Gigi Hadid und Kendall Jenner (v. li.)

© APA/AFP/GETTY IMAGES/Dimitrios Kambouris

Reich & schön
01/08/2017

Die Insta-Girls sind die neuen Supermodels

Was die neuen Stars am Modelhimmel ausmacht – und warum Kenner skeptisch sind.

von Julia Pfligl

Das Supermodel ist tot – behauptet eine, die es wissen muss. "Supermodels, wie wir sie waren, existieren heute nicht mehr", sagte Claudia Schiffer 2007 in einem Interview. Um ein Supermodel zu werden, müsse man zur selben Zeit weltweit auf allen Titelseiten sein, damit einen die Menschen wiedererkennen würden. Das sei auch deshalb nicht mehr möglich, weil die Werbeindustrie nun vermehrt auf Popstars und Schauspieler setzen würde.

Zehn Jahre sind seit Schiffers Aussage vergangen. Die Ära der "Big Five" – so wurden die Laufsteg-Kapazunder Naomi Campbell, Cindy Crawford, Christy Turlington, Linda Evangelista und Schiffer in den frühen Neunzigern genannt (siehe unten) – ist seit zwei Jahrzehnten vorbei, und auch die kleine Gruppe brasilianischer Topmodels, die vorübergehend die Laufstege dominierte (allen voran Gisele Bündchen), hat sich inzwischen großteils in den Ruhestand verabschiedet.

Insta-Girls

Das Supermodel, wie es die Welt in den Neunzigern kennengelernt hat, mag tot sein. Doch die sozialen Medien haben den Weg für eine neue Generation geebnet. Gigi, Kendall und Karlie wurden geboren, als Cindy und Naomi den Zenit ihrer Karriere bereits überschritten hatten. Wie die Neunzigerjahre-Ikonen laufen auch sie für die größten Designer bei den wichtigsten Fashion Weeks, lachen von den Titelseiten der größten Modezeitschriften und streifen millionenschwere Werbeaufträge ein. Alleine Kendall Jenner konnte ihren Jahresverdienst von 2015 auf 2016 um 150 Prozent steigern, rechnete das US-Magazin Forbes im August vor.

Doch Schönheit alleine reicht heute nicht mehr, um an die Modelspitze zu kommen: Wer erfolgreich sein will, muss sein aufregendes Jetset-Leben in den sozialen Medien dokumentieren. "Insta-Girls" nennt die Vogue die Models der Stunde, allen voran Jenner und die Hadid-Schwestern Gigi und Bella. Sie alle sind bestens vernetzt, Kendall ist Teil des Kardashian-Clans, Bella und Hadid die Töchter eines milliardenschweren Immobilienmoguls.

Das gilt auch für ihr virtuelles Dasein: Gemeinsam haben die drei auf mehr als hundert Instagram-Abonnenten, dazu kommen noch Fans auf Facebook, Twitter und Snapchat. "Die Insta-Girls sind keine neue Entwicklung in der Modelwelt, aber seit 2016 kommt man nicht mehr an ihnen vorbei", heißt es in der aktuellen Vogue. Und Stardesigner Zac Posen konstatierte: "Sie repräsentieren die globale Social-Media-Bewegung, in der wir leben." Denn Models sind auch das Produkt ihrer Zeit: So, wie die Supermodels der Neunziger den damaligen Zeitgeist einfingen, tun das heute die Insta-Girls.

Ohne Social Media geht nur noch wenig in der Modelwelt, berichtet Louisa von Minckwitz. Kaum eine kennt das deutsche Business so wie sie: 1981 gründete sie Louisa Models, eine der größten deutschen Modelagenturen mit Sitz in München. Topmodel Julia Stegner zählt zu ihren Entdeckungen. "Wir haben gerade eine Social-Media-Mitarbeiterin eingestellt", erzählt die Agenturchefin. "Sie sagt unseren Models, was sie machen müssen, damit sie auf Instagram mehr Follower bekommen. Und was sie unterlassen sollen." Pittoreske Schnappschüsse vom Shooting auf Mauritius seien beispielsweise erwünscht – den Namen des Kunden zu erwähnen oder gar vorab Fotos der Kampagne zu posten hingegen ein Tabu, weiß die Expertin.

Vom Portfolio der Models auf der Website wird direkt auf deren Instagram-Account verlinkt. "So sehen die Kunden gleich, was sie posten und wie viele Follower sie haben." In Australien würden Models inzwischen nur noch nach der Anzahl ihrer Online-Fans gebucht, sagt von Minckwitz. "Die können noch so schön sein – wenn die Follower-Zahl nicht passt, bekommen sie den Job nicht." Auch in ihrer Agentur sei das schon vorgekommen: "Der Kunde hat dann eine Schauspielerin gebucht, weil sie mehr Follower hatte als unser Model. Wer ein Topmodel werden will, muss unbedingt Internet-affin sein. So funktioniert die heutige Modewelt leider."

Kein Wunder also, dass eine Kendall Jenner, deren Instagram-Fotos regelmäßig 70 Millionen Menschen sehen, in so einer Welt als Supermodel gehandelt wird. Bis zu 300.000 Dollar sollen sie und Freundin Gigi Hadid von großen Unternehmen für ein Social-Media-Posting bekommen. "Das Geschäft hat sich verändert", sagte Chris Gay, Präsident der Agentur The Society Management, die Kendall Jenner vertritt, zu Forbes. "Diese Models werden immer einflussreicher. Sie können nicht nur das Gesicht einer Kampagne sein, sondern auch ein mächtiger Verbreitungsweg."

