Miguel Herrera ist eine der schillerndsten Figuren bei der WM in Brasilien.

© APA/EPA/GEORGI LICOVSKI

Miguel Herrera
06/24/2014

Das Rumpelstilzchen aus Mexiko

Der emotionale Vulkan ist die Trainer-Entdeckung der WM.

von Günther Pavlovics

Er hüpft, er pfeift, er deutet. Er pfeift wieder. Er schaut ganz wild.

Es fällt ein Tor. Ein Tor für Mexiko. Für seine Mannschaft.

Er reißt die Hände in die Höhe, reißt den Mund weit auf, schreit, wirft die Arme durch die Gegend, schnappt sich seinen Spieler Paul Aguilar und wälzt sich mit diesem voller Inbrunst auf dem Spielfeld. Er rappelt sich auf und Tormann Guillermo Ochoa springt ihm in die Arme.

Miguel Herrera ist die emotionale Entdeckung dieser WM. Nicht auf der Trainerbank, denn dort hält es ihn keine Sekunde. Er ist das Rumpelstilzchen der Coachingzone.

Der Trainer der mexikanischen Nationalmannschaft tigert wie ein gefangenes Tier durch die Gegend, man möchte die FIFA bitten, die Coachingzonen doch zu vergrößern. Er füllt seine Zone jedenfalls komplett aus mit seiner Präsenz. Auch mit seiner physischen Präsenz.

Wie viele Kilo sich rund um den 168 Zentimeter hohen Herrera verteilen, kann nur geschätzt werden. Wenn er emotional wird, quellen seine Augen aus den Höhlen. Er hat Wohlstandsbauch und fast keinen Hals.

Extrovertiert

Aber man schaut ohnehin nur auf seine Emotionen. Was kommt jetzt? Man ist in freudiger Erwartung. Man wünscht sich, dass Mexiko ganz weit kommen soll. Man will Herrera-Schauen. Wolfsberg-Coach Didi Kühbauer oder Dortmund-Trainer Jürgen Klopp wirken gleichsam introvertiert im Vergleich mit Herrera.

Der kommt aus Mexiko. Der hat nur in Mexiko Fußball gespielt. Der war nur in Mexiko Trainer. Bei einem Besuch in Cuautepec sollte man vorsichtig sein im Umgang mit Ungeziefer. Herrera stammt aus dieser Stadt im mexikanischen Bundesstaat Hidalgo nicht weit von der Hauptstadt entfernt. Herreras Spitzname ist "El Piojo". Was so viel heißt wie "Die Laus". Und wenn die Läuse in Cuautepec nur annähernd die Form von Herrera haben. Na dann.

Aber Entwarnung. Erstens zog die Familie schon bald nach der Geburt des heute 46-Jährigen nach Mexiko City, er ist der Drittälteste von sechs Geschwistern. Und zweitens hat der Spitzname seinen Ursprung im Spielstil des Fußball-Profis Herrera. Als Rechtsverteidiger war er eine rechte Laus im Pelz der Stürmer. Und er war ein Beißer auf dem Feld, nicht nur, weil er anfangs neben seiner Karriere eine Ausbildung zum Zahntechniker begonnen hat.

Disziplinär

Von 1993 bis 1994 absolvierte er 14 Spiele für Mexiko – und das war es dann auch schon mit der Teamkarriere. Einer großen Karriere stand sein Mangel an Disziplin im Wege. Vielleicht ist er deshalb als Trainer zum Disziplinfanatiker geworden. Herrera ist eigentlich Trainer von "Club America".

Die Nationalmannschaft übernahm er letzten November nebenbei. Die schaffte es im letzten Moment zumindest in die Play-offs, hatte aber im Jahr 2013 schon drei Trainer. Unter dem Vierten, Miguel Herrera, wurde dabei Neuseeland 5:1 und 4:2 geschlagen und das Brasilien-Ticket ganz klar gelöst.

Herrera verzichtet auf Carlos Vela. Der Stürmer von Real Sociedad gilt als einer der Stars in Mexiko. Aber Herrera verzichtete auf Vela (der war vor vier Jahren wegen eines Saufgelages nach einem Länderspiel suspendiert worden). "Ich brauche Spieler, die komplett darauf fokussiert sind, unsere WM-Teilnahme zu sichern", begründete Herrera seine Entscheidung ganz offen. Herrera ist eine ehrliche Haut. Vor 20 Jahren hat er seine Lektion gelernt. Trotz Zusage des damaligen Teamchef Miguel Mejia Baron durfte er nicht zur WM 1994. "Wenn du etwas zu sagen hast, dann reiß dich zusammen und hab wenigstens die Eier, Leuten ins Gesicht zu sagen, dass du deine Meinung geändert hast", sagte Herrera.

Er selbst ändert seine Meinung selten. Auch nicht, wenn der Achtelfinal-Gegner Niederlande heißt und alle seine drei Spiele gewonnen hat. Mexiko hat ja Brasilien immerhin ein Remis abgetrotzt. Seine Aufstellung veröffentlicht Herrera regelmäßig schon einen Tag vor dem Spiel – auf seinem eigenen Twitter-Account. Das Einzige, was für ihn zählt, ist das Ziel, auch wenn es utopisch klingt. "Ich will Weltmeister werden", sagte er. "Aber du musst überzeugt sein, dass du so ein großes Ziel erreichen kannst, um es zu erreichen. Ich will sehen, dass die Jungs sich umbringen. Sie haben Geschichte zu schreiben."

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