Fräulein Sophies Gespür für Frauen

Ellen DeGeneres, Portia de Rossi
Foto: AP US-Moderatorin Ellen DeGeneres und Portia de Rossi sind eines der wenigen lesbischen Paare, das in der Öffentlichkeit zu ihrer Liebe steht

Lesben sind in der Öffentlichkeit unsichtbar. Sophie Strohmeier will das mit ihrem Erotik-Roman ändern.

Sophie Strohmeier sitzt an einem kleinen Tisch im Cafe Espresso, ein Lokal im Stil der 50er-Jahre. Sie trägt einen schwarzen Pullover, darunter eine hochgeschlossene Bluse. Ihre Nägel sind dunkelrot lackiert. Im Hintergrund läuft Edith Piafs „La vie en rose“. Strohmeier, geboren im Waldviertel, aufgewachsen in Pennsylvania, studiert in Wien Slawistik und Romanistik. Die 25-Jährige hat gerade ihr erstes Buch – Titel: „Küss mich, Libussa“ – geschrieben. Ein erotischer Lesbenroman.

KURIER: In Ihrem Roman begehrt Studentin Marie die Professorin Libussa. Sie verführt auch andere Frauen und stürzt sich in zahlreiche Liebesabenteuer, wieso?

Sophie Strohmeier: Das Thema Selbstfindung und Emanzipation von Lesben wurde oft genug thematisiert. Mir fehlte die Geschichte einer jungen Frau, die ihre Lust auslebt ohne zu fragen, was macht das aus ihr. Casanova fragt sich auch nicht ständig, was seine Frauenliebe für seine Identität bedeutet.

Sie verwenden im Buch eine direkte Sprache, erzählen genau, wie Marie ihre Mitbewohnerin befriedigt.

Sophie Strohmeier Foto: KURIER/Jeff Mangione Diese Sprache habe ich bewusst gewählt, auch wenn Feministinnen aufschreien. Das ist wie mit den Lesben-Szenen in Filmen, denen vorgeworfen wird, sie sollen Männer befriedigen. Das verstehe ich nicht, denn ich will das auch sehen. Vielleicht habe ich da eine eher „männliche“ Sichtweise. Das Buch ist nicht nur für Frauen geschrieben, die Spannung, ob man jemanden kriegt oder nicht ist eine universelle Sache.

Was ist das Besondere an Marie, der Studentin?

Es ist vor allem ihre ungebremste Freude an ihrer Begierde. Ein bisschen Vorbild war hier Beebo Brinker, Heldin einer Serie lesbischer "Pulp novels" von Ann Bannon, die seriell erotische Erlebnisse mit Frauen pflegt. Marie ist einerseits ein romantischer Ritter, der am liebsten nur in der Verehrung seiner Dame aufgehen möchte, andererseits ist Marie aber sehr aktiv. Sie initiiert die meisten ihrer erotischen Erlebnisse selbst und ist auch nie verwundert über ihre eigene Sexualität. Sie sieht ihre Sexualität nicht als ein Unglück oder Hindernis, sondern als Abenteuer oder als etwas Wunderbares. Ich habe Marie bewusst nie beschrieben. Ihr Aussehen, ihre Kleidung und Frisur bleiben also dem Leser überlassen. Sie könnte eigentlich jede junge Frau sein.

Wie werden lesbische Frauen bei uns in Medien dargestellt?

In Österreich habe ich kein Bild von ihnen. Vielleicht gibt es das, nur sehe ich es nicht. Es gibt auch kaum Filme über Lesben. Nur einige, die sich historisch mit dem Thema auseinandersetzen, wie die deutsche Produktion „Aimée & Jaguar“. Das war aber vor 15 Jahren. Im künstlerischen Bereich gibt es nicht viel. Die Szene ist eine Nische, die nicht reizvoll wirkt.

Warum ist das so?

Sie grenzen sich ab, indem sie das tun, was das Patriarchat (gegen das sie ja kämpfen) will: verschwinden, sich zurückziehen und unantastbar machen. Und zwar indem sie, das ist mein Eindruck, eine Elite formieren, die sagt, was genau „lesbisch“ wäre und was nicht. Zum Beispiel: Haarlänge und Aussehen. Es gibt einen Unterschied zwischen lesbisch als Sexualität und lesbisch als Kultur. Aber diese Kultur könnte sich auch so gestalten, dass der „Rest“ der Kultur, sagen wir, Heteros und Bisexuelle oder Menschen, die sich an keiner Orientierung festlegen, an ihr mehr Interesse finden. Ich denke, dass dieses Interesse verschwindet, weil der „Rest“ der Kultur Angst hat sich zum Beispiel „unkorrekt“ zu verhalten.

Was sollte sich ändern?

Ich warte auf den Moment, wo Lesben aufstehen und sagen wir sind cool. Dieses Abschotten führt dazu, dass sie sich in eine Opferrolle drängen. Immerhin geht es um Sexualität, um den Ausdruck von Lust an Dingen, nicht um eine Krankheit oder darum, dass jemand Haarausfall hat. Deshalb ist es absurd, dass sich eine Minderheit, die sich anhand einer so schönen Sache identifiziert so versteckt.

