Michael Patrick Kelly: Vagabund, Mönch und Rampensau

Patrick Kelly auf Promo-Tag in Wien…
Foto: /Bitesnich Andreas H. Patrick Kelly präsentiert sein neues Album "iD"

Wie er sich von der Family löste, was er im Kloster lernte & warum er Musik wie das Atmen braucht.

Im Campingwagen in Dublin geboren, aufgewachsen im Doppeldeckerbus, im Hausboot und auf Schloss Gymnich in Nordrhein-Westfalen. Mit seinen Geschwistern begeisterter Michael Patrick Kelly (39) ab Mitte der 1990er-Jahre mit mehr als 20 Millionen verkauften Tonträgern ganze Heerscharen an Fans. 2004 zog er sich zurück und lebte als Bruder John Paul Mary in einem Kloster im französischen Burgund.
2010 kehrte er den Mönchen den Rücken und heiratete drei Jahre darauf seine Jugendliebe.
Derzeit begeistert er nicht nur im Tauschkonzert "Sing meinen Song" auf VOX, er brachte auch sein neues Soloalbum "iD" heraus. Der KURIER traf den geerdeten Musiker zum inspirierenden Dialog in Wien.

KURIER: Du hast einmal den Satz gesagt, dass du aufgrund deiner Vergangenheit mit der Kelly Family Teil einer kollektiven Identität warst. Dein neues Album heißt „Identity“. Ist das jetzt, überspitzt formuliert, der ultimative Befreiungsschlag?

Michael Patrick Kelly: Ich habe das Album jetzt nicht ,iD‘ genannt um ein Statement in diese Richtung zu setzen. Meine letzte Tournee mit den Geschwistern war 2004, das ist 13 Jahre her. Also gab es jetzt schon 13 Jahre einen neuen, individuellen Weg. Ich genieße die Freiheit heute als Solokünstler Dinge zu tun, die ich damals nicht machen konnte. Ich habe so viele Facetten in meinem Musikgeschmack und sie alle gehören zu meiner musikalischen Identität. Das Album ,iD‘ ist eine Auseinandersetzung mit der Frage meiner Identität. Es fängt damit an, dass ich nicht an einem Ort groß geworden bin, zur Schule gegangen bin. Ich war ständig auf Achse. Erst im Doppeldeckerbus, dann auf dem Hausboot und irgendwann landete ich mit Anfang 20 in einem Schloss.  Für diese erste Phase meines Lebens, diese ersten 27 Jahre, bin ich sehr dankbar. Dann kam die zweite Phase, das ist die Zeit im Kloster, diese sechs Jahre und jetzt, seit sieben Jahren, genieße ich das, was ich die dritte Phase nenne. The Golden Age - ,best oft both worlds‘.

Michael Patrick Kelly Foto: Kurier/Juerg Christandl KURIER-Redakteurin Lisa Trompisch im Interview mit Patrick Kelly Deine Zeit im Kloster - von den großen Bühnen dieser Welt zurück in die selbstauferlegte, selbstgewählte Einsamkeit. Und das sechs Jahre lang. Und dort hast du ja wenig Musik gemacht, dich viel mit dir selber beschäftigt. Wie prägt das einen, wie passen diese beiden Welten zusammen?

Eigentlich passen sie nicht wirklich zusammen. Im Kloster gibt es ein sehr geregeltes, asketisches Leben. Vier, fünf Stunden Gebet pro Tag. Dann studiert man Philosophie und Theologie. Es gibt manuelle Tätigkeiten: Ich hab in der Töpferei und in der Wäscherei gearbeitet. Heute ist es so, dass ich in meinem Alltag Momente habe, wo ich das Handy ausschalte, stille Momente einbaue und meine Meditation- und Ruhezeiten in mein Alltagsleben im Showbusiness einbaue. Ich mache auch immer wieder auch Einkehrtage in Klöstern um wieder vollzutanken. Ich möchte nicht in einem Hamsterrad leben, ich möchte aus einer guten und gesunden Basis in die Welt gehen.

Schwingt da auch die Dankbarkeit mit, die Dankbarkeit das erlebt zu haben?

