© REUTERS/ALESSANDRO GAROFALO

Style
11/02/2019

Die neuen Spießerlooks: Bitte ganz bieder und zugeknöpft

Wie Top-Designer den neuen "Modest"-Zeitgeist interpretieren.

von Christina Michlits

Sexy Kleider mit tiefem Ausschnitt und High Heels? Schnee von gestern, wie die Mode-Suchmaschine Lyst nun aufzeigt. Sie hat das Verhalten von mehr als 100 Millionen Einkäufern analysiert.

Demnach wurde 2018 weniger nach figurbetonten, freizügigen Outfits gesucht als die Jahre zuvor. Dafür sind die Anfragen mit dem Wort „modest“ – also sittsam, anständig – um 217 Prozent angestiegen. Außerdem wurde vermehrt nach Langarm-Blusen, Rollkragen-Pullis und langen Kleidern gestöbert.

Die neue Lust an der Züchtigkeit ist auch im Dirndl-Segment auszumachen. Statt ausladendem Dekolleté setzen Fashionistas neuerdings auf hochgeschlossene Dirndlblusen, gerne auch mit langen Ärmeln.

Keine Barbiepuppen

„Wir werden wieder viel mehr Stoff sehen, weite Schnitte. Das Volumen kehrt zurück“, prophezeite die deutsche Uni-Professorin Barbara Vinken, die sich in ihren Büchern vor allem mit Ästhetik und Geschlechterrollen beschäftigt, schon 2016.

Mit der bedeckteren Kleidung könnte auch der bisherige „Jugendterror“ in der Modewelt langsam ein Ende finden. So sieht das die niederländische Trendforscherin Li Edelkoort, die auf einem Symposion in Berlin erklärte: „Unsere Einstellung zu Makeln und zum Alter verändert sich.

Die Zeiten, in denen aus Frauen perfekte Barbiepuppen gemacht werden sollten, sind schon bald endgültig vorbei.“ Es mache sich zudem eine Prüderie wie im Mittelalter breit – in Form von weiten Tuniken und in dunklen Farbtönen, wie sie für Maler dieser Zeit typisch waren. „Wir haben genug nackte Schultern gesehen.“

Weil wir in immer unruhigeren, instabilen Zeiten leben, schenken wir im Umkehrschluss vermehrt Details Aufmerksamkeit, so Edelkoort. Kopf und Schulterpartie nehmen den Fokus ein. Daher werden auch Kopfbedeckungen, Ketten und Halskragen wichtiger.

Vorreiter Prada, Celine

Auf den Modewochen in New York bis Mailand wurden 2019 tatsächlich jene Designer groß gefeiert, die sich der Spießigkeit verschrieben haben. Miuccia Prada gelang eine der besten Kollektionen (S/S 2020). Mühelos gibt sie sich bieder und jugendlich zugleich – mit großen Kragen, plakativen Knöpfen auf Ein- und Zweireihern und gerade geschnittenen Midi-Röcken.

Die Mäntel schwingen locker, von weiblichen Rundungen ist nichts zu sehen. Alles andere als figurbetont und mit Rüschen-Überschuss versehen sind auch die neuen Teile der Luxuslabels Valentino, Alexander McQueen und Giambattista Valli.

Prada S/S 2020

Neben Hedi Slimane, der sich nach sexy Ausgeh-Outfits nun für das Luxuslabel Celine in der Bourgeoisie wiederfindet (siehe unten), war zudem Tom Ford ein Modemacher, der für 2020 mit verhältnismäßig braven Entwürfen bei seiner Show überraschte.

Eine Sternstunde feiern gerade von jeher klassisch-konservative Labels wie Lacoste, Ralph Lauren oder Tommy Hilfiger. Stilvorbild ist die reiche Tante mit ihren zeitlosen Klassikern. Also weg mit den Skinny Jeans und dem Bauchfrei-Top, und rein in die Bootsschuhe, Barbour-Jacke und den Ralph-Lauren-Pulli, der jetzt übrigens auch wieder über den Schultern getragen wird.

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Hedi Slimanes Kehrtwende: Bieder statt sexy

Überraschend bürgerlich waren  die Entwürfe von Stardesigner Hedi Slimane für sein neues Stammhaus Celine (oben). Der für seine supersexy Partykleidchen berühmte Modemacher präsentierte bereits Anfang des Jahres karierte Blazer, Folklore-Jäckchen, wadenlange Faltenröcke und antiquierte Schluppenblusen. Statt dem einst dominanten Schwarz setzt  er nun auf weiche Brauntöne.

Mit den leicht überzeichneten Spießerlooks wird Slimane seinem Ruf als  Trendsetter  gerecht. Die Fetzchen, die gerade einmal die Scham bedecken, sind – zumindest vorerst – Geschichte. 

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