Als US-Basketballstar LeBron James zum Finalspiel in einem Designeranzug mit knielangen Hosen kam, fegte ein Shitstorm durch die sozialen Medien

© APA/AFP/GETTY IMAGES/Lachlan Cunningham

Style
06/04/2019

Die neue Beinfreiheit: Wann Männer kurze Hosen tragen dürfen

Die männliche Beinfreiheit erobert allmählich die Laufstege, aber noch lang nicht die Büros.

von Barbara Mader, Julia Pfligl

Aner ruaft: „A Wahnsinn! Gebt’s eahm wos zum Anziehn!“

Doch sei Freindin meint: „Geh fesch, endlich aner ohne Wäsch!

Georg Danzer „Jö schau“

Männer dürfen heute alles: Sie dürfen öffentlich weinen, sie dürfen in Karenz gehen, Hebamme werden und beim Synchronschwimmen um WM-Medaillen kämpfen.

Nur eines dürfen sie noch immer nicht: Knie zeigen. Kaum hat es ein paar Plusgrade, ist sie wieder da, die Diskussion um die kurze Hose, übertroffen nur durch den in die Jahre gekommenen Klassiker Männersandalen mit Socken.

Das Empörungspotenzial des wadenfreien Beinkleids entfaltete sich vergangene Woche beim Begräbnis von Niki Lauda, das Andreas Gabalier mit kurzer Trachtenlederhose besuchte. Obwohl er sich mit Sakko und schwarzen Stutzen sichtlich um Eleganz bemühte, hagelte es nach seinem Auftritt Kritik – neben dem schwarzen Anzug von Rennfahrer Nico Rosberg, der mit ihm in den Dom ging, wirkte der Gabalier-Look doch etwas provinziell.

„In eine Kirche gehören keine kurzen Hosen“, monierte etwa Marianne Kohn, Betreiberin der legendären Loos-Bar im ersten Bezirk, die den Gabalier-Look live beim Begräbnis ihres Freundes Niki Lauda erlebte. Und sie setzt hinzu: „In die Loos-Bar übrigens auch nicht.“

Beinfrei für Kreative

Den Durchschnittsmann dürfte die Frage nach dem geeigneten Outfit für die Loos-Bar selten tangieren – sehr wohl aber, wie viel Beinfreiheit im Büro geduldet ist. Es kommt auf die Branche an, predigen Modeexperten unisono. So auch Stilberaterin Kristina Radon. In Berufen ohne Kundenkontakt oder kreativen Branchen seien Shorts durchaus im Bereich des Möglichen, jedoch: Der Sommer sei kein Freifahrtsschein für „schlurfige“ Strand-Outfits. „Auf die Kombination kommt es an“, sagt Radon. „Schicke Schuhe wie Loafers oder Mokassins, dazu ein Leinenhemd und ein geflochtener Gürtel. Das Material sollte nicht dem einer Badehose gleichen, besser Baumwoll- oder Leinenhosen wählen.“

Die Shorts-Debatte habe sich verändert, beobachtet die Stilexpertin, der Trend gehe „klar in Richtung kurze Hosen“, was auch ein Blick in die Hipsterviertel der Großstädte oder auf die Laufstege der Modemetropolen zeigt (siehe li.). Woran das liegt? Auch an #MeToo, sagt Radon: „Wir kämpfen für die Gleichberechtigung von Frauen, aber bei Männern sind wir, etwa was die Kleiderordnung betrifft, konservativ.“ Als US-Basketballstar LeBron James zum Finalspiel in einem Designeranzug mit knielangen Hosen kam und daraufhin ein Shitstorm durch die sozialen Medien fegte, mischte sich sogar der Chef der nordamerikanischen Basketball-Liga (NBA) ein: „Wenn LeBron Shorts trägt, muss das wohl in Mode sein“, kommentierte er die Causa amüsiert.