Auf jeden Fall! Ich würde es vielen Menschen wünschen, so etwas machen zu können, weil man wirklich zum ersten Mal sich mit den wirklich wichtigen Fragen des Lebens über längeren Zeitraum auseinander setzten kann. Wer bin ich? Wo komm ich her? Was passiert nach dem Tod? Warum so viel Leid? Warum so viel Ungerechtigkeit in der Welt? Da kann man wirklich ans Eingemachte gehen. Das ist ein Geschenk, das ist unbezahlbar, das bekommt man nicht im Supermarkt.

Dein Bruder Joey hat vor kurzem in einem Interview über euren Vater gesprochen, den strengen Vater. Und da fiel das Wort „kompromisslos“. Hast du ihn auch so empfunden?

Mein Vater war ein Mensch, der sehr viel Mut hatte. Ich glaube, er hat einfach ,another way of life‘ leben wollen. Er und meine Mutter hatten diesen Traum von einer singenden, reisenden Familie und lange bevor in Europa Hausunterricht legal war, hat er das einfach gemacht. Er wollte kein Null-Acht-Fünfzehn-Showbusiness machen. Sein Lieblingslied war „My Way“ und er wollte alles ,his way‘ machen. Ich bin dankbar, aber es hat alles seine Vor- und Nachteile. Damals gab es ja nicht diese sozialen Netzwerke, über die man mit seinen Freunden in Kontakt bleiben konnte. Man hat versucht Freundschaften zu knüpfen und nach einem halben Jahr fuhr man weg und das war’s. Das sind die Nachteile. Dass der Erfolg so groß wird, hätte niemand vorhersagen können. Diese Überdosis an Aufmerksamkeit war mir irgendwann auch zu viel.

Joey, Barbie, John, Angelo, Jimmy (Reihe oben, v.l Foto: Getty Images/VORSCHAU getty Die Kelly Family Ist vielleicht diese Überdosis auch ein Mitgrund, dass du jetzt bei dieser Reunion, bei der Comeback-Tour deiner Geschwister nicht dabei bist?

Nicht wirklich. Wenn man so eine Reunion macht, müsste es für mich eine sein, wo wirklich alle dabei sind. Dafür hat das Timing nicht gepasst. Mit Albumproduktion, Promotion und Tournee ist das ein Eineinhalb- bis Zweijahres-Projekt und ich habe jetzt ein anderes Lebenskonzept. Um eine so lange Zeit diesem Projekt zu widmen, hätte es später stattfinden müssen. So soll jetzt jeder seinen Weg gehen.

Du bist ja musikalisch extrem begabt in viele Richtungen. Aber wo fühlst du die am meisten zu Hause?

Klassisches Songwriting ist wohl mein Zuhause. Ich muss aber sagen, dass diese ,Sing meinen Song'-Erfahrung mir sehr geholfen hat meinen Horizont zu erweitern. Mein Lieblingsort ist die Bühne, ich liebe sie, fühle mich da wie ein Fisch im Wasser, wenn ich ein Publikum vor mir habe. Es gibt Momente, da bin ich im Alltag sehr zurückhaltend, aber wenn ich auf der Bühne bin, dann bin ich eine Rampensau. Die Bühne war als Kind mein Spielzimmer. Das fühlt sich sehr natürlich an.

Wo siehst du dich in 10, 20 Jahren?

Ich sehe mich nicht in 10 oder 20 Jahren. Ich versuche mich im Hier und Jetzt zu sehen. Das ist eine Sache, die ich im Kloster gelernt habe. Es gibt einen schönen Satz: Ich reflektiere über die Vergangenheit, ich plane die Zukunft, aber ich lebe im Heute. Ich denke, dass Musik immer mein Ding sein wird, weil ich ohne Musik krank werde. Das ist wie Atmen. Das war auch einer der Gründe, warum ich nicht im Kloster geblieben bin. In den letzten zwei Jahren hatte ich immer wieder gesundheitliche Probleme und irgendwann haben die älteren Mönche gesagt, dass sie glauben, dass ich mir eine Frau suchen, Musik machen und mit Gott gehen soll.

(kurier) Erstellt am
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