Prominenz im Wandel: Frank Sinatra & Co.

40 Jahre Remmidemmi mit den Promis. ROMAN SCHLIESSER präsentiert in der dritten Folge Frank Sinatra in London und Wien- mit einem Schuss Las Vegas.

24. Mai 1975. Wer sagt da Mafia? Ist doch alles (fast) legal verlaufen. Frankie und seine Spießgesellen haben in Wien nach dem Motto "Sing a hit and run" zugeschlagen. Fast 3,4 Millionen Schilling für 62 Sinatra-Minuten im Köfferchen – und nichts wie weg. O boy, o Frankieboy! 

Im Bild (von links): "Rat Pack" - Dean Martin, Sammy Davis Jr., Frank Sinatra. Im Film könnten sie's nicht schöner drehen. Mit "tatütata" und Blaulicht war Sinatra, der mit seiner kleinen "Mystere" erst 55 Minuten vor dem angesetzten Stadthallenkonzert aus Paris angeflogen kam, gleich vom Flughafen Schwechat weg 500 Meter gegen eine Einbahn gelotst worden. Von einer Polizeifunkstreife. Wie singt er so schön: "I did it my way  . . ." Ja, und dann hatte Sinatras Europarepräsentant Danny O'Donovan kategorisch erklärt, er ließe das Stadthallenkonzert platzen, wenn man nicht die ausgehandelte Gage von 3,4 Millionen Schilling bar auf den Tisch blättern würde. Die Not war, wie ADABEI exklusiv berichtete, gar groß. Schröders, des Linzer Managers Bank, geschlossen. Nur bare 50.000 in der Kasse der Stadthalle. Doch Stadthallenprokurist Anton Zahnt wirkte mit seiner Garantie Wunder. Die Tresore zweier längst geschlossener „Z“-Filialen öffneten sich und zwei Funkstreifen holten mit Marcel Avram, dem "Mama Concerts"-Chef, der Sinatra für 200.000 Dollar Abendgage nach Wien verkauft hatte, die Millionen in die Stadthalle. Prokurist Zahnt: "Ich habe um 19.15 Uhr erfahren, dass Sinatras Manager O'Donovan die 3.350.000 Schilling – das war der gestrige Umrechnungskurs für die vertraglichen 200.000 Dollar – cash sehen wollte. Fünf vor neun war das Geld in der Halle. Ich hab' das praktisch auf meinen persönlichen Kopf gemacht." Frankieboy, der Herzensgute, mit Sinn für Wiener Gemütlichkeit, delektierte sich indes an Nudelsuppe und Wiener Schnitzel in seiner Garderobe, ehe er sich einsang. Beides hatte er – mit nicht zu leugnendem Sinn fürs Lokalkolorit – schon von Paris aus bestellt. Mit dem Bibelspruch "God bless you" war Sinatra nach genau 62 Minuten von der Bühne gestürmt, direkt und im Laufschritt zu seinem Jaguar, und ab ging's aus dem Stadthallenkeller zum Airport, denn seine "Mystere" sollte noch vor 22 Uhr von Schwechat weg nach Genf starten. Mit dem Jaguar war übrigens Sinatras Leibchauffeur 26 Stunden von Paris nach Wien gebraust, lediglich um hier den Superstar von Schwechat in die Stadthalle und dann wieder zurückzufahren. Während Sinatra in Genf übernachtete, fuhr sein Chauffeur nach München weiter, um dort am Flughafen parat zu sein. Im Fond seines Wagens zeigte sich Sinatra vom Wiener Publikum begeistert: "Diese Wiener waren klasse", lobte er, "aber ich fürchte, die Deutschen werden nicht so freundlich sein". "Ganz zimmerrein war die Geschichte sicher nicht, falls Sinatra tatsächlich die gesamte Summe mit ins Ausland genommen hat", erklärte namens des Finanzministeriums Franz Vranitzky, "ein so hoher Betrag muss zur Ausfuhr von der Nationalbank freigegeben werden. Das Delikt des Herrn Sinatra, österreichische Valuta ins Ausland gebracht zu haben, wäre dann gegeben. Allerdings hätte der Veranstalter als Deviseninländer dem Devisenausländer Sinatra den Betrag nicht ohne devisenrechtliche Genehmigung aushändigen dürfen. Die Staatsanwaltschaft wird auf Betreiben der Nationalbank den Vorgang untersuchen". Dennoch zeigte das Finanzministerium Respekt vor dem Geschäftsgeist des Herrn Sinatra: "Es spricht jedenfalls für ihn", meint Vranitzky, "dass er sich seine Gage in österreichischen Schilling auszahlen ließ. Der Schilling ist international eine harte Währung." Nach österreichischem Recht ist Sinatra als Künstler verpflichtet, 20 Prozent seiner Einnahmen als Steuer im Lande zu lassen. "Doch da", so Vranitzky, "muss sowieso der Veranstalter dafür haften". Pikanterie am Rande: Als Frankieboy noch hemdsärmelig und im schottisch-karierten Seidengilet in seiner Garderobe hockte, tummelte sich im hermetisch abgeriegelten Bereich hinter der Bühne, wo ADABEI als einziger Journalist dabei war, ein biederer Herr. Ein Sinatra-Betreuer wollte ihn abschieben. Der Herr zog einen kleinen Vogel aus der Tasche, der den Ami keineswegs beeindruckte. Stadthallenpromotor Leo Huemer sprang in die Bresche: "Der Herr darf sich hier überall bewegen. Der ist von der Steuer . . ." Doch an Sinatra kam auch er nicht ran. Sinatras Zugkraft bei Wiens Prominenz war enorm. 

