Thema | Best of Kabarett
05.12.2011

Sigi Zimmerschied: Pointenakrobat

Nr. 78. Zwischenbilanz eines Berserkers: "Danemlem". Eine Satire, intensiv und derb im Ton, aber nicht so derb wie die Wirklichkeit.

Er ist einzigartig in seiner Art, sich das Unerträgliche ätzend komisch zu machen. Das Markenzeichen von Sigi Zimmerschied aus Passau: ein Quadratschädel und eine exzessive Mimik. Er ist ein Besessener, der in allen seinen Nummern sich und seine Verzweiflung, seinen Schmerz spielt, sein Leiden an Provinz und Kirche und bleierner Macht bearbeitet. Wortgewaltig.

Verschroben

Ob er die niederbayerischen Bierhöllen, die Kleingeister und Betondeppen im Visier hat, sich am Zeitgeist reibt und auf den Tisch haut, die obsessive Bosheit von Sigi Zimmerschied hat nur eine einzige Rechtfertigung: Es ist alles wahr, alles erlitten, was er zeigt.

Was ihn peinigt, nimmt er aufs Korn mit seinem zum Teil um fünf Ecken gedachten Humor - voller Lust, immer aufs Neue infrage zu stellen, was selbstgerecht und heuchlerisch daherkommt. Opportunismus ist ein Albtraum für ihn. Sich einschleimen und mitmachen, obwohl es der Überzeugung widerspricht, sind ihm ein Graus.

"I hobs", "Ausschwitzn", "Diddihasi", "Passauereien", "Scheißhaussepp", "Hirnrisse" hießen Programme, die er bisher auf die Bühne gebracht hat.
In "Danemlem" (hochdeutsch: Daneben leben) lässt der Spezialist für anspruchsvolle, ineinander verschachtelte Erzählstränge sein Leben Revue passieren. Wie ein Amokläufer. Mit rasendem Mundwerk. Seine skurrilen Plaudereien sind wahnwitzig, absurdes Theater, Ohrfeigen für alles, was dumm und kleinkariert daherkommt.

Für manche Leute, sagt er, "gibt es von Anfang an nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie landen unter der Brück' oder auf der Bühne." Zimmerschied stand ein Leben lang daneben, heimatlos als Satiriker, unangepasst als Mensch aus Passau. Seine ersten Feindbilder: herrschsüchtige Tanten, denen er das Eingesperrtsein im Schlafzimmer verdankt.

Jahr reiht sich an Jahr in "Danemlem", Niederlage an Niederlage. Ob nun Patricia Michi liebt statt Sigi, oder eine sinnleere Performance eher der Förderung für würdig befunden wird als ein grandioses Kabarettprogramm.

Doch Ekel und Ärger haben poröse Stellen, wo sich der Schmerz hereinschwindelt. Wo Zimmerschied dem toten Vater vom Befinden der Mutter erzählt: Erst schämt sie sich seiner, dann schämen sich die Mütter der anderen, die keinen Kleinkunstpreis haben und keinen eigenen Film. Aber vielleicht ist Zimmerschied sowieso nur Kabarettist geworden, weil er nicht schlafen gehen wollte.