… Foto: Jeff Mangione/Kurier Serien wie Grey’s Anatomy oder Sex and the City bauen lesbische und schwule Figuren ein.

Das ist mein Lieblingsthema (lacht). Statistisch gesehen gibt es pro Serie mehr LGBT-Figuren (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Anm.), als es im echten Leben geben könnte. Ich finde es gut, dass es sie gibt. Sie können helfen, weil manche den Drang nach Identifikation spüren, dadurch, dass die Welt hetero gegeben ist.

Es werden Klischeerollen gezeigt.

Bei Lesben gibt es viele Stilfiguren. In der Literatur ist es meist so, dass die Lesbe stirbt oder Selbstmord begeht. Dann gibt es die böse Lesbe, wie „Rebecca“ von Alfred Hitchcock, oder die Vampirlesbe. Wobei ich diese Figuren, wenn sie interessant verwendet werden, sehr cool finde.

Oder die Lesbe im Frauengefängnis

Ja, allerdings finde ich diese Klischees manchmal lustig. Genial ist es, wenn man sie als Künstler verändern kann. Die US-Serie „Orange is the new Black“ spielt in einem Frauengefängnis. Interessant ist, dass die Figuren sexy sind, obwohl sie nicht heiß aussehen. „Big Boo“, eine Kampflesbe, spiegelt die Seite von weiblicher Homosexualität, die man nie sieht – sie ist groß, nicht auffallend hübsch, aber lustig, warmherzig und cool – so etwas fehlt. Lesben werden oft als hässliche Frauen dargestellt, die sich in einer tristen Situation befinden und bedauernswert sind.

Sie haben als Teenager in den USA gelebt. Haben Sie dort auch die erste Liebe erlebt?

Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Als ich 14 war, habe ich meinen Eltern gesagt, dass ich auf Frauen stehe – sie haben gelacht und meinten naja, schauen wir mal. Mit 16 hatte ich einen Freund und dann kam dieses Mädchen. Wir waren an der High School im gleichen Theaterkreis. Sie war ein Jahr älter und total belesen. Sie ist heute einer meiner besten Freundinnen. Damals habe ich mich zum ersten Mal auf die Suche nach lesbischer Literatur gemacht. Dadurch, dass ich keine Lesben kannte, habe ich Lesben oder Frauen in Büchern gesucht und gefunden.

Es fehlt also an Vorbildern?

Es braucht mehr positive lesbische Heldinnen in Büchern, Filmen und Fernsehen. Mir fehlen die einfallsreicheren Darstellungen von Lesben und die Vielschichtigkeit der Figuren. Leser sollten das Gefühl haben in ein Geheimnis einzutauchen. Libussa ist das Geheimnis und die spannendste Figur in der Geschichte. Aber das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich sie so scharf finde (lacht).

Buchcover, Küss mich Libussa… Foto: Edition A Buchtipp: „Küss mich, Libussa“ von Sophie Strohmeier vereint Pornografie und Poesie (Edition a, 19,95 Euro).

Nachgefragt

„Junge Frauen brauchen Vorbilder“

Journalistin Elke Amberg über die Präsenz von Lesben in Medien

Schwule Männer aus der Politik, oder Unterhaltungsbranche sind in Medien häufig präsent. Wie steht es aber um Lesben? Die deutsche Kommunikationswissenschaftlerin und Journalistin Elke Amberg hat die Berichterstattung zu zwei zentralen lesbisch-schwulen Themen, „Christopher Street Day“ und rechtliche Gleichstellungsfragen, analysiert. In vier Tageszeitungen fand sie dazu insgesamt 81 Artikel, die allerdings den Großteil der lesbisch-schwulen Berichterstattung abdecken. Die Ergebnisse erschienen im Buch: „Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden“ (Ulrike Helmer Verlag).

… Foto: Michael Kremer, München Ihr Fazit: Nur in sechs Artikeln standen lesbische Frauen im Mittelpunkt. Im Kontext von Mutterschaft und Coming-out. „Das bildet nicht die Vielfalt lesbischen Lebens ab. Auch im Fernsehen kommen sie oft in stereotypen Rollen vor, als krank, drogensüchtig oder kriminell“, sagt Amberg. Vor allem für junge Frauen im Coming-out sei es wichtig, unterschiedliche Lebensentwürfe zu zeigen. „Sie brauchen Vorbilder. Viele sind verunsichert, haben Klischeebilder im Kopf.“ Prominente lesbische Frauen, wie Moderatorin Anne Will tragen dazu bei, Lesben in den Medien sichtbarer zu machen. Warum outen sich nur wenige Frauen? „Frauen, die in Machtpositionen stehen, müssen oft kämpfen. Als offen lebende Lesbe machen sie sich angreifbar. Viele outen sich erst, wenn sie nichts mehr zu verlieren haben aus Angst, es könnte gegen sie verwendet werden.“

… Foto: Helmer Verlag Die starke Präsenz schwuler Männer ist historisch bedingt. „Sie haben u. a. durch die Aids-Krise und die dadurch gewonnene Medienpräsenz inzwischen eine andere gesellschaftliche Akzeptanz. Lesben hatten und haben heute noch mit anderen existenziellen Themen zu kämpfen wie Selbstbestimmung, Gewalt oder Einkommen.“

(kurier) Erstellt am
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