Im Bild: Frankie mit Bing Crosby (l.) und Grace Kelly in "Die Oberen Zehntausend". Und er hält, was sein Ruf verspricht. Applaus zum Auftakt mit "You are the Sunshine of my Life", erste Bravo-Rufe. Mit "Lee Roy Brown" setzt Swing ein. Man hat die ersten vier Sitzreihen, garniert mit Prominenz, die sich 1.500 Schilling leisten kann, bis direkt an die Bühne gezogen. Dadurch gibt es auch kein Problem mit den Fotografen. Und somit ist dieser Sinatra der lockerste, den man bisher in Europa erlebt hat. Keine Spur von Aggression, das ist Frankieboy, der Charmeur. Etwas eisgrau geworden, und der Smoking spannt um den Bauch. Doch was tut’s. Er legt ein paar Tanzschritte hin, witzelt: "Gene Kelly is a bum" und lässt "Nice 'n' Easy" ganz hübsch und leicht vom Stapel. Die Halle ist begeistert, und Sinatra sagt zum ersten Mal auf Deutsch "Dankeschön". Das Wiener Publikum holt sich bei "My Way" ein neues Sinatra-Kompliment: "Sie sind das wundervollste Publikum und ich danke Ihnen". Ja, Frankieboy rafft sich sogar zu einem deutschen Satz auf, der das erste war, was er in Wien gehört hat, als ihn der Barkeeper fragte: "Was willst du haben?" Das Beste, so meint Sinatra von der Bühne herab, das man ihn fragen kann. Man reicht ihm ein Keramikhäferl und er sagt "Prost" mit der Versicherung "das hier ist warmer Tee". Doch die ganze Wiener Stadthalle, rund 8.000, wissen, dass es Whisky ist. Frankieboy quittiert den Schluck mit "nice, nice". Er hat noch mehr Sprüche auf Lager. Nach "Angel Eyes" und "Strangers in the Night" hängt er das unvermeidliche "Doobedoobedoo" an. 

Im Bild: Frank und seine Tochter Nancy Sinatra. Hinterher erzählt er: "Als wir diese Nummer auf Schallplatte aufgenommen haben, da passierte nicht sehr viel zum Schluss hin. Und nur deshalb sang ich das Doobedoobedoo, und seither fragen mich alle Leute, was zur Hölle bedeutet dieses Doobedoobedoo. Jesus Christ, dabei war ich selbst ganz überrascht, dass die Kerle es auf der Platte gelassen haben." Ich war vor dem Wiener Konzert nach London gejettet. Zur Probe Sinatras in der Royal Albert Hall. Als der Sinatra-Privatjet "Number One", den er von Elvis Presley übernommen hat, auf Londons Airport Heathrow ausgerollt war, kletterte der Superstar im blauen Blazer heraus, auf dem Rücken war das Wort "Coach" eingestickt. "Gemeint ist ein Trinkerteam, dessen Chef Sinatra ist, natürlich nur ein kleiner Scherz unter Freunden", bemüht sich M. Danny O’Donovan, fischig-blonder Europarepräsentant Sinatras, lächelnd zu verbreiten. Frankieboys bevorzugte Marke ist "Seagrams VO" im "Claridge" für 470 Schilling die Flasche.

