Prominenz im Wandel: Austrias Topmodels

Heute suchen sie Österreichs Topmodel per TV-Casting. Hat es alles schon gegeben. Zwei Mal "Miss World", zwei Mal "Miss Europe". Auch wenn eine davon als diebische Elster verhaftet wurde.

Eigentlich wurde sie gleich drei Mal entdeckt. Beim zweiten Mal war sie in Stockholm Tellerwäscherin – "um eine Aufenthaltsgenehmigung zu kriegen" – und dazu gehörte, dass sie das Geschirr von den Tischen abräumte. "Aber damit verdiente ich schließlich Geld, denn wir hatten keinen Heller und schliefen nachts auf Parkbänken", seufzt die Urururenkelin des k. u .k. Feldmarschalls Radetzky, Elisabeth Fallenberg, mehr als 20 Jahre lang Österreichs Topmodel Nr. 1.

Im Bild: "Miss World" Ulla Weigerstorfer. Mit 17 war sie von daheim, wohlbehütet in nobler aristokratischer Geborgenheit – Mama war als Radetzky-Ururenkelin eine Gräfin Walterskirchen Freifrau zu Wolfsthal – abgepascht. Aus schierer Liebe. Zwei Tage, nachdem Jungfilmer Franz "Bonzo" Fallenberg (aus der Mariahilfer Falnbigl-Textildynastie) in den liberalen Norden abgetaucht war. Prompt wurde geheiratet, wenige Tage später ortete ein Fotograf die grazile Wienerin und wollte sie unbedingt als Model für ein paar Fotos: "Ich hab' blöd gelacht, Nägel gebissen, wusste ja nicht, dass da der berühmte schwedische Fotograf Cary Lash vor mir stand. Er platzierte mich mit einem anderen Mädchen in ein Amphibien-Auto. Ich hab' mich zu Tode geniert, aber genau das gemacht, was die andere tat. Zwei Tage später erschien das Foto in der Zeitung Dagens Nyheter und ich bekam für einen Tag mehr, als ich im ganzen Monat als Tellerwäscherin verdienen konnte."

Im Bild: Elisabeth Fallenberg 1997. Die Ehe mit Fallenberg hielt nur wenige Monate, aber ihr blieb der Name, während ihr Angetrauter in den Hippie-Sog abtauchte. Sie jobbte für Charles Jourdan, ein nobles Schuhgeschäft, als sie der berühmte Will McBride für den stern vor die Kamera holte: "Mein erster professioneller Job – Fotos für die Antibabypille, gegen die die Kirche ganz entschieden war. Wie fotografiert man so was? Für die Kirche hab' ich, was ich sowieso immer getan habe, Nägel gebissen. Für die normale Pillen-Werbung hab'ich den Finger im Mund gehabt und ganz unschuldig dran gelutscht." Dafür war die adelige Pillenlutscherin mit den angebissenen Fingernägeln plötzlich gefragt. "Twen", das junge Magazin, stellte die Schlachten des alten Grafen Radetzky mit der Urururenkelin nach. Jedenfalls zeigten die "Twen"-Fotos Wirkung. In New York arbeitete daraufhin der berühmte Fotograf Peter Basch mit ihr: "Damals habe ich zum ersten Mal viel Geld verdient. Wilhelmina, deutsches Ex-Model, nahm mich unter Vertrag, als ich mit 23 wieder nach New York kam." Wilhelmina und New York kamen nie wirklich zum Tragen. Die Fallenberg hatte sich wieder verliebt. Pedro Kramreiter hatte sich aufgedrängt. "Ich habe zwar noch nie fotografiert. Aber Sie muss ich fotografieren. Nur wenn ich Ihre Fotos vorlegen kann, krieg' ich den Job bei diesem Fotografen." Als Elisabeth und Pedro ihre erste gemeinsame Wohnung im Grinzinger Trummelhof bezogen, wurden sie meine Nachbarn. Die Fallenberg hatte ich schon früher, beim Presserummel um Brigitte Bardot vor der Premiere ihres Films "Viva Maria" in München, kennengelernt. Natürlich war ich zum House-Warming meiner Nachbarn eingeladen. 

Im Bild: Elisabeth Fallenberg mit Pedro Kramreiter. Vorher kam noch mein Freund Hans Janitschek, zu der Zeit noch Generalsekretär der Sozialistischen Internationale, mit zwei Ministern der chilenischen Regierung Allende auf einen Schluck Whisky. Die Chilenos trugen brav ihren Whisky in der Hand, als wir uns bei den Nachbarn in den Party-Rummel stürzten.