Kritik

Bleiben da andere Kriterien auf der Strecke? "Kendall und Gigi sind nette, hübsche, normale Mädchen", sagt Louisa von Minckwitz. "Aber wenn sie in den Achtzigern gelebt hätten, hätten sie wohl nicht so viel Erfolg gehabt wie jetzt. Es sind Models, die durch das Internet eine enorme Aufmerksamkeit bekommen haben. Aber sie haben niemals die Aura einer Naomi Campbell oder einer Cindy Crawford. Das Besondere, das die ‚alten Models‘ hatten, sehe ich bei den beiden nicht."

Kritik kam im vergangenen Jahr auch von Branchenkolleginnen. Kendall Jenner und Gigi Hadid seien "keine wahren Supermodels", sagte das ehemalige Model Rebecca Romijn, 43, öffentlich. Sie fände es frustrierend, dass Social-Media-Stars plötzlich als Supermodels gelten und Style-Standards setzen würden. "Sie sind komplett anders, als wir es waren", meinte auch Stephanie Seymour, eines der erfolgreichsten Models der Neunziger. "Supermodels sind ein Ding der Vergangenheit. Diese Mädchen brauchen ihren eigenen Titel." Auf die Frage, ob sie denn einen Vorschlag hätte, kam eine recht uncharmante Antwort: "Bitches of the Moment".

Dass das Internet Fluch und Segen zugleich ist, dürften einige der Insta-Girls spätestens jetzt feststellen: Gigi Hadid kündigte vor den Feiertagen eine einmonatige Social-Media-Auszeit an, Kendall Jenner hatte ihren Instagram-Account vorübergehend sogar deaktiviert. "Wenn ich zu Bett ging, war es das letzte Ding, das ich sah", sagte Jenner in einer Talkshow. "Ich fühlte mich zu abhängig davon, darum nahm ich mir eine Auszeit." Ob man sie nun Supermodels, Bitches of the Moment oder Insta-Girls nennt – im Endeffekt sind Gigi, Kendall und ihre Modelfreundinnen vor allem eines: ganz normale 20-Jährige.

Ikonen der Neunziger

Sie revolutionierten die Modewelt: Zuerst als "The Trinity" ("Die Dreifaltigkeit", bestehend aus Naomi Campbell, Linda Evangelista und Christy Turlington), später, Mitte der Neunziger, als "The Big Five" (plus Cindy Crawford und Claudia Schiffer). Models waren plötzlich nicht mehr bloß Mannequins, sondern Superstars: Sie spielten in Musikvideos, heirateten Filmstars und wurden zum beliebten Ziel der Klatschpresse. Die Gagen schossen in galaktische Höhen: Evangelistas Aussage, wonach sie für weniger als 10.000 Dollar gar nicht erst aufstehen würde, ging in die Geschichte ein. Es war die goldene Ära der Supermodels.

Ende der Neunziger wurden die rundum gesund und weiblich aussehenden Modelikonen von den blassen Vertreterinnen des Heroin-Chic (allen voran Kate Moss) abgelöst, später kamen die Brasilianerinnen. Aber was wurde aus den ersten Supermodels? Bis auf Naomi Campbell sind heute alle Mütter und haben sich aus dem Scheinwerferlicht weitgehend zurückgezogen. Claudia Schiffer (46), einstige Lagerfeld-Muse, lebt mit ihren drei Kindern und Ehemann Matthew Vaughn, einem Filmproduzenten, in England. Sie nimmt nur noch ausgewählte Aufträge an, etwa eine Kampagne gegen Brustkrebs von Tommy Hilfiger. Ihr Vermögen wird auf 250 Millionen Dollar geschätzt. Christy Turlington (48) absolvierte nach ihrer Modelkarriere ein Studium der Religion und Philosophie, schrieb ein Buch über Yoga und entwarf luxuriöse Sportkleidung. Nach der Geburt ihrer Tochter Grace, bei der sie beinahe verblutet wäre, gründete Turlington eine Wohltätigkeitsorganisation, die junge Mütter nach der Entbindung unterstützt.

Cindy Crawford (50) war 1995 das bestbezahlte Model der Welt. 1998, nach einer Kurzzeitehe mit Richard Gere, heiratete sie Rande Gerber, mit dem sie zwei Kinder hat. Tochter Kaia (15) sieht ihrer schönen Mutter zum Verwechseln ähnlich und ist ebenfalls bereits bei einer renommierten Modelagentur unter Vertrag. Im Herbst lachten Mutter und Tochter gemeinsam vom Titel der französischen Vogue. Crawford engagiert sich in der Leukämie-Forschung und hat vergangenes Jahr ihre Autobiografie "Becoming Cindy" veröffentlicht.

Während die anderen Supermodels zu dieser Zeit über fixe Merkmale definiert wurden (Crawford und das Muttermal, Schiffer und die blonden Haare), war Linda Evangelista (51) in der Branche als wandelbares "Chamäleon" bekannt. Lagerfeld bezeichnete sie einst als "bestes Model der Welt", Stefano Gabbana als "das Model". Heute ist sie alleinerziehende Mutter eines Sohnes und steht immer wieder für namhafte Fotografen vor der Kamera.

Die Einzige, die immer noch regelmäßig auf Laufstegen zu sehen ist, ist Naomi Campbell (46). 1988 war die Tochter einer Jamaikanerin das erste dunkelhäutige Model, das es auf das Cover der Vogue geschafft hat, später trat sie mit Cindy, Linda und anderen Kolleginnen in George Michaels Musikvideo "Freedom" auf. Im September lief Campbell für Versace bei der Fashion Week in Mailand. Und sah dabei genauso umwerfend aus wie vor 25 Jahren.

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