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02/25/2020

Harvey Weinstein: Vom Hollywood-"Gott" zum verurteilten Vergewaltiger

Der Schuldspruch gegen den Ex-Filmproduzenten ist ein Teilerfolg für #MeToo-Bewegung, die Weinstein ins Rollen gebracht hatte.

Harvey Weinstein zeigt kaum eine Regung, als das Urteil der Geschworenen verlesen wird. Schuldig der Vergewaltigung, schuldig der schweren sexuellen Nötigung. Der einst mächtige Hollywood-Mogul ist jetzt ein in erster Instanz verurteilter Sexualstraftäter, der für viele Jahre hinter Gittern landen könnte.

Es ist ein Teilerfolg für die #MeToo-Bewegung, die nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den 67-Jährigen entstanden war - aber noch lange nicht das Ende des Falls Weinstein. Fünf Tage lang berieten die zwölf Geschworenen über die Vorwürfe gegen den "Pulp Fiction"-Produzenten.

Der Druck war riesig: Der Prozess in New York wurde weltweit mit größter Aufmerksamkeit verfolgt, galt er doch als Prüfstein der #MeToo-Bewegung. Auf der Anklagebank: Ein einst gefeierter Filmproduzent und Oscar-Garant, der zum Ausgestoßenen wurde, zum Symbol für sexuelle Gewalt und die lange Zeit geltende Unantastbarkeit mächtiger Männer in Hollywoods Glitzerwelt.

Der Fall war zudem juristisch kompliziert. Zwar haben seit Bekanntwerden der ersten Vorwürfe im Herbst 2017 mehr als 80 Frauen Weinstein sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen. Vor Gericht kamen aber nur zwei Fälle: Der Gründer der Filmstudios Miramax und The Weinstein Company soll 2006 der Produktionsassistentin Miriam Haleyi Oralsex aufgezwungen und 2013 die Jungschauspielerin Jessica Mann vergewaltigt haben.

Doch es gab weder Zeugen noch materielle Beweise für die Taten. Die zwölf Geschworenen waren auf die Aussagen der mutmaßlichen Opfer angewiesen und mussten entscheiden, ob sie ihnen Glauben schenken oder Weinstein, der alle Vorwürfe von sich gewiesen hat und von einvernehmlichen sexuellen Beziehungen spricht.

Erschwerend kam hinzu, dass sowohl Haleyi als auch Mann nach den Taten mit Weinstein in Kontakt blieben - auch sexuell. Die Verteidigung zeichnete während der mehrwöchigen Gerichtsverhandlung das Bild von Frauen, die Weinsteins Nähe gesucht hätten, um ihre Karrieren zu fördern. Der Filmproduzent als Opfer, nicht als Täter.

Weinstein umgehend in Haft - es drohen 29 Jahre

Die Jury sprach Weinstein schließlich der Vergewaltigung in einem minder schweren Fall und der schweren sexuellen Nötigung schuldig. Freigesprochen wurde der Ex-Produzent dagegen vom Vorwurf der schweren Vergewaltigung und der wiederholten schweren sexuellen Angriffe. Das hätte für Weinstein lebenslange Haft bedeuten können.

11. Oktober 2017: Wegen der Vergewaltigungsvorwürfe setzt die britische Filmakademie Bafta die Mitgliedschaft des US-Filmproduzenten aus. Weinsteins Verhalten sei "völlig inakzeptabel und unvereinbar mit den Werten der Bafta" und habe "absolut keinen Platz" in der Filmindustrie. Die Bafta vergibt die wichtigsten Filmpreise Großbritanniens.

14. Oktober 2017: Hollywood kehrt Weinstein endgültig den Rücken: Die Oscar-Akademie schließt den Produzenten aus ihren Reihen aus. Nach einer Dringlichkeitssitzung in Los Angeles erklärt der 54-köpfige Vorstand, die Entscheidung solle die Botschaft aussenden, dass "sexuell aggressives Verhalten" in der Filmbranche nunmehr "vorbei" sei.

Die Welle der Empörung schlägt immer höher, der Zorn kanalisiert sich in diesen Tagen im Internet vor allem in einem Hashtag: #MeToo wird zum Schlachtruf der Debatte und des Kampfes gegen sexuelle Gewalt.

3. November 2017: Die New Yorker Polizei kündigt an, einen Haftbefehl gegen Weinstein wegen Vergewaltigung vorzubereiten. Konkret geht es um den Fall der Schauspielerin Paz de la Huerta. Sie hatte Weinstein beschuldigt, sie 2010 zwei Mal in New York vergewaltigt zu haben.

24. Mai 2018: Weinstein will sich angeblich den New Yorker Behörden stellen: Das berichtet die Zeitung New York Times unter Berufung auf namentlich nicht genannte Strafverfolger. Die Zeitung Daily News berichtet, Weinstein drohe mindestens eine Anklage wegen sexueller Gewalt. Der Fall reiche in das Jahr 2004 zurück.