Da tummelte sich, wie zur besten Zeit des Ururur-Feldmarschalls eine blaublütige Meute, gespickt mit Adelsprädikaten, die zu tragen die Republik verboten hatte: von Fürst Georg Festetics, Prinzessin Marie-Christine Bourbon-Parma, Heinrich Prinz Reuss III., Prinz Karl"Kari" Schwarzenberg, damals noch nicht Fürst und tschechischer Außenminister, Baronesse Marie-Louise Reininghaus mit der Tochter des französischen Außenministers Robert Schuman. Wir wären als neue Gäste im brodelnden Blaublut glatt untergegangen. Also warf ich mich in Positur, klatschte in die Hände und verkündete als Klatschkolumnist: "Meine Damen und Herren, Herr Hans Janitschek, Generalsekretär der Sozialistischen Internationale, und die Herrn Minister der sozialistischen Regierung Allende!" Betretenes Schweigen. Dann die sonore Stimme von Prinz "Kari" Schwarzenberg: "Das kann aber sehr unangenehm werden!" Wurde es nicht.

Zu früher Morgenstunde, verriet Pedro den trinkfreudigen Chile-Sozis in der Küche mit Blick auf die Grinzinger Kirche, dass er den Kirchturm samt Uhr gekauft habe. Und der rote SI-General, der schon als Sekretär von Otto von Habsburg Aristo-Erfahrung gesammelt hatte, genoss eine dauerhafte Amour mit Baronin Marie–Louise. Zwanzig Jahre lang war die Fallenberg Österreichs Topmodel mit Tagesgagen bis zu 100.000 Schilling. Sie rekelte sich rund um den Globus – Bahamas, Bali, Hongkong, Seychellen und im eisigen Moskau – vor der Kamera. "Mein letztes Shooting hatte ich mit Jerry Hall, damals noch mit Mick Jagger verheiratet."

Im Bild: Uschi Obermaier, die legändere Münchnerin posierte auch gemeinsam mit Elisabeth Fallenberg. Privat hatte Elisabeth eine schwierige Hürde zu nehmen. Als Pedro Kramreiter, inzwischen als Modefotograf toll im Rennen, sie nach seiner Scheidung heiraten wollte, musste Elisabeth erst einmal ihren An-getrauten Fallenberg suchen. Sie war noch immer verheiratet. Nach Monaten fand sie ihn als Guru in einer Hippie-Kommune in Goa. Die Scheidung mit Hilfe des Konsulats ging glatt vonstatten. Auch Hippies brauchen Geld.

Kein anderes rot-weiß-rotes Model wurde wohl als Tellerwäscherin entdeckt. Die wahre Quelle waren vielmehr die gering geschätzten Miss-Wahlen. Da hatte Österreich allein bis 1971 eine fabelhafte Bilanz vorzuweisen: Eine "Miss World"-, zwei "Miss Europa"-Titel, vier Zweitplatzierte bei "Miss Europa"-Konkurrenzen und drei Platzierungen bei "Miss Universum"-Wahlen.

Im Bild: Uschi Obermaier. Schon 1949, bei der zweiten Miss-Wahl nach dem Krieg, gewann Nadja Tiller (Bild) den "Austria"-Titel und machte Karriere: Mannequin bei Wiens Modezar Fred Adlmüller und dann ab zum Film. Ihr erfolgreichster Streifen: "Das Mädchen Rosemarie" nach dem Mord an dem Spitzen-Callgirl Rosemarie Nitribitt. Die Steiermark steuerte gleich zwei "Miss World"-Siegerinnen – 1969 Eva Rueber-Staier  und 1987 Ulla Weigerstorfer (Bild), die bei der "Miss Austria" nur Platz 2 belegt hatte. Die bekannteste "Miss Austria" nach 2000 ist wohl Christine Reiler (Bild), sie gewann 2007 den Titel, ist inzwischen aber auch Dr. med.