Was wirklich gar nicht geht

Ein Vorreiter in Sachen Beinfreiheit ist Robert Horn, der mit seiner Marke R. Horns hochwertige Accessoires aus Leder vertreibt. Horn ist eine auffällige Erscheinung in der Wiener City und hat vor mehr als 20 Jahren jenen Look geprägt, der mittlerweile auf italienischen Laufstegen angekommen ist: kurze Hose mit Sakko und Krawatte. „Es war ein heißer Sommer, und obwohl ich mir beim Schuster extra leichte Schnürschuhe habe anfertigen lassen, war mir einfach zu heiß. Da habe ich zu Khaki-Shorts gegriffen und sie mit einem Sakko kombiniert. Ich finde, das schaut ausgesprochen gut aus.“

Horn besteht auf Sakko und Krawatte. Kurze Ärmel beim Hemd lässt er zur Not durchgehen („da bin ich liberal“), aber nur, wenn es wirklich heiß ist und ein Sakko darüber getragen wird. Alles andere, etwa kurze Hose mit Polohemd, ist für den Unternehmer ein „Freizeitlook“ – und sicher nicht „korrekt“.

Apropos: Was sagt die Stilberaterin zum Kurzarm-Hemd? Kristina Radon lacht laut auf. „Also das geht wirklich gar nicht.“

Ist die "Kurze" bürotauglich?

PRO 

„Die kurze Hose ist nicht das Problem – das kurze Hemd ist eines.“ So haben mir Modemenschen  beantwortet, ob man als Mann bei Hitze halbes Bein zeigen darf. Man kann diese Antwort ablehnen (hat eine Chefredakteurin, die  hier anonym bleiben soll, heute getan), aber sie lässt zwei klare Rückschlüsse zu:

– Man kann mit kurzer Hose ordentlich aussehen und mit langer Hose unordentlich aussehen.

– Es ist purer Sexismus, wenn Männer keine kurzen Hosen tragen dürfen, nämlich einer gegen Frauen.

Zunächst zum zweiten Satz. Die Kleider und Röcke von Frauen gelten ab „knielang“ als angemessenes Bürooutfit. Wenn nun die kurze Hose des Mannes auf mangelnde Seriosität/Professionalität hindeutet, warum erlauben wir Frauen, in diesem Licht zu erscheinen? Weil ihre Waden schöner sind? Eben, sexistisch.
Daher, und damit zur ersten Folgerung, bleibt mir nur, ab morgen bei Hitze: a) Rock zu tragen, b) in extralangen Trainingshosen zu erscheinen oder c) zu langen Anzughosen ein T-Shirt zu tragen, auf dem „Short rulez“ steht. Seriöser wäre ich dann noch immer nicht. Oder? Axel Halbhuber

CONTRA

Es ist kein schönes Gefühl, wenn man wie die eigene Oma klingt.  Manchmal lässt es sich nicht vermeiden. 

Korrekte Kleidung ist eine Frage des Respekts. Was korrekt ist, ist Frage der örtlichen Umstände.  Relativ einfach geht folgende  Trennung: hier Büro, da Strand.  Keinesfalls sollen an dieser Stelle nur  nackte Männerbeine getadelt werden. Dass Spaghetti-Träger-Tops und Flip-Flops wenig bürotauglich sind, wurde  oft genug festgestellt. Durchgedrungen ist es trotzdem noch nicht zu allen.   Das Hitze-Argument zählt übrigens nicht, denn erstens sorgt in den meisten Büros die Klima-Anlage besonders  im Sommer für gefühlten Permafrost und zweitens ist der Halb-Nackt-Look gerade in Ländern verbreitet, wo es eigentlich nicht sehr heiß ist. Kanadier entblößen sich öfter als Italiener.  

Die städtische Entblößung ist eine falsch verstandene Form des  Liberalismus. Unsere Gesellschaft wird  nicht freier und auch nicht aufgeschlossener, wenn Menschen – egal, welchen Geschlechts – ihre schweißnassen Oberschenkel auf die U-Bahn-Sitze kleben dürfen. Sie wird nur geschmackloser. Barbara Mader