Studie: Neigen Menschen mit Bindungsängsten zur TikTok-Sucht?
Vor allem die Angst vor Ablehnung kann das Risiko, nach TikTok süchtig zu werden, erhöhen. (Symbolbild)
Die Studie, die in dem Fachjournal Frontiers in Psychology veröffentlicht wurde, zeigt, dass mehrere Faktoren mit einer TikTok-Sucht zusammenhängen können. Chinesische Forscherinnen und Forscher haben ausgehend von der Bindungstheorie die Zusammenhänge zwischen Bindungsangst, Aufmerksamkeitsspanne, Gefühlsblindheit (Alexithymie) und der Sucht nach unterhaltsamen Kurzvideos untersucht.
Mehr Bindungsangst, mehr TikTok-Konsum?
Für die Untersuchung wurden insgesamt 342 chinesische Studierende zwischen 18 und 22 Jahren befragt. Die Probanden und Probandinnen füllten Fragebögen aus, die unter anderem Fragen zu ihren Bindungsängsten und ihrer TikTok-Abhängigkeit beinhalteten. Außerdem wurden auch Meditationsanalysen mit den Befragten durchgeführt.
Mit dem Fragebogen wurden vier Variablen gemessen:
- Bindungsangst,
- Aufmerksamkeitsspanne und -kontrolle (die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit bewusst zu fokussieren und umzulenken),
- Gefühlsblindheit (Schwierigkeiten, die eigenen Emotionen zu erkennen und zu beschreiben)
- sowie Neigungen zur Sucht nach Kurzvideos.
Unter anderem wurden Fragen gestellt wie "Ich fühle mich verzweifelt, wenn mich wichtige Menschen nicht verstehen" oder "Es fällt mir oft schwer, meine inneren Gefühle genau zu benennen".
Wie die App die Bindungsangst ausnutzt
Im Fokus der Forschung stand die Bindungsangst der Befragten. Darunter versteht man Menschen, die sich nicht auf eine tiefere Verbindung oder Liebesbeziehung einlassen können. Diese Angst wird vor allem durch die Kindheit beeinflusst, wenn Personen mit emotional unzuverlässigen Bezugspersonen aufwachsen. So wird die Angst verinnerlicht, dass sie nicht geliebt und zurückgelassen werden.
Diese Angst verschwindet auch im Erwachsenenalter nicht. Sie prägt, wie die Betroffenen mit Stress umgehen, ihre Aufmerksamkeit aufrechterhalten und mit unangenehmen Situationen umgehen. Laut dieser Studie bezieht sich das auch auf ihr Scroll-Verhalten im Netz.
- Plattformen wie TikTok sind darauf ausgelegt, die Nutzer und Nutzerinnen über längere Zeiträume zu "binden".
- Algorithmusgesteuerte Clips liefern schnelle Stimulationsschübe, die das Belohnungssystem des Gehirns auf Hochtouren halten. Für Menschen, die ohnehin schon mit Ängsten und einer schlechten Emotionsregulation zu kämpfen haben, kann es besonders schwierig sein, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.
- Frühere Untersuchungen zeigen, dass der übermäßige Konsum von Kurzvideos bei chinesischen Studierenden bei 27 Prozent liegt. 2023 hatte sich die Zahl der Kurzvideokonsumentinnen und -konsumenten in China die Marke von einer Milliarde überschritten.
Die Ergebnisse zeigen also, dass eine höhere Bindungsangst mit einer stärkeren Sucht nach Kurzvideos verbunden war. Dabei wurden zwei Arten beobachtet.
Kurzvideos bieten Ablenkung und Eskapismus
Der Konsum läuft über die Aufmerksamkeitssteuerung: Menschen mit starker Bindungsangst neigen dazu, in einem fast ständigen Zustand sozialer Wachsamkeit zu leben und nach Anzeichen von Ablehnung oder Missbilligung Ausschau zu halten. Diese Wachsamkeit verbraucht mentale Ressourcen, sodass weniger Kapazität bleibt, um bei der Sache zu bleiben oder sich freiwillig vom Scrollen auf TikTok & Co zu lösen.
Die Studie zeigt auch: Jemand mit starker Alexithymie ist nicht emotional abwesend - seine innere Gefühlswelt ist jedoch undurchsichtig und unorganisiert. Wenn Stress auftritt, fällt es ihm schwer, seine Gefühle zu benennen, geschweige denn, sie zu verarbeiten. Kurzvideos bieten eine Art Eskapismus vor dieser inneren Verwirrung und sorgen für eine sofortige Ablenkung von Gefühlen, die sich einer Identifizierung entziehen.
Können wir durch TikTok schwieriger Emotionen verarbeiten?
Das vielleicht bemerkenswerteste Ergebnis ist eine Kette von Zusammenhängen, die alle drei Variablen miteinander verknüpft: Bindungsangst stand im Zusammenhang mit einer schlechteren Aufmerksamkeitskontrolle, die wiederum mit einer stärkeren Alexithymie verbunden war. Das wiederum ging mit einer stärkeren Abhängigkeit von Kurzvideos einher.
- Die Forscher vermuten, dass Konzentrationsschwierigkeiten Menschen dazu veranlassen könnten, sich eher nach äußeren Reizen als nach innerer Reflexion zu sehnen.
- Über einen längeren Zeitraum hinweg kann sich diese Gewohnheit zu einer Unfähigkeit, Emotionen zu verarbeiten, entwickeln. Sobald das emotionale Selbstbewusstsein nachlässt, können Kurzvideos zu einem automatischen Ventil für Gefühle werden, die sonst nirgendwo hin können.
Weitere Untersuchungen ausständig
Die Stichprobe der Befragten stammte ausschließlich von chinesischen Universitäten. Wie gut also die erforschten Muster auf Probanden und Probandinnen aus anderen Ländern zutreffen würden, bleibt offen.
Zudem muss in Bezug auf den emotionalen Schwerpunkt in der Studie beachtet werden, dass der kulturelle Hintergrund der Befragten damit zusammenhängen könnte. Chinesische soziale Normen in Bezug auf emotionale Zurückhaltung könnten die Abhängigkeit von digitalen Medien als emotionales Ventil verstärken, so die Forscher und Forscherinnen. Hier wird jedoch betont, dass Kultur als Kontext und nicht als direkte Ursache der beobachteten Muster betrachtet wird.
Kommentare