31. Oktober 2018: In den USA sind neue Missbrauchsvorwürfe gegen den früheren Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein bekannt geworden. Eine aus Polen stammende Frau wirft Weinstein einen sexuellen Angriff im Jahr 2002 vor, als sie erst 16 Jahre alt war.

26. April 2019: Das Strafverfahren gegen Weinstein wegen sexueller Übergriffe soll erst am 9. September beginnen, teilt das Gericht in New York mit, vor dem der Prozess stattfindet. Verteidigung und Anklage hatten US-Medien zufolge mehr Vorbereitungszeit erbeten. Zunächst war der Prozessauftakt für Mai geplant gewesen, dann auf Juni verschoben worden.

23. Mai 2019: Weinstein erzielt in seinen Zivilverfahren wegen sexueller Übergriffe eine vorläufige Vereinbarung über eine Millionenentschädigung. Die außergerichtliche Regelung, die sämtliche Opfer und Gläubiger betrifft und auch die Verfahren in Kanada und Großbritannien einschließt, beläuft sich laut Medien auf 44 Millionen Dollar (39,4 Millionen Euro). Die strafrechtliche Verfolgung des Ex-Filmproduzenten bleibt davon unberührt.

12. Juli 2019: Weinstein präsentiert ein neues Anwaltsteam für seinen Prozess. Die Anwälte Donna Rotunno und Damon Cheronis aus Chicago würden nun zusammen mit Arthur Aidala aus New York seine Verteidigung übernehmen. Von mehr als einem halben Dutzend Anwälten hatte sich Weinstein zuvor schon getrennt - oder sie hatten selbst das Handtuch geworfen.

23. Oktober 2019: Rose McGowan, eine der Vorkämpferinnen der #MeToo-Bewegung, zieht gegen Weinstein vor Gericht. Die US-Schauspielerin ("Charmed - Zauberhafte Hexen") reicht vor einem Bundesgericht in Kalifornien Klage gegen den Ex-Hollywoodmogul ein.

11. Dezember 2019: Weinstein schließt eine weitere Vereinbarung über Entschädigungszahlungen an dutzende Frauen, die ihm sexuelle Gewalttaten vorwerfen. 25 Millionen Dollar (22,4 Millionen Euro) soll den Angaben seines Anwalts zufolge unter mehr als 30 Schauspielerinnen und früheren Angestellten Weinsteins aufgeteilt werden, die juristisch gegen den ehemaligen Hollywoodmogul vorgegangen sind. Die Anschuldigungen reichen von sexueller Belästigung bis Vergewaltigung.

16. Dezember 2019: Es wird bekannt, dass der Prozess gegen Weinstein am 6. Jänner 2020 in New York beginnen soll. Dies kündigte eine Anklägerin, das italienische Model Ambra Battilana Gutierrez, an.

24. Februar 2020: Harvey Weinstein ist der Vergewaltigung und schweren sexuellen Nötigung schuldig gesprochen worden. Zugleich sprach eine Jury in New York den 67-Jährigen am Montag aber von zwei Anklagepunkten wegen wiederholter schwerer sexueller Angriffe frei, die eine lebenslange Haftstrafe hätten nach sich ziehen können.

Auch jetzt droht ihm eine lange Gefängnisstrafe von fünf bis 29 Jahren. Richter James Burke will das Strafmaß am 11. März verkünden und ordnete bis dahin Haft für Weinstein an. Der Verurteilte, der sich im vergangenen Jahr einer Rücken-Operation unterzogen hatte und der immer mit Geh-Hilfe beim Prozess erschien, wurde aus dem Gerichtssaal geführt. Er wurde umgehend in das berüchtigte Gefängnis Rikers Island gebracht.

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, die Verteidigung will das Urteil anfechten. "Der Kampf ist noch nicht vorbei", sagte Chefanwältin Donna Rotunno.

Den Kampf wird Weinstein, den Oscar-Gewinnerin Meryl Streep einmal als "Gott" der Filmwelt bezeichnete, gleich an mehreren irdischen Fronten führen müssen. Auch in Los Angeles wurde Anklage gegen den 67-Jährigen erhoben, dort werden ihm zwei andere Sexualstraftaten zur Last gelegt als jene in New York. Außerdem gibt es Zivilklagen.

Den Kampf fortsetzen wollen aber auch die Aktivistinnen der #MeToo-Bewegung. Die Frauenrechtsgruppe Time's Up feierte am Montag den Beginn einer "neuen Ära der Gerechtigkeit". Es müsse aber weiter das "kaputte System" repariert werden, das es Serien-Straftätern wie Weinstein erlaubt habe, sich an Frauen zu vergehen. "Es gibt kein Zurück."

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