch ambivalent. Einerseits bieten zusätzliche Einkommensquellen mehr Unabhängigkeit und Flexibilität. Andererseits entsteht bei vielen jungen Menschen der Druck, ständig produktiv sein zu müssen. Auch Arbeitspsychologen warnen davor, dass mehrere Jobs gleichzeitig langfristig zu Überlastung führen können. Freizeit und Erholung würden oft zu kurz kommen, besonders dann, wenn zusätzliche Arbeit nicht freiwillig, sondern finanziell notwendig sei.

Wunsch nach Sicherheit wächst

Auffällig ist zudem: Viele junge Menschen sorgen sich um ihre langfristige finanzielle Zukunft. Themen wie Pension, Eigentum oder Familiengründung erscheinen für viele zunehmend schwer erreichbar. "Eigentumswohnung? Das wirkt für meine Generation fast unrealistisch", sagt Lena. "Deshalb versuchen viele, mehrere Standbeine aufzubauen."

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