Das sich anbahnende "Fräulein Wunder" der Alpenrepublik schockte mit einem Knalleffekt, nachdem "Miss Europa 58", Hannerl Ehrenstrasser bei Harrods, dem Londoner Kaufhaus, verhaftet worden war. 1,76 Meter groß, 59 Kilo schwer und mit den Maßen 94-57-94 eine Idealfigur, hatte sie beim Schneider der Queen, Norman Hartnell, als Model gearbeitet. Sie gestand, in London allein Juwelen und Pelze im Wert von rund einer halben Million Schilling gestohlen zu haben. Aufgelistet: Ein Diamantring im Wert von 1.245 britischen Pfund, eine Diamantbrosche, 345 Pfund, Diamantring und Ohrklipse für 510 Pfund, einen Nerzmantel, eine Nerzstola für insgesamt 2.895 Pfund. Dazu kam noch die Beute einer Blitztour nach Frankfurt: zwei goldene Armbänder, eine Diamantbrosche und einen Aquamarin-Ring für 1.400 Mark innerhalb von vier Stunden. Vor Gericht war sie geständig: "Ich hatte Angst, dick zu werden und habe als Appetitzügler Preludin genommen!" Richter Mac Nair ließ die Argumentation, die schöne Hanni sei durch das Suchtgift in die Diebstahlsorgie getrieben worden, nicht gelten und verurteilte die Wienerin zu einem Jahr Gefängnis. Mit völlig legalen Mitteln sorgten zwei Schönheitsköniginnen für Schlagzeilen. Die Salzburger Beauty Brigitta Cimarolli gewann in Tokio das Rennen um den Titel "Miss Young International", der ihr nicht nur einen edlen Kimono, sondern auch sagenhafte Fotoverträge bescherte. Schon vorher war sie Salzburger Landesmeisterin im Schach geworden. Bei einem Simultanspiel gegen den russischen Weltmeister Anatoli Karpow war sie so gut, dass ihr der Bretter-Champ sogar ein Remis anbot. Brigitta: "Das war sehr liebenswürdig von ihm." Sie landete 1983 auf dem Cover von "Penthouse" und im Jahr darauf prompt mit ihrer besten Freundin Carina Schally, "Penthouse-Girl of the Year", in mehr als nackter Zweisamkeit auf neun Seiten des Hustler-Magazins. 

Im Bild: Sonja Kirchberger. Als "Venusfalle" schaffte es die Wienerin Sonja Kirchberger (Bild) gleich mit ihrem ersten Film als Verführerin Coco ein Star zu werden, Regisseur Robert van Ackeren hatte sie im Möbelkatalog entdeckt. Inzwischen hat sie es auf 42 Filme und TV-Drehs gebracht. Sie ist zweifache Mutter, lebt auf Mallorca und in Berlin. Nach Wien kam sie 2005 für die "Vagina-Monologe". Die größte Karriere hat aber doch "Miss World 1969" gemacht – Eva Rueber-Staier (Bild), Jahrgang 1951 aus Bruck an der Mur: Den "Miss Austria"-Titel in Kitz geholt, mit dem sie gleich eine komplette Hochzeitsausstattung gewann. Drei Monate später wollte Eva ihren damaligen Verlobten, den jungen Grazer Rechtsanwalt Dr. Peter Stark heiraten. Doch vorerst lockte die "Miss Universe"-Competition in Miami Beach und sie schockte die Amis schon beim ersten TV- Interview mit dem Sager: "Mao ist für mich der Größte!"

Dafür drückte ihr in London 1969 Weltstar Omar Sharif die Krone der "Miss World" 1969 aufs blonde langmähnige Haupt. Als Siegesprämie kassierte sie mit ihren Maßen 91-57-91 bescheidene 2.500 Pfund (160.000 Schilling), in bar, erhielt aber gleichzeitig Foto- und Filmverträge über 30.000 Pfund (1,9 Millionen Schilling). An das große Geld kam Eva später. Nachdem Bob Hope (Bild) sie auf seine Vietnam-Tour mitgenommen hatte, meldetet sich 007-Produzent Broccoli und engagierte sie gleich für drei James-Bond-Filme. In "The Spy Who Loved Me", "For Your Eyes Only" und "Octopussy", da spielte sie die Assistentin Rubelvitch des Sowjet-Generals Gogol. Evas beste Freundin war ebenfalls Topmodel, Erika Bergmann aus der Schicht-Dynastie: "Ich bin Grazerin, bis Bruck sind's 55 Kilometer, aber in der Steiermark haben wir uns nie getroffen. Erst in London bei einem Foto-Shooting." Beide sind glücklich verheiratet.

Die Heiratsausstattung, die Eva Rueber-Staier damals in Kitz gewann, kam nie zum Tragen. Das hatte ich schon nach der "Austria"-Wahl in der "Tenne" von Kitz prophezeit. "Die Verlobung mit Dr. Peter Stark wird in die Brüche gehen, wenn sie jetzt im Modelbusiness startet." Krupp-Erbe Arndt von Bohlen und Halbach wettete eine Flasche Champagner dagegen. Er blieb sie mir bis heute schuldig.
(kurier / Roman Schliesser) Erstellt am
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