Stars 05.12.2011

Frühstück mit Gregor Seberg

Sprachgewandt. Als "Soko Donau"-Kommissar sorgt er im TV für Recht und Ordnung. Bei Backerbsensuppe verrät Gregor Seberg (44), warum Unrecht ihn wütend macht, Wien ihn, den gebürtigen Grazer, einst sprachlos machte und er Zoos immer frühzeitig verlässt.

Keine Spur von Sommer in Wien und keine Spur von ihm vor dem Wohnhaus. Keines der Schilder am Hauseingang zeigt seinen Namen. Nach einem Anruf - "Ihr seid zu früh, und ich noch nicht in der Panier" - und wenigen Schritten betritt der Besuch eine andere Welt. Seine Welt.

Gregor Seberg, der wieder als Kommissar Helmuth Nowak für die TV-Serie "Soko Donau" vor der Kamera steht, führt durch seinen pittoresken Garten inklusive Biotop und in seine Wohnung - exklusive Fotos, bis auf die Wohnküche. Nicht, weil er ein "Chaot" ist, wie er sagt, der eben noch eineinhalb Stunden aufgeräumt hat, sondern "weil Privates auch privat bleiben soll, so gut es eben geht in dem Beruf". Jetzt geht es um das verspätete Frühstück.

Der Schauspieler steht in der Küche und kocht noch vor dem Kaffee Wasser in einem Topf, damit er seiner kulinarischen Leidenschaft frönen kann. "Ich bin Maggi-süchtig! Egal, ob in Packerlsuppen, in Reis oder auf Reisen in kleinen Flaschen", sagt er und zeigt sogleich die Miniatur-Ausgabe mit kindlicher - nicht kindischer - Freude, ehe er einen Esslöffel Instantbrühe nach dem anderen in den Topf gibt. "Jetzt hab ich es wohl zu gut gemeint, aber schau' ma' mal!" Ob es das Schicksal gut mit ihm gemeint hat, nachdem auf seiner Homepage zu lesen ist "Im Alter von 14 erfolgte eine Zwangssiedelung nach Wien", lässt den 44-Jährigen kurz innehalten.

Demütigungsspiele

"Nie viel, sondern von allem ein bissl was", das mag der gebürtige Grazer vor allem beim Essen. In seiner Wiener Wohnung kredenzt er bei Kerzenlicht Backerbsensuppe, drei Pasteten, Obst, Käse und Kaffee.
© Bild: KURIER/Bissuti

Während die Suppe in die Schüsseln gelangt, gelangen die Worte leiser als zuvor aus ihm heraus, wandelt sich sein Sprachstil: "In den Wirren eines Menschenlebens ergeben sich derartige Dinge. Meine Mutter war sehr jung, als sie meine Schwester und mich bekommen hat. Zu jung vielleicht. Mein Vater hat sich vertschüsst. Das war der Grund, warum ich bei meiner Oma aufgewachsen bin." Bei der ersten Schaffnerin von Graz, in Graz, gemeinsam mit der um vier Jahre älteren Claudia, auf 28 , "in einer Siedlung zwischen Zentralfriedhof und der Gefangenen-Anstalt Karlau, in die sich an manchen Tagen nicht mal die Polizei hingetraut hat." Das klingt nicht nur brutal, das war es auch, wenn man Sebergs bildhaften wie gestenreichen Schilderungen weiter folgt. "Steine werfen, ins Gesicht schlagen, Demütigungsspiele eben. Die größte Strafe war: Nackt ausziehen, im Gebüsch anbinden, mit Brennnesseln schlagen und dann Schnecken auflegen." Nur Unschönes?

Sein breites Grinsen verrät das Gegenteil und fördert seine andere, humorvolle Seite zutage, während er die Suppe zum Tisch befördert. "Damals gab es die ersten ,Schmusungen' in der Waschküche. Ich habe mit meiner Schwester, die dauer-unglücklich-verliebt war, sehr früh, sehr viel über Männerprobleme geredet, zugehört, so, dass ich schon sehr früh ,wahnsinnig' gescheit war, was Frauen angeht", sagt er, und jetzt entkommt auch ihm ein Lacher und zu viel Maggi. "Ganz wichtig: Nie vorher kosten! Einfach gleich hinein schütten."

