Bin ich rechts, weil ich Kabelkopfhörer trage? Laut TikTok schon
Warum Alltagsgegenstände derzeit im Netz politisiert werden: Experten warnen.
Ein Glas Sprudelwasser bestellen und schon ist man politisch als eher "rechts" eingeordnet. Zumindest, wenn man derzeit durch TikTok scrollt. Dort kursiert ein kurioser Trend, der Alltagsleben konsequent in "links" und "rechts" sortiert.
Was ist "links" und was ist "rechts"?
Auf TikTok tauchen täglich neue Clips auf, in denen scheinbar banale Dinge politisch gedeutet werden. Kleidung, Hobbys, Wohnformen.
- "Links" ist in dieser Logik: Jutebeutel, Secondhand-Mode, WG-Leben, Flohmarktbesuche, Techno, Lastenrad, bunte Schals, Nasenpiercings oder ein Pony. Selbst Details wie Kürbiskerne auf dem Essen oder Sticker am Laptop werden Teil des "linken" visuellen Codes.
- "Rechts" wird ebenso plakativ zusammengesetzt: Seitenscheitel, Fitnessstudio, Filterkaffee, Karnevalsverein, North-Face-Jacke, gebügelte Hemden, Samsung-Handy oder klassische Rockmusik. Es entsteht eine Art modisches Raster, das mehr über Ästhetik sagt als über politische Überzeugungen.
Wie kommt es zur Einordnung?
Fragt man die TikTok-Community nach der Logik dahinter, fällt die Antwort oft entwaffnend simpel aus: Es gebe keine. Es sei "einfach der Vibe". Genau hier liegt der Kern des Trends. Politik wird nicht erklärt, sondern gefühlt. Nicht diskutiert, sondern in Ästhetik übersetzt. Ein Outfit, ein Getränk oder ein Musikgeschmack werden zu Zeichen, die andere lesen – unabhängig davon, ob sie tatsächlich etwas bedeuten.
Eine Generation zwischen Sichtbarkeit und Sortierung
Ganz unabhängig ist dieser Trend jedoch nicht von gesellschaftlichen Entwicklungen zu betrachten. In einer jungen Generation, in der politische Haltung zunehmend sichtbar gemacht wird, verschärft sich auch der Wunsch nach klaren Zuordnungen. Studien der European Election Studies 2024 zeigen etwa eine wachsende politische Kluft zwischen jungen Frauen und Männern in Europa: Frauen tendieren häufiger zu progressiven Positionen, während junge Männer stärker konservative oder rechte Parteien unterstützen.
Dating, Alltag und digitale Sortierung
Besonders deutlich zeigt sich das im Dating-Kontext. Viele Junge achten bereits in Profilen auf politische Hinweise. Ein neutral formulierter Eintrag oder gar keine politischen Angaben werden häufig bereits als Signal gelesen und können prompt zu Ausschluss führen.
In viralen Videos wird deutlich, wie schnell Zuschreibungen entstehen: Eine selbst beschriebene politische Haltung reicht oft aus, um Eigenschaften oder Positionen zu unterstellen, ohne dass diese tatsächlich geäußert wurden.
Experten erklären Hintergründe
Expertinnen und Experten aus der Politikwissenschaft weisen seit Jahren darauf hin, dass politische Orientierung in sozialen Medien zunehmend „ästhetisiert“ wird. Die Sozialpsychologie verortet dahinter kognitive Vereinfachung: Menschen reduzieren komplexe Realität auf einfache Kategorien, um schneller urteilen zu können.
Warum das problematisch ist
Das ist grundsätzlich ein normaler Mechanismus. Problematisch wird es laut Forschenden dann, wenn diese Vereinfachung absolut gesetzt wird, also wenn aus "wir spielen mit Kategorien" ein echtes Bewertungssystem wird.
Dann entsteht eine Welt, in der alles eindeutig sein muss:
- Kleidung = Haltung
- Getränk = Weltbild
- Hobby = politische Identität
Das wirkt effizient, blendet aber die tatsächliche Vielfalt menschlicher Lebensrealitäten aus.
Verstärkung durch Social Media-Algorithmen
Kommunikationsforscher verweisen außerdem auf die Rolle von Plattformen wie TikTok selbst. Algorithmen bevorzugen Inhalte, die schnell verständlich, emotional und wiedererkennbar sind. Genau das trifft auf "links vs. rechts"-Listen perfekt zu:
- simpel
- visuell
- konfliktfähig
- kommentierbar
Dadurch werden solche Inhalte häufiger ausgespielt und verstärken sich selbst. Was als ironischer Trend beginnt, wird durch Reichweite stabilisiert und weiterentwickelt.
Polarisierung durch "symbolische Politik"
Ein weiterer Punkt aus der politischen Kommunikationsforschung: Selbst wenn der Trend ironisch gemeint ist, kann er sogenannte symbolische Polarisierung verstärken. Das bedeutet: Menschen lernen, in klaren Gegensätzen zu denken, auch wenn diese Gegensätze konstruiert sind. "Wir" gegen "die" entsteht dann nicht mehr nur über politische Inhalte, sondern über Alltagsästhetik. Das kann langfristig dazu führen, dass Unterschiede überschätzt werden und Gemeinsamkeiten dabei unsichtbarer werden.
Kommentare