Kämpfer mit Herz: Kampfsportler und Buchautor Ronny Kokert

© Kurier/Juerg Christandl

Herrlich ehrlich
05/08/2021

Kampfsport-Weltmeister Ronny Kokert: Was man von Geflüchteten lernen kann

Der Kampfsportler brachte ein Buch über seine Erfahrungen mit Flüchtlingen – über ihre Ängste, Zweifel und Hoffnungen heraus.

von Lisa Trompisch

Aggressionen abbauen, Selbstbewusstsein aufbauen und die innere Ruhe, den inneren Frieden finden – das möchte Kampfsport-Weltmeister Ronny Kokert (50) in seinem 2016 gegründeten Projekt „Freedom Fighters“ vermitteln. Darin bringt er schwerst traumatisierten Flüchtlingen seine Art der Kampfkunst bei.

Und Kokert ist wirklich ein Kämpfer. Mit 13 musste er wegen einer Knochenmarkserkrankung monatelang das Spitalsbett hüten, ein eingeschränktes Leben ohne jeglichen Sport wurde ihm damals von den Ärzten prognostiziert. Doch damit findet er sich nicht ab, wie er in der SchauTV-Sendung „Herrlich ehrlich – Menschen hautnah“ erzählt.

„Ich habe diese ruhmreichen Samurai bewundert, vor allem aber den Spirit ihrer Kampfkunst, diese spirituellen Inhalte, wo es immer darum geht, innere Stärke zu entwickeln und dann nicht mehr kämpfen zu müssen. Ich habe dann begonnen zu trainieren wie wild, jeden Tag.“ Und er wurde immer besser, hat auf internationalen Turnieren gekämpft, viele Titel gewonnen – und er wäre daran fast zerbrochen.

Shinergy

Der gebürtige Wiener wollte jedem beweisen, wie stark er ist, hat dann auch im Alltag nur noch gekämpft, war in viele Schlägereien verwickelt. „Damals habe ich mich besonnen auf die Grundmotivation, und zwar den Spirit der Kampfkunst, und habe begonnen, ein Konzept zu entwickeln – Shinergy (aus dem Japanischen: Geist, Herz. Emotion), wo es darum geht, die Inhalte der Kampfkunst, dieses Verbindende, das friedliche Lösen von Konflikten in der Bewegung zu unterrichten.“

Mittlerweile ist seine Shinergy-Methode sogar ein Pflichtfach im Studium der Sportwissenschaften an der Universität Wien. Dabei geht es auch viel darum, mit Wut, Aggression und Angst umgehen zu lernen.

Mut zum Leben

„Aggression ist weder gut noch schlecht. Sie kann sehr viel Schaden anrichten, aber sie kann auch Kräfte mobilisieren. Angst kann lähmen und beflügeln. Und aus der Wut kann sehr viel Schaden entstehen, sich aber auch in Mut transformieren, nämlich Mut zum Leben, Mut, um sich Herausforderungen zu stellen und um mit Krisen und Schicksalsschlägen umgehen zu lernen“, so der inspirierte Kampfsportler.

Und mit Schicksalsschlägen müssen auch jene traumatisierten Flüchtlinge umgehen lernen, die Kokert in seinem spendenfinanzierten Projekt „Freedom Fighters“ trainiert und unterstützt. „Ich kann ihnen zeigen, wie sie mit Angst umgehen lernen, wie sie Kraft schöpfen und wie sie sich in diesem neuen Leben zurechtfinden können.“

Seine Schützlinge feiern auch sportlich Erfolge, Staats-und Weltmeistertitel im Kickboxen zum Beispiel. Aber natürlich erntete das Projekt auch viel Kritik, warum man Geflüchteten überhaupt das Kämpfen beibringt.

Und auch das alles verarbeitete Kokert in seinem Buch „Der Weg der Freiheit: Wie ich von Geflüchteten lernte, anzukommen“ (Kremayr und Scheriau; 22 €). Es wurden nämlich auch Burschen vom Training ausgeschlossen.

„Ich kann diese Ängste sehr wohl verstehen. Es gab sehr große Erfolge. Die Burschen sind meine Freunde geworden, fast Familie. Ich kenne deren Schicksale und deren Geschichten, aber ich bin mir natürlich bewusst, dass es auch sehr viele Probleme geben kann. Wir hatten ja auch einige Rückschläge und sind gescheitert im Asylverfahren, in der Selbstaufgabe bis hin zum Selbstmord, wo sich jemand umgebracht hat, weil er mit dieser Unsicherheit nicht mehr umgehen konnte. Auch im kulturellen Diskurs bin ich mir bewusst, dass Konflikte entstehen können. Aber es liegt halt an uns, dort wirklich hinzuschauen und den Einzelnen anzusehen.“

Angst kennt keine Tränen

Und hingeschaut hat Ronny Kokert auch im Flüchtlingslager Moria, wo er sich eingeschleust hat. „Dort müssen wir jetzt handeln, denn es sterben Menschen. Dort leben auch viele Kinder, ich habe aber kein einziges von ihnen weinen gesehen, denn Angst kennt keine Tränen. Die Menschen dort sind schwer traumatisiert, sind unter Schock, brauchen unsere Hilfe, brauchen Zugang zu einem fairen Asylverfahren, brauchen Zugang zu Nahrung, zu einem menschenwürdigen Leben, all das sind wir den Menschen dort und uns selbst schuldig.“

Was Ronny Kokert dort alles erlebt hat und was er mit seinem Buch erreichen möchte, sehen Sie im Video oben.

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