Ein paar Löffel Backerbsensuppe später: "Ich bin ein schwer erziehbares Kind gewesen, eine Rotzpip'n und ein Springinkerl und deshalb dann mit 14 nach Wien."

Dort angekommen, war er, der sich von klein auf für Sprache, Literatur und Theater interessierte, "plötzlich sprachlos. Ich musste zwei Fremdsprachen lernen: Wienerisch und Hochdeutsch." Das meint er, dessen unverkennbare, rauchig wie sanft wirkende Stimme in unzähligen Werbungen zu hören ist, der Romane von Wolf Haas als Hörbuch einliest oder Schiele-Lesungen hält, nicht komisch, sondern ernst.

Ein ernsthaftes Problem, dem er als Schüler wie Schauspielschüler am Konservatorium der Stadt Wien beikam, indem er mehr las, mehr zuhörte, mehr beobachtete. Anderem wurde er nicht so leicht Herr. Bis heute, wie er unumwunden zu - und damit viel von sich preisgibt. "Lange Zeit war mein Tun durch Wut geprägt. Ist es teilweise immer noch." Wut worauf? "Auf die Welt. Ich hätte gerne eine schöne, ideale Welt, voll von Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit. Ich bin aufgewachsen in einer Welt, wo es nicht so war, und erlebe rund um mich herum eine Welt, wo es nicht so ist." Was Seberg, das Springinkerl, meint, führt er auf dem Weg zurück in die Küche, um Kaffee zu kochen, aus.

Ohnmacht

"Nie viel, sondern von allem ein bissl was", das mag der gebürtige Grazer vor allem beim Essen. In seiner Wiener Wohnung kredenzt er bei Kerzenlicht Backerbsensuppe, drei Pasteten, Obst, Käse und Kaffee.
© Bild: KURIER/Bissuti

"Überall zeigt sich, wie der Stärkere mit dem Schwächeren umzugehen in der Lage ist." An seiner nun wieder ausgesprochen ausgefeilten Sprache zeigt sich, dass es um ihn zutiefst Berührendes geht.

Es geht um Menschen, Politik, Tiere und um seine Wut, "die immer auch Ohnmacht ist, weil der Einzelne so wenig tun kann -, aber man muss es tun, weil schon der kleinste Mosaikstein hilft. Ich engagiere mich für Asylanten, das ,Freunde schützen Haus' des Vereins Purple Sheep im 12. Bezirk. Das zeitigt auch Erfolge, allerdings immer nur Schritt für Schritt."

Einen ganz anderen Schritt weiter würde er gehen, wenn es um Tiere geht. Er, der gerne Naturforscher geworden wäre, dessen zwei Katzen nach dem südafrikanischen Anti-Apartheids-Kämpfer Nelson Mandela und dessen Frau Winnie benannt sind, "würde gerne das immense Tierleid abschaffen können. Ich würde, das ist die andere Seite von mir, gerne mit Tierquälern eine Stunde in einem geschlossenen Raum verbringen. Ich gehe in jeder Stadt, in der ich bin, in den Zoo. Jedes Mal mit dem Ergebnis, dass ich frühzeitig abbreche, weil ich es nicht aushalte, dass sie eingesperrt sind."

In seiner offenen Küche hält Seberg mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Er meint, was er sagt, und meint es ernst; auch wenn er Humorvolles zum Besten gibt.

