"Sickfluencer": Wie Sozialbetrug im Netz aussehen kann

Dreiste Masche: Auf Social Media zeigen sogenannte "Sickfluencer", wie man mit angeblichen Krankheiten an Geld vom Staat kommt.
Frau liegt krank im Bett und nimmt Video auf.

Krank sind die sogenannten Sickfluencer nicht, das Geld nehmen sie trotzdem – und zeigen anderen online obendrein noch, wie das geht. Ein neuer gefährlicher Trend aus Großbritannien wirft Fragen hinsichtlich Sozialbetrug auf. 

Gefährlicher Betrugstrend

Ein Bericht des Thinktanks Policy Exchange zeigt: Auf Plattformen wie TikTok oder YouTube entstehen regelrechte Communitys, die darauf abzielen, "das Gesundheits- und Sozialsystem maximal zu nutzen". Dieser Wortlaut ist in zahlreichen Videos bereits Usus – hört man jedoch genauer hin, ist der bittere Beigeschmack von Sozialbetrug kaum zu ignorieren. Konkret geht es also darum, mit übertriebenen oder erfundenen Krankheitssymptomen Sozialleistungen zu erschleichen. Doch wie genau sieht das aus?

"Sickfluencer": Einfaches Muster, große Wirkung

Die Versprechen der "Sickfluencer" folgen einem einfachen Muster: hoher Ertrag bei geringem Aufwand. Dabei beginnt das Video meist sehr persönlich: Die Person sitzt vor der Kamera, oft im Schlafzimmer oder auf dem Bett, wirkt erschöpft und spricht leise. Häufig sieht man bewusst gesetzte Details wie etwa zerzauste Haare, eine Decke, vielleicht einen Medikamentenblister im Hintergrund. Das soll Authentizität vermitteln. Dann formuliert die Person, meist unter großer Anstrengung, Botschaften wie "Ich hätte nie gedacht, dass ich dafür Geld bekomme…" oder "Niemand sagt dir, dass du dafür bis zu 15.000 Euro kriegen kannst“. Allein damit wird ein Großteil der Zuhörer bereits in den Bann gezogen.

Danach schildert die Person angebliche Symptome. Diese sind oft bewusst schwer überprüfbar wie zum Beispiel:

  • chronische Erschöpfung
  • Angstzustände
  • ADHS oder Depression

Die Beschreibung ist meist überzeichnet ("Ich kann wirklich gar nichts mehr machen" oder "Jeder Tag ist ein Kampf"), aber gleichzeitig so formuliert, dass sich viele Zuschauer darin wiedererkennen könnten.

Sickfluencer zeigen, wie man sich Sozialleistungen erschleichen kann.

Sickfluencer zeigen, wie man sich Sozialleistungen erschleichen kann.

Der eigentliche "Guide"

Nach der emotionalen Einleitung kippt das Video in eine Art Anleitung: Die Person blendet oftmals Screenshots von Anträgen ein, zeigt, welche Felder wichtig sind und erklärt, wie man Antworten formulieren sollte. "Schreibt hier nicht, dass es euch manchmal schlecht geht – sagt, es ist jeden Tag so", sind dabei gängige Anweisungen. Die Schritt-für-Schritt-Anleitungen wirken oft plausibel und leicht umsetzbar. Auch das wird von den Influencern zwischendurch immer wieder betont: "Seht ihr, wie easy das ist". 

Geldsummen als klares Versprechen

Ein zentraler Bestandteil ist jedoch das Versprechen von Geld. Die Creator nennen konkrete Summen, meist im zweistelligen Bereich. "Du kannst bis zu 60.000 kriegen, wenn du das richtig machst" oder "Das sind 15.000 Euro, die dir einfach durch die Lappen gehen", liest man in den Untertiteln immer wieder. Die Beträge wirken dabei wie ein Köder: Ähnlich wie Schneeballsysteme machen sie das Video leicht teilbar und maximieren die Wiedergabedauer. 

Community als Verstärker

In den Kommentaren entsteht dann eine Art Community, in der sich Nutzer gegenseitig Tipps geben oder nach Details fragen. Manche Influencer bieten sogar private Beratung oder kostenpflichtige "Guides" an. Wie auch altbekannte Schneeballsysteme sind auch diese Modelle nicht vollends neu.

Vom Health-Content zum Geschäftsmodell

Medienforscher sehen darin nämlich eine Weiterentwicklung eines bekannten Trends: Inhalte rund um Krankheiten funktionieren besonders gut auf Social Media. Sie sind emotional, erzeugen Aufmerksamkeit und damit Reichweite. Was ursprünglich als authentischer Einblick in den Umgang mit Erkrankungen begann, hat sich teilweise zu einem lukrativen Geschäftsmodell entwickelt. Dabei wird laut Experten nicht immer genau genommen, ob die geschilderten Beschwerden tatsächlich existieren.

KI als neuer Brandbeschleuniger

Besonders heikel: Immer öfter sollen auch KI-Tools wie ChatGPT genutzt werden, um Anträge zu optimieren. In Online-Foren kursieren Tipps, Symptome möglichst dramatisch darzustellen, um die Chancen auf Bewilligung zu erhöhen, selbst ohne medizinische Nachweise. Auch eigene Prompts als Vorlage sind mittlerweile leicht zu finden. Diese Kombination aus Social Media und künstlicher Intelligenz könnte das Problem weiter verschärfen. Experten warnen, dass dadurch neue Formen des Betrugs entstehen, die für Behörden immer schwerer zu erkennen sind. 

Wie man "Sickfluencer" erkennt

So ganz unerkenntlich bleiben die vermeintlichen Sozialbetrüger dann doch nicht. Hellhörig sollte man dann werden, wenn sie:

  • konkrete Geldbeträge für bestimmte Diagnosen versprechen
  • Schritt-für-Schritt-Anleitungen für Behördenanträge liefern
  • suggerieren, man könne "einfach so" Leistungen beziehen
  • keine medizinischen Nachweise oder realistische Hürden erwähnen

Grundsätzlich gilt: Sozialleistungen sind an strenge Voraussetzungen gebunden und werden überprüft. Wer falsche Angaben macht, riskiert Rückforderungen, Geldstrafen und in schweren Fällen sogar strafrechtliche Konsequenzen.

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