Im Bild: Sinatra als Baby. Jilly Rizzo, der unumgängliche Sinatra-Freund, gilt als seine Leibwache. Wenngleich der quicke Danny O'Donovan mir mit frommem Augenaufschlag über den New Yorker Restaurateur versichert: "Ich bitte Sie, Mr. Sinatra hat nie eine Leibwache, er bewegt sich immer völlig frei. Reiner Zufall, dass sein Freund Jilly auch ein großer Mann ist." Als alter Sinatra-Fan muss ich gestehen: "I got him, under my skin . . ." Doch, dass er sich ausgerechnet vor mir beschützen lässt? Diese Frage nagt sehr an mir, seit ich mich in der Royal Albert Hall in London zwar nicht – wie erwartet – mit "Ol'' Blue Eyes", sehr wohl aber mit seinen Gorillas konfrontiert sah. Ganz offensichtlich sensible Knaben mit dem Innenleben eines Eislutschers. Die Art, die einem beim Händeschütteln den Arm bricht. "Jeden Tag sehe ich ihn, wie er auf die Knie sinkt und Gott für alles dankt. Dann fragt er Gott, ob er etwas für ihn tun kann", lästert Frankie-Intimus Pat Henry. 

Im Bild: Frankie mit seiner Ehefrau Mia Farrow (von 1966 - 68). Wenn der einen Whisky trinkt, dann knurrt er: "Hey, ein Eiswürfel mit einem Loch, mit so was war ich doch acht Jahre verheiratet." Als Frank Sinatra noch den blinden José Feliciano unter seinen schützenden Fittichen hatte, da saß Pat Henry mit den beiden und Felicianos Frau bei Tisch. Sie stichelte auf Henry los, bis der mit der Freundlichkeit lauwarmen Vitriols ätzte: "Wenn du jetzt nicht endlich deinen Mund hältst, dann erzähle ich deinem Mann, wie du aussiehst." Es ist die Art von Witzen, die Frank Sinatra selbst reißt.

O Frankie! Die Frauen liebten den Entertainer; nach seiner Trennung von seiner zweiten Frau Ava Gardner blieb er lange solo. Als er in Las Vegas als "Ol' ' Blue Eyes" vor 1.200 Nobelgästen – darunter Cary Grant, Tom Jones, Debbie Reynolds, und Schnulz enpianist Liberace – sein Comeback feierte und in "Caesar's Palace" trotz Klimatisierung die Hitze unerträglich wurde, da spöttelte Frankieboy: "So heiß war mir nicht mehr, seit ich über die Mafia aussagen sollte." Frank sang noch ein zweites Mal in Wien. Das hatte 1984 Helene von Damm, damals US-Botschafterin für Österreich, eingefädelt. Sinatra und Gattin Barbara flogen mit Niki Lauda an: "Er ist nicht sehr glücklich mit seinem DC-9-Privatjet" erfuhr Niki, "der geht nur bis auf 35.000 Feet. Sinatra will höher raus, denkt an einen Lear-Jet." Diesmal verzichtete Sinatra auf Moneten. Unterm Strich blieben 3,5 Millionen Schilling für bedürftige Kinder, Stadthallen-Chef Anton Zahnt hatte von vornherein jedes Begehren nach Freikarten abgewürgt. Schließlich war er ein gebranntes Kind. Nach Sinatras Stadthallenkonzert im Mai '75 war Zahnt verdonnert worden, wegen telefonisch zugestandener Überweisung von 141.694 Dollar Gage für 62 Minuten Show kassierte er als Mitschuldiger wegen "Verstoßes gegen die Devisenbestimmungen" in 1. Instanz eine Strafe von 180.000 Schilling, die zweite Instanz reduzierte auf 80.000 Schilling. Seine Karten hatte er diesmal selbst bezahlt.
(kurier / Roman Schliesser) Erstellt am
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