Unschuldsvermutung

"Nie viel, sondern von allem ein bissl was", das mag der gebürtige Grazer vor allem beim Essen. In seiner Wiener Wohnung kredenzt er bei Kerzenlicht Backerbsensuppe, drei Pasteten, Obst, Käse und Kaffee.
© Bild: KURIER/Bissuti

Ernst ist es ihm insbesondere mit der politischen Situation hierzulande, wie er nicht nur auf der Bühne in seinem aktuellen Kabarett-Programm "Oh Du mein Österreich", sondern auch jetzt, während er Milch schäumt, kundtut. "Es dürfte den Schutzmantel der politischen Immunität nicht geben. Menschen müssen sich für das verantworten, was sie getan haben. Ich bin der Meinung, dass die FPÖ nachgerade allein für das fremdenfeindliche Klima in unserem Land verantwortlich ist und sie mit dem Feuer spielen."

"Nie viel, sondern von allem ein bissl was", das mag der gebürtige Grazer vor allem beim Essen. In seiner Wiener Wohnung kredenzt er bei Kerzenlicht Backerbsensuppe, drei Pasteten, Obst, Käse und Kaffee.
© Bild: KURIER/Bissuti

Er selbst spielte zuletzt in der gefeierten Inszenierung "Unschuldsvermutung" des Wiener Rabenhofs den Waffen-Lobbyisten Alfons Mensdorff-Pouilly. Auf die Frage, ob Theater-Abende wie die genannten etwas an der Einstellung der Menschen verändern können, gibt er zwei Antworten. So, wie er immer wieder zwei Seiten von sich zeigt.

Die humorvolle: "Ich habe ja die Theorie, dass wir in die Semmelbrösel etwas gemixt bekommen, damit wir schön ruhig bleiben, uns nicht wehren." Und die ernste: "Ich glaube nicht, dass einer der von uns Gespielten, sein Verhalten ändern wird. Aber wenn wir ihnen ein bisschen ans Bein pinkeln können, die Imagewerte etwas gestört sind, sich den Zuschauern vermittelt, dass es sich um keine Guten handelt, dann haben wir vielleicht ein bisschen was erreicht."

Dass er selbst beruflich unglaublich viel erreicht hat, wischt er sinnbildlich mit einer Handbewegung vom Tisch. Jüngst war er im ORF in "Schlawiner" und "Arge Talkshow" zu sehen. Seit fünf Jahren steht er für "Soko Donau" vor der TV-Kamera, immer wieder als Kabarettist und Schauspieler auf der Bühne, als Sprecher in Hörfunkstudios. Und dennoch: kein Anflug von Höhenflug.

Beigeschmack

"Nie viel, sondern von allem ein bissl was", das mag der gebürtige Grazer vor allem beim Essen. In seiner Wiener Wohnung kredenzt er bei Kerzenlicht Backerbsensuppe, drei Pasteten, Obst, Käse und Kaffee.
© Bild: KURIER/Bissuti

"Warum auch? Es gibt einen Beigeschmack in diesem Beruf, den ich komisch finde", sagt er, nachdem er einen Schluck Milchkaffee aus einer Schüssel getrunken hat. "Als Schauspieler wirst du, vor allem in Österreich, aus irgendeinem Grund immer gleich in die Höhe gehoben." Gregor Seberg ist am Boden geblieben. Spürbar für das Gegenüber.

"Nie viel, sondern von allem ein bissl was", das mag der gebürtige Grazer vor allem beim Essen. In seiner Wiener Wohnung kredenzt er bei Kerzenlicht Backerbsensuppe, drei Pasteten, Obst, Käse und Kaffee.
© Bild: KURIER/Bissuti

Luxus ist für ihn, sich eine schöne Wohnung leisten zu können, Zeit zu haben, die er gerne mit sich allein, Freundin Julia oder Freunden verbringt. Woher seine unglaubliche Bescheidenheit rührt? "Ganz einfach: Weil ich immer unter einfachen Leuten, in einfachen Verhältnissen groß geworden bin. Das vergisst man nicht. Die Wirklichkeit ist kein ruhiger Fluss, der nach oben fließt, sondern einer, der auch nach unten geht."

Wie fließt seine Wirklichkeit jetzt? "Ich bin irgendwo in der Mitte, auf einer gut aufgeblasenen Luftmatratze. Dessen bin ich mir bewusst."

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011